Winfried Dulisch schlendert durch Den Haag

Touristen fuhren einst nach Amsterdam und kamen anschließend hierher. Heute sparen sie sich den Umweg und reisen direkt nach Den Haag

Amsterdam ist die Hauptstadt der Niederlande. Den Haag ist Regierungssitz, der König, das Parlament und die Botschafter aus aller Welt arbeiten hier. Der Internationale Gerichtshof und mehrere Organsiationen heben Den Haag sogar auf eine Stufe mit UN-Standorten wie New York, Nairobi, Tokio, Genf und Wien.

Der Fremdenführer („Nenn mich einfach Totso“) beschreibt erst einmal den Unterschied zwischen den niederländischen Metropolen: „Der Flohmarkt in Amsterdam ist ein Vlooienmarkt, in Den Haag heißt er Antikmarkt. “ Das erhöht den Imagewert aller aus Den Haag mitgebrachten Souvenirs, die Preise sind aber ungefähr gleich. Noch wichtiger ist für einen Holländer ist diese Frage: „Sollen wir erst einen Kaffee trinken oder sofort aufs Fahrrad steigen?“

Nach dem Kopje Koffie radeln wir zum Paleis Noordeinde, dem Arbeitsplatz des Königs. Totso ist ein Fährtenleser und deutet auf die Pferdeäpfel. „Heute hat wieder ein Botschafter seinen Antrittsbesuch bei Willem Alexander gemacht, sie kommen immer mit der königlichen Kutsche.“ Abseits dieser diplomatischen Verpflichtungen gibt sich der Nachfolger von Beatrix recht volksnah. Totso: „Willem und ich gehen zum gleichen Friseur.“

Den Haag

Bitte aufsteigen: Totso macht Stadtführungen “op de fiets”

Oranje oben

Willems Vater, der immer ein wenig schüchtern wirkende Prinz Claus, teilte die Liebe der Holländer zur Musik des Barock und aus den davor liegenden Epochen. Der Sohn hat bislang noch keine musikalischen Vorlieben erkennen lassen – außer vielleicht, wenn der Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond mal wieder ein Länderspiel bestreitet. Dann grölt der oberste Träger eines orangefarbenen Fußballfan-Schals die Elftal mit nach vorne: „Oranje boven! Oranje boven!“

Seine Mutter inszenierte sich lieber als unnahbare Majestät. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet diese Trägerin abscheulicher Hut-Creationen das zeitgenössische Tanztheater liebte. Die Ex-Regentin weilte regelmäßig in der königlichen Loge vom Nederlands Dans Theater, keine fünf Minuten vom Schloss entfernt. Und Beatrix adelte durch ihre Anwesenheit oft genug die Arbeit von Avantgarde-Choregraphen, die woanders als Anerkennung bestenfalls ein royales „We are not amused“ zu hören bekommen hätten.

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Bitte nicht stören: Hier arbeitet König Willem Alexander

Wohltemperiert

Ballettfreunde denken aber auch mit einem weinenden Auge an Den Haag. Am 23. Januar 1931 starb hier im Hôtel des Indes die russische Jahrhundert-Tänzerin Anna Pawlowa während ihrer Abschiedstournee. Die Hoteldirektion hat ihr Sterbezimmer inzwischen umgestaltet zum wohltemperierten Lager- und Verkaufsraum für Zigarren.

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Wasserballett: “De Dutch Don’t Dance Division” präsentierte beim Festival Classique 2013 die Choreographie “Grimm”

Die Stadtrundfahrt „op de fiets“ geht weiter nach Chinatown, dem chinesischen Viertel von Den Haag. Totso empfiehlt beim Vorbeiradeln mal dieses, mal jenes Lokal. „Dort das Ken Lun Palace kann ich empfehlen. Es hat die beste chinesische Küche der Stadt – und den miserabelsten Service.“ Aber das Schlimmste kommt noch: „Zu vorgerückter Stunde schmeißt der Chef seine Karaoke-Anlage an und singt für die Gäste. Dann solltest du die Rechnung verlangen und dir auf keinen Fall die Freude über ein exzellentes Menü vergraulen lassen.“

 

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Bitte Platz nehmen: Jan Bax, Plattenverkäufer im Jazz Center

Sämtliche Spielarten

Ausgerechnet in dieser Straße liegt das „Jazz Center“, einer der wenigen guten alten Plattenläden, die auf dem europäischen Kontinent noch betrieben werden. Im Angebot fehlen die Extreme – der gute alte Folk-Blues und neumodischer Lounge-Jazz. Ansonsten sind hier sämtliche Spielarten der afro-amerikanischen Musikkultur zu Hause. Blue Note, Fantasy, Riverside und alle übrigen renommierten Jazz-Labels finden sich in den Vinyl-Regalen vom Jazz Center.

„Wir kaufen gut erhaltene Sammlungen“, erklärt Jan Bax, „aber keine Bootlegs“. Die Zeiten sind vorbei, als vor allem deutsche Sammler nach Holland reisten, um illegale Konzert-Mitschnitte und andere Schwarzpressungen zu kaufen. Vergangenheit sind auch holländische Vinyl-Pressungen, die so stabil waren wie dünn geschnittener Gouda. Jan Bax zeigt eine Bitches Brew von Miles Davis, neue Pressung „made in Holland“,  200 Gramm – und keine von diesen superleichten CBS-Platten, mit denen die Jazz-Freunde in den 70ern abgespeist wurden.

 

Befugte Hände

Und wo liegen seine Schelllackplatten? „Die stelle ich erst gar nicht in den Laden. Jede 78er landet nach spätestens einer Woche in befugten Händen. Kunden aus aller Welt hinterlegen bei mir ihre Suchlisten.“ Bis ungefähr 2010 war der Handel mit Jazz-Oldies ein leichtes Geschäft. Angebot und Nachfrage waren ausgeglichen. Und oft genug kauften die Oldie-Händler komplette Nachlässe zu Schleuderpreisen auf. „Aber heute wissen die Erben von Platten-Sammlungen, was die Vinylscheiben von Blue Note, Riverside, Fantasy, Verve oder Pablo wert sind.“

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Bitte eintreten: Hotelmanager Stephan van der Meulen und sein Jazz-Club

In den Shop von Jan Bax kommen viele Den Haager Jazz-Connaisseurs, die noch immer einen großen Verlust betrauern. Seit 1976 fand in Den Haag das alljährliche North Sea Jazz Festival statt. 2006 zog dieses weltweit renommierte Sommer-Event um in das 20 Kilometer entfernte Rotterdam.

 

Absacker

„Viele Musiker wollen immer noch in Den Haag – und zwar möglichst in unserem Hotel – wohnen, wenn sie beim North Sea Festival gastieren“, erklärt Stephan van der Meulen, Manager des Worldhotel Bel Air. Im Keller dieser Fünfsterne-Adresse liegt die Embassy Bar. Wenn die Musiker einst von ihren Auftritten im Den Haager Congresgebouw zurückkehrten, gönnten sie sich hier noch einen laatste Drink.

„Nach diesem Absacker gingen sie meist auf unsere kleine Bühne für eine After Hours Jam Session“, erinnert sich Stephan van der Meulen. „Am anderen Morgen verabschiedeten sie sich im Breakfastroom voreinander. Auch wieder mit Musik.“

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 10 (6/2013)

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