Winfried Dulisch schlendert durch Košice

Die zweitgrößte Stadt der Slowakei ist Europäische Kulturhauptstadt 2013. Eigentlich hätte Košice solch eine Aufwertung überhaupt nicht benötigt

„Für die Bewohner von Norddeutschland hört Europa gleich hinter Prag auf“, bedauert ein slowakischer Tourismus-Manager. „In Süd- und Ostdeutschland ist die Slowakei schon ein wenig besser bekannt, zumindest wird sie dort nicht so oft mit Slowenien verwechselt. Alle Wintersport-Fans kennen die Hohe Tatra, aber sie denken dann meist nur an Polen. Doch Zweidrittel dieser ‚kleinen Alpen’ liegen in der Slowakei.“ Es kommt noch schlimmer. „Unsere Hauptstadt wurde touristisch zu einem Wiener Vorort, seit Billig-Airlines ihre Fluggäste in das 50 Kilometer östlich von Wien liegende Bratislawa verfrachteten.“

Košice

Glocken überall, auch vor Košices Staatstheater

Kultur-Freunde besuchten aber schon lange vor 2013 das im Südosten der Slowakei liegende Košice – sprich: Kosietsche. In alten deutschsprachigen Büchern trägt die Stadt auch den Ortsnamen „Kaschau“. Košice überrascht den Gast mit seinen Barock- und Jugendstil-Bauten. Mitten in der Stadt liegt die längste Flanier- und Shopping-Meile Osteuropas. In den Seitenstraßen findet der Musikfreund sogar noch Exemplare einer in Westeuropa weitgehend ausgestorbenen Rasse: In Košice leben tatsächlich noch Schallplattenhändler.

 

Fossilien aus dem Vinylithikum

Vinyl-Sammler finden hier schwarze Scheiben, die einst hinter dem Eisernen Vorhang – und zwar mit Zustimmung der Künstler und völlig legal – gepresst wurden. Zum Beispiel Mitschnitte von Jazz-Sendungen osteuropäischer Radiostationen. Louis Armstrong aus den 1960ern, gut erhaltenes Exemplar, LP-Cover leicht angeschmuddelt, acht Euro. Oder Chris Barber, ebenfalls wenig abgespielt, Cover gut erhalten, zehn Euro.

Ein weiteres Sammelgebiet sind Künstlerportraits, wie sie nur für den antikapitalistischen Markt kompiliert wurden. Zum Beispiel eine LP-Seite mit US-Schnulzen der CBS-Vertragspartnerin Doris Day, auf der Rückseite singt Cliff Richard für das britische Konkurrenzunternehmen EMI. Noch stolzer als auf dieses Vinyl-Schätzchen ist der Verkäufer auf seine Oberarm-Tätowierung: „Led Zeppelin forever!“

Košice

Vinlyschatz aus der kommunistischen Ära

Kaiserlich und königlich

Die Stadtführerin schwärmt lieber von Sándor Márai, der 1900 in Košice geboren wurde. Literatur-Freunde kennen von ihm Die Glut; allein in Deutschland wurden bislang mehr als 200.000 Exemplare dieses 1942 in ungarischer Sprache verfassten Sittengemäldes verkauft. Der als „ungarischer Kafka“ verehrte Romancier war Slowake. Mit Die jungen Rebellen setzte Sándor Márai seiner Geburtsstadt – und vor allem dem Staatstheater und Opernhaus von Košice – sowie dem Ende der kaiserlich österreichischen und königlich ungarischen Monarchie sein literarisches Denkmal. Bis 1918 hatte die Slowakei zu Österreich-Ungarn gehört.

An die K.u.k.-Epoche erinnert in Košice das Stadtpalais derer von Andrássy. Alle Verehrer von Romy Schneider kennen den bedeutendsten Spross dieser Adelsfamilie: Gyula Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka. Dieser einstige Revoluzzer und spätere Diplomat wurde 1823 geboren in Kaschau – oder besser gesagt: im ungarischen Kassa – und stieg hinauf bis in die ungarischen Geschichtsbücher. Als Lover der Kaiserin Elisabeth machte Gyula Andrássy posthum eine weitere Karriere auf der Kinoleinwand in der Sissi-Trilogie.

Košice

Bürgerliches Wohnzimmer des frühen 19. Jahrhunderts im Ethnografischen Museum

Pop-Art-Wurzeln

Eine Lichtgestalt der Pop-Art-Bewegung war Andrej Warhola. Seine Eltern stammten aus Miková, einem Karpaten-Dorf nördlich von Košice. 1928 wurde der Maler und Filmemacher in Pittsburgh geboren. Weil Künstler mit osteuropäisch klingenden Namen bei New Yorker Werbeagenturen und Verlagen damals nicht in Mode waren, signierte Andrej Warhola seine Arbeiten ab 1950 mit „Andy Warhol“. Galeristen und andere Kulturförderer in der Slowakei ermutigen junge Künstler dazu, sich Andrej Warhola zum Vorbild zu nehmen und ein slowakisches Pop-Art-Revival zu starten.

Košice

Klezmer-Saxofonist Paul Shapiro gastiert regelmäßig beim Festival of Jewish Culture in Košice

Jazz- und Folk-Promis, die in den USA das Klezmer-Revival ausgelöst hatten, treffen sich in Košice jedes Jahr beim „Festival of Jewish Culture“. Diese Veranstaltungsreihe wendet sich weniger an die Klezmer-Nostalgiker. Die jüdischen Kultur-Festivals in Košice konzentrieren sich jedes Jahr im Sommer viel mehr auf die weltweit verzweigten Wurzeln einer 6000 Jahre umspannenden Kulturgeschichte.

 

Kaschauer Klezmer

Auch außerhalb der Festival-Saison ist Košice für die Fans der osteuropäisch-jüdischen Tanzmusik eine Reise wert. Seit 2010 spielt die „Kaschauer Klezmer Band“ bei Festen ihrer jüdischen Nachbarn auf. Ähnlich wie die Kollegen von der Budapest Klezmer Band kommen die Musiker aus allen stilistischen Himmelsrichtungen – von der Sinfonik und Salonmusik bis hin zu Jazz, Rock und Folklore reichen die Wurzeln der „Kaschauer“

„Kasha“ lautet der Name von Košice in Romani, der Sinti- und Roma-Sprache. Jazz-Gitarristen kommen heute nach Kasha und lassen sich von Roma-Musikern in die Geheimnisse des Gypsy-Swing einweihen. 5000 Einwohner in der Viertelmillionen-Stadt Košice bezeichnen sich heute selbst als Angehörige der Roma. Der Mittelpunkt ihres Kulturlebens ist das „Romathan“ (deutsch: „Roma-Land“). Dieses erste professionell betriebene Roma-Theater in der Slowakei präsentiert seit 1982 klassische und zeitgenössische Bühnenwerke in Romani und in Slowakisch.

Košice

Volkstanzgruppe aus der Ostslowakei …

 

Bye-bye Zuckerguss und Mehlstaub

Das Staatliche Philharmonische Orchester Košice hat seine feste Adresse im „Haus der Künste“ („Dom umenia“). In dem akustisch vorbildlichen Konzertsaal erklingen immer öfter auch Werke von slowakischen Avantgarde-Komponisten. Diese Tonsetzer bedienen sich gerne aus dem folkloristischen Fundus ihrer Heimat, in der heute noch viele Dörfer jeweils eigene Musik- und Tanz-Kulturen pflegen. Und weder ein kaiserlicher und königlicher Zuckerguss noch ein kommunistischer Mehlstaub stört heute den Hörgenuss in der Musik-Stadt Kaschau alias Kassa alias Kasha alias Košice.

Košice

… auf der Shoppingmeile in Košice

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 9 (5/2013)

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