Musicality: Nicht von dieser Welt

Sie denken bei „Bond“ an James? Falsch! Zu „Electraglide“ kommt Ihnen Harley-Davidson in den Sinn? Knapp daneben. Aber keine Sorge, hier wird Ihnen geholfen!

Jeder Musikfan, jeder Audiophile kennt auch ein paar der großen Namen in der Instrumentenbranche. Fender und Gibson bei den Gitarren. Ludwig und Gretsch beim Schlagzeug. Vielleicht noch Hammond und Wurlitzer bei den Tasten. Aber was ist mit den Exoten, den Andersdenkenden, den kleinen Marken mit großen Innovationen? Da schlummert ein ganzes Universum im Verborgenen! Jenseits des Massenmarktes, fernab von den Global Playern gibt es haufenweise Manufakturen und Instrumente, deren Geschichte lohnt, ans Tageslicht geholt und näher betrachtet zu werden. In einem Zweiteiler möchte ich Ihnen Kultobjekte, Einzigartiges, Skurriles, aber auch Eintagsfliegen aus dem Kosmos der Musikinstrumente näherbringen. Und weil ich in dieser Hinsicht Befangenheit nicht leugnen kann, starte ich mit elektrifizierten Saiteninstrumenten.

Grundsätzlich begrüße ich es, dass sich nicht alles zwischen Himmel und Erde mit wissenschaftlicher Pragmatik oder Marketingstrategien erklären lässt. Da wird in den Mittfünfzigern eine Gitarre, die einer angestaubten, dahindümpelnden Produktlinie wieder auf die Sprünge helfen soll, zunächst vom Markt selbstregulierend aussortiert, um dann Jahrzehnte später zum weltweit gefragtesten und teuersten sechssaitigen Sammlerobjekt auf diesem Planeten zu werden (siehe auch meine Reportage über die Gibson Les Paul, Jahrgang 1959, in FIDELITY Nr. 4, Ausgabe 6/2012).

Nicht von dieser Welt

Bond Electraglide: als Gitarre noch erkennbar, aber mit futuristischen Anleihen.

Tragischer endete die Geschichte der Bond Electraglide. Sie zog vor ziemlich genau 30 Jahren aus, die Wachablösung der hölzernen E-Gitarre, so wie wir sie kennen, einzuläuten. Nicht weniger war das Ziel. Die Bond-Gitarre kam aber leider nie so richtig aus den Startlöchern. Nach gut einem Jahr und 1400 produzierten Einheiten war die angepeilte Revolution im E-Gitarren-Geschäft schon wieder vorbei. Von der Insolvenz zu Grabe getragen. Nicht, dass die Electraglide so mäßig gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Innovativ war an ihr etwa der Korpus aus kohlefaserverstärktem Kunststoff und das schwarz eloxierte Aluminiumgriffbrett mit schindelartig angeordneten Bünden statt herkömmlicher Bundstäbchen. Lautstärke und Klang waren mit digitalen Plus/Minus-Kipptastern statt normaler Potis regelbar, und zur Stromversorgung der Elektronik brauchte es ein separates Netzteil. Das war State of the Art in den 80ern.

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Bond Electraglide: Das Griffbrett ist angeordnet wie Dachschindeln

Auch gab es prominente Spieler in ausreichender Menge, um den Namen in die Welt hinauszutragen. Da war zum Beispiel Mick Jones (Ex-„The Clash“) mit seiner Truppe Big Audio Dynamite auf dem Album No. 10 Upping St. mit einer Electraglide zu hören. The Edge von U2 gebrauchte seine Bond fast durchgängig auf The Joshua Tree. Aber es sollte nicht sein – die Bond Electraglide blieb eine Eintagsfliege, unter Musikern wohlbekannt und später als 80er-Jahre-Kultobjekt heiß begehrt. Vor kurzem wechselte in der elektronischen Bucht eine Bond-Gitarre für rund 10 000 Euro den Besitzer. Eine Verfünffachung des Wertes in knapp drei Dekaden – das hätte den 1999 verstorbenen Firmengründer Andrew Bond bestimmt gefreut.

Brett mit Drähten

Die Geschichte kann auch anders verlaufen. Das zeigt der kalifornische Gitarrist Emmett Chapman mit seiner Schöpfung The Stick, deren Urform bis ins Jahr 1969 zurückreicht. Der Chapman Stick ist ein sprichwörtliches Brett mit Drähten – je nach Modell acht bis zwölf Stück. Mit den üblichen drei Lagerfeuerakkorden aus dem VHS-Kurs kommt man auf diesem Instrument nicht nur nicht besonders weit, sondern schlicht nirgendwo hin! Ein komplett neuer spieltechnischer Ansatz ist erforderlich, in Gitarristenkreisen als „Tapping“ bezeichnet. Dabei wird die Saite durch Anschlag mit den Fingerkuppen von oben niedergedrückt und zum Schwingen angeregt. Beim Chapman-Stick machen das beide Hände so; es gibt keine Hand mehr, die ein Plektrum hält und damit die Saiten anschlägt. Das ist bestimmt der Grund, warum der Chapman Stick, der eine eigene Instrumentengattung darstellt, so unglaublich selten anzutreffen ist. „Selten“ ist eine milde Umschreibung für 5000 hergestellte Instrumente seit 1974. Dass sich mit diesem Brettmonster vorzüglich musizieren lässt, beweisen Könner wie Tony Levin (King Crimson, Yes, Haus- und Hofbassist bei Peter Gabriel), John Myung (Dream Theater) oder auch Nick Beggs (Ellis, Beggs & Howard, zuvor Kajagoogoo). Die Firma Chapman genießt nach wie vor in Fachkreisen ein hohes Renommee und hat sich längst einen Platz in der Instrumentengeschichte gesichert.

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Der Chapman Stick: hochgeschätzter Exot im Instrumentendschungel

Mischling von der Insel

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The Synthaxe: Das komplette System im spielfertigen Zustand

Einst angetreten, um ordentlich Revolte zu veranstalten, ist von der Synthaxe der Kultstatus unter Insidern alles, was blieb. Dieser Synthesizer-Gitarren-Mischling aus England hat eine Optik, als hätte sich ein Alien beim Versuch, etwas Gitarrenähnliches zu konstruieren, am Reißbrett grob verzeichnet. Dazu kommt ein Preis, der mir damals 1985 den Atem stocken ließ: satte 25 000 DM! War die Bond-Gitarre noch als solche zu erkennen, schien die Synthaxe aus einer anderen Zeit in die 80er Jahre gefallen zu sein. Für Normalsterbliche noch am leichtesten auszumachen: der auf den ersten Blick ganz normale Gitarrenhals. Am Korpus befinden sich sechs Minisaiten und sechs Tasten, mit denen die am Gitarrenhals gegriffenen Töne wahlweise angesteuert werden können. Die Synthaxe kann von sich aus keine Töne erzeugen, ist also ein reiner Controller, eine Steuerungseinheit, bei der ein Synthesizer-Soundmodul und ein Fußpedal zum Lieferumfang gehörte.

Obwohl die Synthaxe von Größen wie der Gitarrenikone Allan Holdsworth, dem Studioveteran Lee Ritenour und dem Hitproduzenten David Foster (15 Grammies und 44 Nominierungen!) damals ausgiebig gespielt und beworben wurde, war nach nicht einmal 100 produzierten Geräten die Vorstellung zu Ende.

Im Rahmen der Recherche für diesen Artikel kontaktierte ich auch Alec Stansfield in England, einen der Entwickler der Synthaxe, der mir freundlicherweise auch die Fotos zur Verfügung stellte. Er ist übrigens noch in Besitz eines kompletten Synthaxe-Systems, das zum Verkauf steht. Wie knapp es finanziell zuging, ist daraus ersichtlich, dass Stansfield in den letzten Monaten des Bestehens der Firma kein Gehalt mehr bekam, sondern eine Synthaxe als Ausgleich.

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The Synthaxe: Unterhalb des regulären Gitarrenhalses sind die sechs Triggersaiten zu erkennen, links davon die sechs Tasten

Lachnummer nur für einen Tag

Minimalistische Formgebung scheint eine große Anziehungskraft auf Instrumentenbauer auszuüben. So auch auf den Amerikaner Ned Steinberger. Er startete als Bildhauer und arbeitete später als Möbeldesigner, bevor er 1976 für Spector, bekannt für edle E-Bässe, das NS-Modell entwarf. Es sieht übrigens aus wie ein ganz „normaler“ E-Bass und ist mit marginalen Änderungen heute noch im Programm von Spector.

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Das “Steinberg-Paddel” L2: Design-Klassiker der 80er Jahre

In jener Zeit bei Spector wandte sich Ned Steinberger vom allgegenwärtigen Holz ab und dem Kohlefaserverbundwerkstoff zu. Auch in Sachen Design wagte er einen radikalen Wandel und beschränkte sich dabei auf das Notwendigste. Der in Musikerkreisen als „Steinberger-Paddel“ bekannte Bass L2 wurde auf der NAMM-Show, dem US-amerikanischen Pendant zur Frankfurter Musikmesse, 1980 unter dem eigenen Firmennamen vorgestellt. Gleich am ersten Tag avancierte der L2 zur Lachnummer der Messe – einen derart radikalen Bruch mit der Tradition war das saitenzupfende Volk nicht gewohnt. Das Blatt wendete sich in den nächsten Tagen, als Andy West von den Dixie Dregs den L2 vorführte. Plötzlich brummte der Laden, und das anhaltend. Ein Jahr später kam das analog zum Bass gestylte Gitarrenmodell auf den Markt und Ned Steinberger heimste sogar Preise für Design und Werkstoff ein. Das Steinberger-Paddel war in den 80ern in zahlreichen Musikvideos zu sehen – als echter Eyecatcher. 1989 kaufte der Gibson-Konzern Steinberger auf, die Produktpalette wurde um konventionell aussehende Bässe und Gitarren erweitert. Ned Steinberger selbst firmiert seit 1990 erfolgreich unter dem Label NS Design und bleibt seinem Konzept vom Minimaldesign treu: Er baut jetzt minimalistische Streichinstrumente, also Kontrabässe, Celli, Bratschen und Geigen.

Made in Schwaben

Wenngleich die Wiege der E-Gitarre in den Vereinigten Staaten steht, kam aus dieser Richtung schon lange keine wirkliche Innovation mehr. Dafür aber aus deutschen Landen, genauer gesagt aus Ulm, wo Ulrich Teuffel ansässig ist und mit seinen extremen Designs so ziemlich jede althergebrachte Konvention im E-Gitarrenbau bricht.

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Die Teuffel Birdfish: radikales Design seit 1995

Es fing ganz harmlos an: mit einem Gitarrenbildband, in dem ein Instrument des renommierten Gitarrenbauers Steve Klein zu sehen war. Das wollte der innovative Schwabe als Jugendlicher nachbauen. Nach einer Ausbildung im Metallfach bei einem bekannten Autobauer schwenkte Teuffel alsbald ins Instrumentenfach über und gründete 1988 Teuffelguitars. Zunächst entstanden E-Gitarren und Bässe, die noch stark an die traditionellen Vorbilder angelehnt waren. Ein Produktdesign- Studium von 1992 bis 1996 veränderte seinen Blickwinkel auf die Dinge jedoch drastisch. Während dieses Studiums entstand das radikale Design des Modells Birdfish, das 1995 auf der Frankfurter Musikmesse erstmalig der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Birdfish ist weit mehr als nur ein gewagtes Design. Sie ist ein Musikinstrument, das beim Spielen selbst höchsten ergonomischen Ansprüchen genügt. Im Übrigen fertigt Teuffel mittlerweile alles, aber auch wirklich alles bis zur letzten kleinen Schraube selbst in seiner Werkstatt, um die Kontrolle über die Fertigungsprozesse zu behalten. Die Birdfish darf angesichts einer Auflage von 500 Stück jetzt schon als moderner Klassiker und heiß begehrtes Sammlerstück gelten – Billy Gibbons (ZZ Top) und Kirk Hammett (Metallica) nennen bereits ein Exemplar ihr Eigen. Das britische Fachblatt Guitarist kürte die Birdfish zu einem der wichtigsten Designs des 20. Jahrhunderts.

Der 48-jährige Teuffel ist jemand, der die zwar bewährten, aber auch etwas angestaubten Lösungen im Gitarrenbau nicht auf sich beruhen lassen will. Sein innovativer Gestaltungsdrang setzt sich auch in seinen weiteren Modellreihen Tesla, Niwa und der erst kürzlich erschienenen Antonio fort.

Multitalentierter Emigrant

Allan Gittler (1928–2003) brachte sich selbst Gitarre und Kontrabass bei – mit Musiktheorie, Notenlesen und allem, was dazugehört. Bei Auftritten mit diversen Swingbands im New York der 50er Jahre störte es ihn vehement, das er mit der damaligen rückkopplungsanfälligen Mikrofonierungs- und Verstärkertechnik nicht gegen das Schlagzeug ankommen konnte. Ein Ergebnis seines Forscherdrangs war, dass er den hohlen Korpus zur Klangbildung wegließ, sodass nicht viel mehr als der Gitarrenhals (noch aus Holz) übrig blieb. Gittler lebte zunächst noch andere Talente aus. Er arbeitete 15 Jahre als Cutter beim Film, wechselte dann die Seiten und drehte zwei viel beachtete Kurzfilme. Von der Gittler Guitar in Metallausführung, die nur aus größeren und kleineren Zylindern besteht, stellte er Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er lediglich 60 Instrumente her, ehe er 1982 nach Israel auswanderte, sich in Avraham Bar Rashi umbenannte und die Vermarktung seines Geniestreiches an die Astron Engineering Enterprises Ltd. übergab. Er war allerdings derart unglücklich mit der Umsetzung, dass nach 300 Einheiten schon wieder Schicht im Schacht war.

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The Gittler Guitar: Mehr kann man nicht weglassen

Im Jahr 2012 hat Gittlers Sohn Yonatan Bar Rashi das Original neu aufgelegt. Die Resonanz auf der NAMMShow 2013 war überwältigend – anders in den 70ern, als Allan Gittler ein einziges Mal auf dieser wichtigsten Instrumentenshow der USA vertreten war. Ein Messebesucher stellte damals die Frage: „Was soll an dieser Gitarre besonders sein?“ Als ob das nicht offensichtlich wäre! Gittler gab eine adäquate und wahrheitsgemäße Antwort: „Man kann sie unter Wasser spielen!“

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 9 (5/2013)

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