Musiklexikon: U wie U-Musik

MusiklexikonAnders als das U-Boot und die U-Bahn bewegt sich die U-Musik nicht im Untergrund, sondern liegt ziemlich offen zu Tage. U-Musik bedeutet nämlich Unterhaltungsmusik. Der Begriff ist aber keineswegs eine international verbindliche Genre-Beschreibung, sondern eine interne Erfindung der Wertungs- und Verwertungsgesellschaft GEMA. Die GEMA nämlich teilt unsere Musikwelt in zwei Hauptbereiche ein: eine ernst zu nehmende „E-Musik“ und eine offenbar nicht so ernst zu nehmende „U-Musik“. Insofern schwingt auch im Begriff „U-Musik“ immer das Wort „unten“ mit. Denn was „U“ ist, ist der GEMA weniger wert: im handfest finanziellen Sinn. Die ursprüngliche Idee hinter dieser Unterscheidung lautete: U-Musik ist populär, erwirtschaftet also Geld und braucht weniger Extra-Belohnungen. E-Musik ist elitär, erwirtschaftet kein Geld und muss also höher belohnt werden. Dieses Denken wurzelt in der Kunstreligion des 19. Jahrhunderts.

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Das GEMA-Gebäude in München

Lobenswert daran ist der Vorsatz, eine Avantgarde zu fördern, die „ihrer Zeit voraus“ ist und noch wenig aufgeführt wird. Weniger lobenswert ist, dass die GEMA definiert, was Avantgarde ist. Experimentelle elektronische Clubmusik kann noch so sehr „ihrer Zeit voraus“ sein: Sie bleibt doch U-Musik. Komplexer Jazz kann noch so wenige Hörer haben und noch so wenig Geld erwirtschaften: Auch er bleibt U-Musik. Eine Partitur mit einigen Akkordsymbolen darin bleibt ebenfalls immer U-Musik, so genial die Musiker sie im Konzert auch ausdeuten mögen. Besonders Schlaue lassen ihre Improvisationen daher nachträglich vom Computer transkribieren und reichen sie dann bei der GEMA als Kompositionen ein. Natürlich kennt die GEMA längst unendlich viele Abstufungen von „U“. Ein kompliziertes Wertungssystem reicht von 12 Punkten bis 2.400 Punkte. Werkausschüsse entscheiden über den Grad an „künstlerischer Bedeutung“ (und finanzieller Belohnung). Musikkritiker, die Musik beurteilen, sind daher in Deutschland eigentlich seit 100 Jahren überflüssig. Es gibt doch das Punktesystem der GEMA.

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 7 (3/2013)

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