Test: SoReal Audio Seismograph II – Auf den Flügeln der Musik

Dieser Doppeldecker ist sauschwer. Und dennoch kann man mit ihm in ungeahnte Höhen abheben.

„Flugzeugaluminium.“ Aber bitte die durable Version: Alles am SoReal Audio Seismograph II ist so stabil, dass der Satz „für die Ewigkeit gemacht“ eine neue Bedeutung gewinnt. Der österreichische Entwickler Othmar Spitaler will nach eigenen Worten, dass sein Plattenspieler „so fest wie ein Fels in der Brandung“ steht und erreicht das mit den Prinzipien des klassischen Masselaufwerk-Baus: Diese 22000-Euro-Maschine besteht im Wesentlichen aus zwei 21 Millimeter starken, aus dem Vollmaterial gefrästen, eloxierten Aluminiumplatten in den XL-Maßen 63 mal 46 Zentimeter. Diese sind durch massive Zylinder unverrückbar miteinander verbunden. Die obere Ebene trägt unter anderem das ultrapräzise Tellerlager (mit selbstschmierender Bronzehülse) und die Tonarmbasen. Die zylindrische Antriebseinheit mit Motor und Pulley steht auf eigenen Füßen, ragt durch entsprechende Aussparungen im Doppeldecker nach oben heraus und besitzt keinen direkten mechanischen Kontakt zu den Seismograph-„Tragflächen“.

SoReal Audio Seismograph II

Die „II“ in der Typenbezeichnung verrät übrigens, dass das FIDELITY-Testgerät zwei Zwölfzoll-Tonarme aufnehmen kann. Die Tonarmbasis in gewünschter Ausführung bestellt man am besten gleich mit, je nach dem, was daheim tonarmtechnisch schon vorhanden ist. Danyel Rondthaler, der SoReal-Audio-Chef, setzt für die Werksausstattung auf solide Wertarbeit von Jelco, gepaart mit dem feinen MC-System Etsuro Urushi – eine Kombination, die im FIDELITY-Hörraum wunderbar großvolumig, ausgesprochen „selbstverständlich“ und, korrespondierend zur Optik des Boliden, bodenständig klang.

Den Namen „Seismograph“ hat Othmar Spitaler selbstverständlich nicht aus Versehen gewählt: Er sieht in seinem handgefertigten Plattenspieler eine Art Messinstrument, das kein Eigenleben führen darf, sich aus dem musikalischen Geschehen völlig heraus hält – und gerade deshalb nicht nur mit so gut wie jeder Schallplatte zurecht kommt, sondern auch eine ideale Spielwiese darstellt, um die Klangeigenschaften verschiedener Tonarme und Tonabnehmer auszuloten. Dazu sollte die Stellfläche so gut wie nur möglich sein.

Davon machten wir bei unseren Hörtests auch ausgiebig Gebrauch, wobei uns zupass kam, dass die mitgelieferten Jelco-Tonarme über die auch viele Jahrzehnte nach ihrer Erfindung ultimativ praktische SME-Befestigung für Headshells verfügen: Überwurfmutter aufdrehen, komplett montierten Tonabnehmer abziehen, einen anderen hineinstecken, das Auflagegewicht anpassen – fertig!

Und weil im Redaktionsfundus immer die eine oder andere Tonabnehmer-Legende in Bestzustand greifbar ist, wurde das fein zeichnende, in den Höhen luftige, im Bass präzise agierende Etsuro Urushi mit wenigen Handgriffen gegen ein Ortofon SPU #1 ausgetauscht – was die Meriten des Laufwerks deutlich unterstrich, aber die klangliche Signatur des SRA Seismograph II vollkommen veränderte. War das Urushi eher auf der pastellenen Seite der Valeurs, konterte das vergleichsweise günstige SPU mit überaus kräftigen Farben. Gerade so, als halte man einen Monet neben einen Van Gogh. Das tat der Stimme von Madeleine Peyroux auf der fulminant gut abgemischten MFSL-Version des Jahrhundertalbums Careless Love durchaus gut, der Fokus lag nun deutlicher auf Autorität, Leuchtkraft und emotionaler Energie, ohne die Billie-Holiday-gleiche Brüchigkeit zu verlieren.

SoReal Audio Seismograph II

Der Seismograph II geriert sich als völlig unangestrengter Architekt großer, exakt abgezirkelter Räume, in denen jedes Schallereignis seinen festen Platz hat.

Und das auch noch mit größter Spielfreude, was für große Masselaufwerke keineswegs selbstverständlich ist – von Müdigkeit oder gar Schwerfälligkeit nicht die geringste Spur. Das kommt insbesondere zum Tragen, wenn man im Musikgenre bleibt, aber von poppigem Kammerjazz auf fetten Big-Band-Sound wechselt: Große Besetzungen bleiben nicht nur wohl sortiert, sie transportieren auch eine sehr ordentliche Portion Fingerschnipp- und Fußwipp-Potenzial. Othmar Spitaler ist nach eigenem Bekunden ein Fan von Klassik und Jazz, zieht „akustische“ Plattenproduktionen allemal irgendwelchen Elektronik-Experimenten vor. Dennoch konnten wir es uns nicht verkneifen, die deutsch-österreichische Laufwerks-Kreation auch mit „härterem“ Stoff zu füttern und ein paar typische DJ-Scheiben auf den acht Kilo schweren, wie der Rest des Laufwerks aus dem Vollen gedrehten beziehungsweise gefrästen Plattenteller zu legen.

Spitaler setzt bei seiner Konstruktion übrigens auf einen konventionellen, selbstredend selektierten Synchronmotor ohne aufwendige elektronische Regelung: „Die Masse des Tellers ist groß genug, dass selbst leichte Schwankungen in der Stromversorgung sich nicht hörbar auf die Drehzahl auswirken“, ist der bei Krems lebende Entwickler überzeugt. Und legt zum Beweis das letzte Recital von Vladimir Horowitz auf, das der hochbegabte ukrainische Klaviervirtuose kurz vor seinem Tod 1989 einspielte. Wer sich intensiv mit Klaviermusik auf Schallplatte beschäftigt, weiß, wie heikel die Wiedergabe langsamer Passagen sein kann, wenn der Gleichlauf eines Plattenspielers nicht hundertprozentig korrekt ist. Der SoReal Audio Seismograph II bleibt – wie erwartet – von stoischer Ruhe, zeichnet ausklingende Akkorde ebenso organisch fließend nach, wie er Horowitz‘ höchst präzise Rhythmusarbeit nachvollziehbar macht.

SoReal Audio Seismograph II

Die Binsenweisheit, dass die Laufwerkskonstruktion den Löwenanteil beim Klang eines Plattenspielers ausmacht, bestätigt sich hier vollumfänglich: Wenn wir bei unseren umfangreichen Testläufen Tonarme oder Tonabnehmer tauschten – sehr gut versteht sich der Seismograph unter anderem mit dem großen SME V, in den wir MCs und MMs von EMT über Koetsu und Grado bis Clearaudio schraubten –, dann ließ sich zwar der Charakter sehr feinfühlig und mitunter spannend in Richtung persönlicher Präferenzen verschieben, immer aber blieb der Eindruck größtmöglicher Gelassenheit und Souveränität beim Seismograph erhalten. Dazu trägt bei, dass der bei analoger Wiedergabe wohl nie völlig zu vermeidende Rausch- und Störgeräusch-Teppich beim SoReal Audio Seismograph derart weit im Hintergrund erscheint, dass die Wiedergabe in diesem Punkt fast schon digital anmutet – was in diesem Fall bitteschön als Kompliment zu verstehen ist.

Wichtig ist Othmar Spitaler, dass sein Laufwerk mit „ganz normal aufgenommenen Schallplatten gut klingt“, wie er betont. Schließlich habe der Musikfreund und Plattensammler in der Regel nicht nur „audiophilen Kram“ im Regal, sondern eine Kollektion, die ein ganzes Musikleben widerspiegelt. Dabei ist es streckenweise höchst erstaunlich, was dieses Laufwerk aus den Rillen gerne und oft gespielter schwarzer Scheiben zu extrahieren vermag und wie gnädig es dabei mit den akustischen Spuren des jahrzehntelangen Gebrauchs umgeht. Ja, Kratzer und Klicks sind vorhanden, drängen sich aber wie alle anderen Störgeräusche niemals in den Vordergrund. Und weil der SoReal Audio Seismograph so überaus stabil konstruiert wurde, tastet er selbst ramponierte Schallplatten mit lässiger Problemlosigkeit ab. Die einzige echte Herausforderung ist bei der Aufstellung des serienmäßig in schwarz, silber oder goldfarben eloxierten Laufwerks, die möglichst resonanzarme Stellfläche penibel waagerecht auszurichten. Aber diese Maßnahme ist ohnehin bei allen ernst zu nehmenden Plattenspielern obligatorisch. Bei uns erwies sich – wieder einmal – eine Basis von Subbase Audio als perfekte Grundlage für höchste Klangweihen.

SoReal Audio Seismograph II

Die Geschwindigkeit des Seismographen stellt man um, indem man den Antriebsgummi manuell auf dem Motorpulley umlegt. Auch eine Endabschaltung hätte das bewusst puristische Konzept von SRA verwässert. Auf solchen Luxus wird der Seismograph-Besitzer aber gern verzichten, denn dafür wird er jederzeit mit einer Klangfülle verwöhnt, die mit einem leichtgewichtigen Komplettspieler schlicht unerreichbar ist. Außerdem wird der musikalische Seismograph seinem Namen immer wieder gerecht, indem er auch jene subtilen Klangunterschiede, die beispielsweise durch unterschiedliche (und durchaus empfehlenswerte) Plattentellerauflagen auftreten, fein und sauber darstellt.

Am Ende einer der Hörsitzungen, als das tägliche „Pflichtprogramm“ schon längst abgearbeitet ist, ziehe ich meine Lieblings-Popscheibe aus dem Regal, die nach nunmehr 33 Jahren noch immer nichts von ihrer Frische und ihrem Charme eingebüßt hat: Paul Simons Graceland. Und der famose Seismograph-Doppeldecker verlässt mit diesem Premium-Treibstoff auf dem Teller in Windeseile den Boden, reduziert die Schwerkraft auf Null und springt – mit uns an Bord – innerhalb von Sekundenbruchteilen in ein südafrikanisches Tonstudio, in dem der stimmgewaltige Männerchor Ladysmith Black Mambazo gerade zusammen mit Paul Simon die ebenso melancholische wie überwältigende Tribal-Hymne „Homeless“ einspielt. Es ist wieder 1985, diese Sternstunde der Weltmusik findet hier und jetzt statt. Wunderbar.

 

Plattenspieler SoReal Audio Seismograph II

Funktionsprinzip: Masselaufwerk mit Riemenantrieb

Besonderheiten: manuelle Geschwindigkeitswahl, Tonarm-Montagebasen nach Kundenwunsch

Ausführungen: Duraluminium, eloxiert in Schwarz, Silber oder Gold, alle Bicolor-Kombinationen mit Basisgerät und Plattenteller möglich; andere Ausführungen gegen Mehrpreis

Maße (B/H/T): 63/21/46 cm

Gewicht: ca. 38 kg

Garantiezeit: 10 Jahre

Preis: 22000 €

 

 

SoReal-Audio Vertrieb, Danyel Rondthaler

Aresinger Straße 36

86561 Unterweilenbach

08445 2670030

www.soreal-audio.de

 

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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