Test: Dynaudio Special Forty – die große Kraft der weisen Zurückhaltung

Hier geht es um gute Traditionen und um die Kunst, ein Jubiläum mit einem Produkt zu vergolden, das man so nicht erwartet hätte.

Als in der Redaktion das Thema „Dynaudio“ auf die Agenda kam, war eigentlich die kritische Auseinandersetzung mit einem der Contour-Modelle des dänischen Lautsprecherherstellers geplant. Merke: Leben ist das, was geschieht, während Du andere Pläne machst. Deshalb trudelte bei mir irgendwann ein gerade noch so eben im Alleingang die Treppe hochtragbarer Versandkarton ein. Inhalt: Ein nagelneues Pärchen Dynaudio Special Forty.

Dynaudio Special 40

Die ist, wie der Name andeutet, das Sondermodell zum 40-jährigen Bestehen der Marke Dynaudio. Und ein klingendes Bekenntnis zum Unspektakulären, Zurückhaltenden und gerade deshalb Wirkungsvollen. Das Extravaganteste an der Special Forty ist ihr Oberflächenfinish: Graues oder rotes Birkenholz mit feiner Maserung wird von mehreren dicken Schichten Klarlack geschützt und auf Hochglanz gebracht. Man wähnt sich mit etwas Phantasie in einer hochpreisigen Oberklasse-Limousine aus oberbayerischer oder schwäbischer Produktion. Den rund 36 Zentimeter hohen Kompakt-Schallwandlern steht das edle Finish gleichwohl ausgezeichnet, denn ihm fehlt alles Marktschreierische, Vordergründige, Egomanische.

Ein unzweideutiger Hinweis darauf, dass die Jubiläumsbox eine Philosophie des vornehmen Understatements verkörpert. Anderswo klotzt man zum Jubiläum mit einer veritablen Standbox – Dynaudio macht es (interessanter Weise zum gleichen Preis, nämlich 1500 Euro pro Box) anderthalb Nummern kleiner, ohne qualitative Abstriche in Kauf zu nehmen.

Denn auch, wenn der Special Forty rein von der Physik her im Tieftonbereich rund eine Oktave fehlt, gibt sich dieser Schallwandler kein bisschen schmächtig oder gar anämisch. Nein, diese voll Wohn- und Arbeitszimmer-taugliche Box, die bei mir auf zwei maßgeschneiderten Dynaudio-Stativen ihren Dienst verrichtet, hat ein ausgeprägtes Talent zu Größe und stimmigem Volumen. Und sie marschiert, geeignete Elektronik und passende Software vorausgesetzt, erstaunlich tief in den Frequenzkeller hinab. Auf dem Debütalbum If You Wait der britischen Indiepop-Gruppe London Grammar prunkt der Singlehit „Hey Now“ bekanntlich mit massivem Tiefbass. Von dem die Dynaudio Special Forty gemessen an ihrer (nicht vorhandenen) Größe erstaunlich viel hörbar macht: Musik, die man auch im Bauch spürt.

An dieser Stelle ein wichtiger Tipp: Dynaudios zählen zu jenen Lautsprechern, die ausgiebig eingespielt werden wollen und während dieser Phase mit einem tagtäglich homogener und vielfarbiger werdenden Klangbild die Geduld ihres Besitzers belohnen, man kann die Fortschritte auch ohne goldene Ohren bestens nachvollziehen.

Dynaudio Special 40

Hat man das „Einfahren“ hinter sich, freut man sich an einem Lautsprecher mit echten Allround-Fähigkeiten. In den Wochen, in denen die Special Forty bei mir zu Gast war, fütterte ich sie beileibe nicht nur mit klassischem Hörtest-Stoff, obwohl natürlich auch solche Scheiben auf den CD- und LP-Stapel wanderten. Deutlich mehr Spaß machte es allerdings, mit dem hellgrauen (aber auch in schickem Rot lieferbaren) Lautsprecherpaar Scheiben zu erleben, die primär durch ihre Inhalte und nicht aufgrund ihrer Klangqualität über die Jahre zu häufig aufgelegten Weggefährten geworden sind. Die audiophilste dieser Scheiben (und nach wie vor mein Lieblings-Popalbum) hat inzwischen über 30 Jahre auf dem Buckel: Paul Simons Album Graceland, mit dem er seinerzeit das Kunst-Embargo gegen Südafrika bewusst unterlief und einige seiner südafrikanischen Mitmusiker weltweit zu Stars machte.

Dynaudio Special 40Beispielsweise den ungemein stimmgewaltigen Männerchor Ladysmith Black Mambazo, den der Schreiber dieser Zeilen einige Jahre nach dem Global-Debüt auf Graceland bei einem Auftritt in der Nürnberger Tafelhalle hautnah erlebte. Schwarze Stimmen jenseits aller Klischees und ein souveräner Umgang auch mit schwierigen, „unegalen“ Rhythmen werden hier eins. Der Dynaudio Special Forty gelingt das Kunststück, nicht nur die Stimmen der Chorsänger sehr wirklichkeitsgetreu über die Rampe zu bringen, sondern sogar einen Teil jenes Zaubers zurück zu bringen, den das erstmalige Hören von Graceland auf mich ausübte. Die Ladysmith-Nummer „Homeless“ ist und bleibt pure Magie und sie entfaltet über die Dynaudio Special Forty ihre volle Wirkung.

Was vielleicht auch daran liegen mag, dass die Jubelbox nicht wie frühere Dynaudio-Produkte auf studioartige Neutralität getrimmt wurde, sondern ihren eigenen Charakter einschließlich einer sympathischen Tendenz zur Wärme mitbringt, ohne Stimmen spürbar zu verfärben.

Hier geht es wohlbalanciert zu, obschon die Special Forty gewiss kein Studiomonitor sein will, sondern eindeutig den Genusshörer anspricht, der im ausdrucksvollen Soul-Organ von Constanze Freund (Friend&Fellow, Crystal, Ruf Records) ebenso schwelgen will wie in den überaus filigranen Kantilenen ihres Gitarrenpartners Thomas Fellow. Wenn der charismatische Saitenhexer zu einem seiner Soli abhebt, dann findet die durchsichtige Luftigkeit seines virtuosen Spiels in der Dynaudio Special Forty eine hochauflösende Spielpartnerin, die eine Vielzahl von Details vermittelt, ohne damit die dichte Homogenität des Klangbildes aufzureißen.

Dynaudio Special 40Was Zweiwege-Lautsprecher wie die Special Forty per se besser als ihre Mehrwege-Schwestern beherrschen, ist die virtuelle Rekonstruktion realer Aufnahmeräume. Mit der Dynaudio wird mancher Raum förmlich mit Händen greifbar. Andererseits verschweigt sie gerade bei Pop-Aufnahmen vergangener Dekaden nicht, wenn man gerade den Studio-Tüfteleien eines selbstverliebten Produzenten zuhört. Die französische Sängerin Jeanne Mas hatte ihre große Zeit Mitte der 1980er Jahre, ihre Alben aus dieser Dekade kratzen schon an der Grenze zum Low-Fi. Die Dynaudio Special Forty schönt weder die leicht verzischelt aufgenommene Stimme der exaltierten Chanteuse, die sich mit nur drei Hits („Toute premiere fois“, „Johnny Johnny“ und „Rouge et Noir“) ins Pop-Geschichtsbuch eintrug, noch das ziemlich schwächlich aufgenommene Schlagzeug, dessen labberiger Sound alles andere als Referenzqualität hat. Dennoch wippt und schnippt man unwillkürlich mit, was dem zielsicheren Timing der Dynaudios zu verdanken ist.

Lebt man mit den schönen Däninnen eine Weile zusammen, dann werden ihre Reize in gewisser Weise selbstverständlich – und doch entdeckt man immer wieder Tonträger, die seit Jahren im Regal stehen, mit ihnen neu und anders. So brachte mich beispielsweise die feine, jüngst beim Münchner ACT-Label veröffentlichte Jazzscheibe Mocca Swing des Ausnahme-Saxofonisten Mulo Francel darauf, das zugrunde liegende Album Mocca Flor von Francels Stammcombo Quadro Nuevo in den CD-Player zu stecken. Danach hatte ich gut eine Stunde Freude an mitreißenden Nummern mit sanft arabischem Touch, in die Pits gebannt mit schier beispielloser Spielfreude und alles andere überstrahlender Musikalität.

Erstaunlich genug: Trotz ihrer kompakten Abmessungen schafft es die Jubiläums-Dynaudio, voll besetzte Symphonieorchester größenrichtig abzubilden, die vielköpfigen Klangkörper mit ausgezeichneter Ortbarkeit einzelner Instrumentenstimmen bei gleichzeitiger Bewahrung des orchestralen Mischklangs tief und breit gestaffelt in meinen Hörraum zu projizieren. Bertrand de Billys Maßstäbe setzende Einspielung von Beethovens Dritter Symphonie, der bekannten „Eroica“, bekommt über die Dynaudio Sogwirkung, man wird quasi wehrlos ins Innerste dieser machtvollen Sinfonik gezogen und harrt gebannt und atemlos bis zum letzten Ton des Schlusssatzes vor der Anlage aus – obwohl man doch eigentlich die Lautsprecher testen wollte.

Dynaudio Special 40

Dass sich die Special Forty mit druckvollem Bluesrock versteht, war fast zu erwarten; dass sie auch Hans Zimmers deskriptive „Soundscapes“ zu Blockbustern wie Sherlock Holmes, Illuminati oder Interstellar in eine höchst plastische Form bringt, ist großes Überraschungs-Kino. Zumal Zimmers epische Kompositionen unter anderem von abgrundtiefen, zum Teil äußerst energiereichen Bassimpulsen leben. Die schwere Kost stellt die dänischen Edelkompakten keine Zehntelsekunde lang vor Probleme.

Einzige Voraussetzung für lang anhaltende Freude mit der Dynaudio Special Forty: Wie eigentlich alle Dynaudios der vergangenen Jahre zeichnet sich auch die Vierziger durch einen gewissen Leistungshunger aus und will mit potenten Verstärkern verkabelt werden. Bereits mit dem NAD C368 entfalteten die Dynaudios ein weites Spektrum fein gestufter Klangfarben und erstaunlich breit gefächerter Dynamik. Ebenso mitreißend gaben sich die anspruchsvollen Schallwandler beispielsweise an meiner fulminant gut klingenden Kette von Musical Fidelity – ein britisch-dänisches Joint Venture der berückenden Art, das es an Feingeist ebenso wenig mangeln lässt wie an locker aus dem Ärmel geschüttelten Punch und Groove.

Werden für ein Paar Kompaktlautsprecher 3000 Euro aufgerufen, mag auch der Abgebrühteste zunächst irritiert schauen. Angesichts der unzweifelhaften Meriten der Dynaudio Special Forty kann das Fazit freilich nur lauten, dass dieser Lautsprecher sein Geld absolut wert ist. Also: Anhören, bei Gefallen gleich mitnehmen, ehe es ein anderer tut und die Jubiläums-Auflage vergriffen ist – und dann vielleicht zufrieden feststellen, dass man tatsächlich die Box fürs Leben gefunden hat …

 

 

Dynaudio Special 40Kompaktlautsprecher Dynaudio Special Forty

 

Ausführungen: Birkenfurnier grau oder rot

Nennimpedanz: 6 Ω

Maße (B/H/T): 20/36/31 cm

Gewicht: 8,2 kg

Paarpreis: 3000 €

 

 

www.dynaudio.de

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