MUSICALITY: Let it swing!

Spielen Sie noch oder lassen Sie schon schwingen? Ein klangliches Phänomen spaltet die Musikerszene

Musikinstrumente, die frisch aus der Manufaktur kommen, müssen bespielt oder besser: eingespielt werden. Nur so kann sich der Klang einer neuen Gitarre, eines neuen Cellos oder einer Violine immer weiter entfalten, um schließlich in voller Pracht zu erklingen. Aber kann dieses Einspielen auch von einigen Jahren auf einige Tage abgekürzt werden?

Allein schon der hierfür verwendete Begriff lädt ja zum Sinnieren ein: Vibrationsentdämpfung. Ob und wie wirkungsvoll Vibrationsentdämpfung funktioniert, darüber herrscht Uneinigkeit in Musikerkreisen. Die Meinungen zum „Burn-in“ für Instrumente reichen von „alles Voodoo!“ bis hin zu „eine Offenbarung!“. Es deutet also alles auf einen ideologischen Grabenkampf hin. Zehn Musiker, elf Meinungen. Für eine sachdienliche Diskussion müssen natürlich handfeste Fakten und Hintergründe her!

Let it swing

Live im Einsatz: die Lehmann-Variante der Vibrationsentdämpfung

So mancher Audiophile ist ja bestrebt, mittels Burn-in und allerlei Spezialprozeduren auch noch das letzte soundoptimierte Quäntchen Klang aus der HiFi-Anlage herauszukitzeln. Man denke hierbei etwa an das Einspielen von Lautsprechern, die Warm-up-Phase für die Elektronik, das Einbrennen von Kabeln (selbstverständlich richtungsgebunden) oder gar an die Entmagnetisierung von CDs. Derlei Themen sind durchaus geeignet, das audiophile Lager zu spalten.

Musiker sind da kein bisschen anders. Auch sie forschen und suchen stets nach dem optimalen Sound des liebsten Klangwerkzeugs, der sie beim Spielen beflügeln und ihnen die bestmögliche Präsentation ihres Könnens ermöglichen soll. Da dürfen die Auffassungen über das Wie und Warum gerne mal konträr sein.

 

Alles schwingt

Analog zum Burn-in bei HiFi-Komponenten können auch Musikinstrumente einem Klangreifungsprozess unterzogen werden. Das nennt sich Vibrationsentdämpfung, umgangssprachlich als „Einschwingen“, „Entdämpfen“, aber auch „Seasoning“ oder „Play-in“ bezeichnet. Damit soll das lange Jahre dauernde Einspielen durch tägliches Üben und Konzerttätigkeit drastisch auf wenige Tage abgekürzt, das Schwingungsverhalten und in der Folge der Klang des Instruments verbessert werden. Aber warum muss etwas verbessert werden, das ohnehin schon gut ist? Hatte etwa der Geigenbauer einen schlechten Tag? Hat vielleicht der amerikanische Massenhersteller von E-Gitarren an seiner CNC-Präzisionsfräse geschlampt?

Let it swing

Vibrelax: modernisierte Vibrationsentdämpfung

Mitnichten. Grundsätzlich gilt, dass der Klangkörper eines Musikinstruments schwingt oder vibriert, sobald es Töne von sich gibt. Sei es durch eine angeschlagene, gezupfte oder gestrichene Saite, durch einen vom Spieler erzeugten Luftstrom oder auch durch eine angeschlagene Taste. Dieses mit bloßem Auge natürlich nicht sichtbare Schwingen sollte möglichst ungehindert geschehen – sowohl was die Saite als auch was den Klangkörper angeht. Da kommt allerdings die angewandte Physik in die Quere: Sobald Materialien wie Holz, Blech oder auch Stahl verformt, verbogen, verschweißt, verklebt oder anderweitig verarbeitet werden, besitzt die gesamte Konstruktion – im vorliegenden Fall das Instrument – eine innere Spannung. Die Atome weichen sozusagen minimal von ihrer Idealposition im molekularen Gefüge ab. Wir bewegen uns hier wohlgemerkt im Picometer-Bereich – es geht also um Milliardstel Millimeter! Diese inhärenten Spannungen sollen durch die Vibrationsentdämpfung minimiert, die Atome gewissermaßen wieder zurechtgerückt werden, um im Bild zu bleiben.

Das lässt sich mit einer Massage vergleichen, bei der verspannte und verhärtete Muskeln gelockert werden. Das Lignin im Holz, jener bindende und festigende Stoff in den Zellwänden, der Holz erst zu Holz macht, wird geschmeidiger, der Korpus eines Instruments kann besser schwingen und das Instrument blüht in klanglicher Hinsicht auf. Was passiert nun von technischer Seite bei der Vibrationsentdämpfung? Wer kam überhaupt auf diese Idee und welche Methoden gibt es inzwischen?

Ein musikalischer Professor

Der Ingenieur Gerhard Alfred von Reumont, nicht nur ein findiger Kopf, sondern auch ein großer Liebhaber klassischer Musik, hat das Verfahren, das er Vibrationsentdämpfung nannte, 1972 entwickelt. Von Reumont war von Berufs wegen auf der Suche nach einer Methode, um die materialimmanenten Spannungen bei großen Stahlkonstruktionen zu minimieren. Diese Spannung kann nämlich zu Rissbildungen führen, was natürlich nicht ganz ungefährlich ist. Also versuchte von Reumont, durch Zuführen von extern erzeugten Schwingungen im Resonanzbereich die Eigenspannung des Materials zu verringern. Für den heute 84-jährigen Hochschullehrer und Musikfreund (er spielte selbst Kontrabass) war es irgendwann naheliegend, dieses im Stahlbau seither erfolgreiche Verfahren auch auf Instrumente zu übertragen, wie in seinem Buch Theorie und Praxis des Vibrationsentdämpfens zur Resonanzverbesserung von Musikinstrumenten nachzulesen ist (Verlag der Instrumentenbau- Zeitschrift, ISBN 3877101739). Die Anmeldung zum Patent erfolgte 1977, und als sein Patent 1999 ausgelaufen war, begannen diverse Anbieter, mit dem Einschwingen von Instrumenten auf den Markt zu gehen.

 

Let it swing

Der legendäre Jazzgitarrenbauer Bob Benedetto mit ToneRite

Swing it!

Wie genau funktioniert Vibrationsentdämpfung? Bei der Violine beispielsweise wird auf dem Steg des Instruments eine spezielle Vorrichtung befestigt, über die mechanische Schwingungen in das Instrument eingeleitet werden. Die Vibrationsquelle ist ein kleiner Elektromotor mit einstellbarer Drehzahl und veränderbarer Unwucht. Auch Amplitude und Frequenz können angepasst werden. Je nach Drehzahl des Motors wird das Instrument mit einer anderen Frequenz beaufschlagt. Über die Messung des Motorstroms kann man den Fortschritt der Entdämpfung verfolgen – eine rückläufige Stromaufnahme des Motors lässt den Rückschluss auf verbesserte Schwingung zu. Nach mehreren Tagen Anregung mit verschiedenen Frequenzen ist die Behandlung beendet.

Laut Aussagen vieler Musiker wirken die behandelten Instrumente wie jahrelang intensiv und regelmäßig über den kompletten Tonumfang bespielt. Die Töne sind deutlicher und brillanter, die Tonansprache wesentlich leichter; das Instrument wirkt insgesamt etwas lauter und klingt ausgeglichener.

Das Verfahren Reumonts wurde von seinem Schüler, dem Physiker Dr. Gottfried Lehmann (1924–2001) und dessen Sohn Matthias, seines Zeichens Cellist im Brandenburgischen Staatsorchester in Frankfurt/ Oder erfolgreich weitergeführt und stark verfeinert. Sie haben ihr Verfahren in „Vibrelax“, abgeleitet von „Vibrationsrelaxation“, umgetauft. Auch Emil Weiß, ebenfalls ein Schüler von Professor von Reumont, hat das Verfahren aufgegriffen und bietet es für den stattlichen Preis von knapp 800 Euro an. Deutlich günstiger (etwa 150 bis 350 US-Dollar) und daher eher für einen Selbstversuch verlockend ist ToneRite, ebenfalls ein spezieller Aufsatz für den Steg des Instruments.

Neben dieser Originalvariante des Entdämpfens mit Schwingungsenergie hat der Anbieter PrimeVibe eine Alternative im Gepäck: Hier wird mit Körperschall entdämpft. Diese Apparatur nutzt das Prinzip des Biegewellenwandlers, um das Instrument zum Schwingen anzuregen. Zwei kleine kreisrunde Übertrager mit etwa fünf Zentimeter Durchmesser werden auf den Instrumentenkörper aufgelegt und von einem kleinen, aber kräftigen Verstärker entweder mit Musik im digitalen Format oder aber mit weißem Rauschen versorgt. Mit dieser von NXT patentierten Surface Sound Technology können mittels der Übertrager die Vibrationen auf jegliches Material eingespeist und dieses dann als Resonanzkörper und somit zur Schallerzeugung genutzt werden.

Im Unterschied zum Reumont-Verfahren, wo die Schwingung nur mit einer bestimmten Frequenz in das Instrument eingespeist wird, steht beim Entdämpfen mit Körperschall das gesamte Frequenzspektrum zur Verfügung. Ob dies noch bessere Auswirkungen auf den Klang des Instruments hat, konnte bislang noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Sehr wohl wurde aber von wissenschaftlicher Seite, sogar von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig attestiert, dass es sich bei Professor Reumonts Methode durchaus um ein Verfahren handelt, das nicht nur brandneue, sondern auch „eingeschlafene“ Instrumente wieder aus ihrem Dornröschenschlaf aufzuwecken vermag.

Let it swing

Oben der originale Stegaufsatz von Professor von Reumont, darunter die verfeinerte Variante von Lehmann mit Exzenterscheiben

Vorsicht, bitte!

Dieser Ansicht schließe ich mich gerne an. Meine noch verbliebenen Physikkenntnisse sowie die Ergebnisse meiner umfangreichen Recherche sprechen dafür, dass die Vibrationsentdämpfung funktioniert und klangliche Ergebnisse bringt. Und zwar vornehmlich für akustische Instrumente. Die genannten Verfahren können natürlich auch bei elektrischen Gitarren angewendet werden. Ob deren Wirksamkeit kommt es in Fachforen immer wieder zu den eingangs erwähnten Grabenkämpfen. Ich wollte es genau wissen und habe deshalb einen renommierten E-Gitarrenbauer im nördlichsten Nordbayern besucht und mir bei diversen Erzeugnissen oberfränkischer Braukunst vor dem Kaminfeuer fachlichen Rat geholt. Auch hier die einhellige Meinung: Ja, dieses Verfahren funktioniert, es ist nicht einfach nur Esoterik. Allerdings ist es bei E-Gitarren mit Vorsicht zu genießen. Zu viele klangformende Faktoren spielen eine Rolle in der Soundkette: Tonabnehmer, Kabel, Röhren, Lautsprecher. Und das sind nur die ganz offensichtlichen Faktoren, diverse Übergangs- und Innenwiderstände sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Bei akustischen Instrumenten verhält es sich etwas einfacher, weil der Resonanzkörper den Klang ohne weitere technische Hilfsmittel an die Umgebung abgibt.

Unentbehrlich sind auf jeden Fall erfahrene Musiker-Ohren. Das Gehör eines blutigen Anfängers ist noch nicht fein genug justiert, um solche „Kleinigkeiten“ wahrzunehmen. Etwas plakativer: Wer den Unterschied zwischen einer Stratocaster und einer Les Paul nicht hören kann, dem bringt auch teures Einschwingen nichts. Und aus einer schrottigen China-Klampfe wird auch durch Klangoptimierung für 800 Euro keine Custom- Shop-Gitarre.

Auch ein gewisser psychologischer Aspekt sollte nicht unterschätzt werden: Wer einen mittleren bis größeren dreistelligen Betrag für diese Maßnahme ausgibt, der muss schlicht an eine Klangverbesserung glauben wollen.

Es gibt übrigens noch eine weitere Einschwingvariante. Die wird sogar von prominenten Profis durchgeführt und – jetzt kommt das Beste – ist zudem kostenlos: Im Probenraum stelle man einfach die Gitarre in den Instrumentenständer, schmeiße den CD-Player an und befeuere die Gitarre aus nächster Nähe mit Musik al gusto aus den PA-Boxen, und zwar Vollgas! Natürlich gilt: Don’t try this at home! Sonst stehen in Windeseile die Nachbarn vor oder die Staatsorgane in der Tür.

Meines Erachtens sollte die Vibrationsentdämpfung, ob für akustische oder elektrische Instrumente, an letzter Stelle einer Liste von diversen Maßnahmen und Überlegungen stehen. So wie sich bei HiFi-Anlagen manchmal schon mit kleinen Maßnahmen eine große Wirkung erzielen lässt, etwa durch die optimale Aufstellung der Anlage, so sollten zuerst Themen wie Üben (!), Phrasierung, Tonentfaltung, Handhaltung und dergleichen zum Zuge kommen. Dies gilt vor allem für die Popularmusiker. Der gemeine E-Gitarrist ist nämlich für die neuesten technischen Spielzeuge deutlich anfälliger als klassische Musiker, bei denen das Ausloten des vollen Klangpotenzials eines Instruments bereits zum Berufsbild dazugehört. Um es abschließend mit Duke Ellington auszudrücken: „It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing!“

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 7 (3/2013)

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