Westdeutsche HiFi-Tage 2017

Alle Jahre wieder? Aber gerne doch! Zu den Westdeutschen HiFi-Tagen. Nach Bonn, ins Hotel Maritim. Diesmal nehmen wir Schulterpolster mit. Und einen Helm.

Das Hotel Maritim in Bonn ist etwas für harte Typen. Zumindest in einer speziellen Hinsicht: Die Türen der Aufzüge sind massiv, schnell und unbarmherzig. Einmal kurz nicht richtig aufgepasst (weil zum Beispiel im Fachgespräch vertieft), und schon wird man in die automatische Zange genommen. Warum nicht einfach das Treppenhaus benutzen? Weil es im Maritim kein Treppenhaus gibt. Okay, es wird sicherlich eines geben, allein schon wegen eventueller Fluchtwege, doch gefunden hat es auch im achten Jahr dieser Veranstaltung niemand. Wer alle Aussteller der Westdeutschen HiFi-Tage (WDHT) besuchen will, muss den Aufzug benutzen.

Westdeutsche HiFi Tage HiFi Linzbach Bonn 2017

Doch Treppenhaus hin, Fluchtweg her: Auf den Westdeutschen HiFi-Tagen 2017, zum achten Mal von HiFi-Linzbach veranstaltet, gab es keinen Grund, die Flucht zu ergreifen. Ganz im Gegenteil. Die Zwei-Tages-Veranstaltung verlief in diesem Jahr spürbar entzerrter und entspannter, mit mehr Bewegungsspielraum auf den Gängen und in den audiophilen Probierstuben. Davon gab es wieder reichlich: Mehr als einhundert Aussteller verteilten sich über vier Etagen. Die mit besagten Aufzügen recht bequem zu erreichen waren. Auch ohne Helm.
Noch bevor die Westdeutschen HiFi-Tage 2017 am Samstagmorgen offiziell ihre Pforten öffnete, hatte FIDELITY schon Bekanntschaft mit zwei echten Leckerbissen aus der immer noch boomenden Analogszene gemacht.

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Michael Fehlauer, Chef von Audiospecials, hatte das erste Serienexemplar seines zweiteiligen Phonoentzerrers namens „Recompizer“ im Handgepäck. Die etwas rätselhafte Namensgebung des superb verarbeiteten und innovativen Entzerrers lösen wir gern in einer kommenden FIDELITY-Ausgabe auf. Eigentlich wollten wir das schicke Duo schon am Aufbautag mit der sensationellen Neuauflage des berühmten Studiolaufwerks SP-10R von Technics ausprobieren. Doch die beiden Technics-Repräsentanten ließen sich partout nicht dazu überreden, ihre hingebungsvolle Putz- und Polierarbeit am wahrscheinlich schönsten Plattenspieler-Laufwerk aller Zeiten zu unterbrechen. Später war der SP-10R dann nur noch hinter einer dicken Glashaube zu bewundern. Dafür adelte er in unmittelbarer Nachbarschaft auch gleich den Stand von FIDELITY in der Lobby. Fast genauso schick wie den SP-10R fanden wir übrigens das neue All-in-one-System SC-C70 im Technics-Showroom.

Weitere Auffälligkeiten der WDHT 2017, stakkato und unsortiert. Erneut bot Ulf Soldan bei Bowers & Wilkins die wohl professionellste und zugleich unterhaltsame Vorführung: Die neue 702 S2 spielte in der größten Suite des Hotels souverän auf. An den kleineren Ständen zeigte HMS die neue Über-Drüber-Kabelserie Suprema, hier trafen wir auch auf Jochen Räke von Transrotor, der sich nebenan bei Tabula Rasa über individuell zusammenstellbare Vollholzracks informieren ließ, Wir staunten über das immer wieder beeindruckende Pretiosen-Portfolio von Clearaudio. Echte Hingucker waren auch (wieder) das schnittige Direkt-Lautsprechertrio von Heco und der RV4 von Magnat, ein Lehmannaudio Drachenfels mit Chromfront (übrigens frisch gekürter Preisträger des renommierten RIHPA – herzlichen Glückwunsch, Norbert Lehmann!). Quadral wiederum punktete weniger am Stand im Saal, sondern vielmehr im 1. Stock – und zwar mit überraschenden Tuning-Elementen auf den Rückseiten der Lautsprecher. Überhaupt bleibt Tuning unverändert ein Dauerthema unter Audiophilen. Den Vogel schossen diesbezüglich ab: Markus Kampschulte von Loftsound (klein- und vielteilige

Tuning-Elemente wirklich allüberall), Bernd Hömke von Input Audio (handgesammelte Kastanien, vermutlich nicht ganz ernst gemeint) und Ralf Nadolski von Authentic Sound (auffällige Skulpturen aus Filzelementen). Bei Einstein entdeckten wir eine Rotweinflasche als Kabellifter, aber auch „THE tuning tool for toddlers“: Schallschutzkopfhörer für die allerkleinsten Musikfans in Neongrün. Sehr schick! Fast hätten wir das neue „kleine“ Einstein-Laufwerk übersehen, das in gleich zwei Versionen zu sehen und zu hören war. Phonosophie durfte eh als gesetztes Tuning-Paradies gelten, aber auch Steinmusic entpuppte sich mit einer Art UFO an der Fensterscheibe erneut als innovativ, hatte aber auch die bodenständigen Schwergewichts-Röhren von Amplifon auf den Racks. Professionelles Digital-Tuning gab’s bei Trinnov, gar kein extra Tuning, sondern „nur“ liebevoll zusammengestellte Anlagen bei ATR (Cabasse an Music Hall) für kleines Geld, bei Audioconcept (PMC an Plinius) und auch bei IDC Klaassen mit der großen Q Acoustic.

Klassisches Edel-High-End servierte Gaudios mit Nagra und Thales, dessen neuer (vergleichsweise) preisgünstiger Komplettspieler uns sofort faszinierte. Genuin schaufelte mit AudioSolutions, Perreaux und hauseigenem Plattenspieler mächtig Musik in den Raum. Übrigens kann auch das Hotel Maritim selbst ordentlich rocken: Weil die dringend nötig gewordenen Umbauarbeiten sich sehr viel länger hinziehen als geplant, gab es immerhin einen Raum, der wahren Rock’n’Roll-Spirit schon im Eingangsbereich ausstrahlte. Bei Audio Valve nahm man’s einigermaßen gelassen, dass teilweise rohes Mauerwerk zu sehen war. Viel auffälliger waren sowieso die Röhrengeräte, deren Klang mit Schmackes und luftiger Energie überzeugen konnte. Ebenfalls gehaltvoll, aber dezenter klang es beispielsweise bei SoReal – zwischendurch sogar in Mono! – und bei Friends of Audio mit italienischem Frontend von CanEver und österreichischen Schallwandlern von Ichos. Kleine Elektrostaten, die auf die Kommode gestellt werden können, zeigte Robert Ross mit Fonica aus Italien. Von übertriebener Zurückhaltung konnte man weder bei ELAC und AudioQuest, noch bei Ascendo oder bei Live Act Audio sprechen: Spaß hat’s gemacht und eine imposante Kopfhörer-Parade von Ultrasone haben wir dabei auch gleich noch entdeckt.

Pause gefällig? Die besten Kaffeeköstlichkeiten der Welt, moderiert und zelebriert vom unvergleichlichen Heinrich Schläfer, durften wir bei AVitech sowieso erwarten, nicht aber einen neuen Vollverstärker sowie einen neuen CD-Player (im Jahre 2017!) von Bryston. Zum Abtauchen gut klang es – ja, auch auf einer Messeveranstaltung! – mit den einzigartigen ESL Home von Sombetzki, während Peter Schippers von Audiodata Elektroakustik seine digitale Raumkorrektur Audiovolver immer unkomplizierter und preisgünstiger zu den Musikliebhabern bringt, und das auch immer öfter per Fernwartung.

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Größte Überraschungsmomente auf der WDHT 2017? Schallwandler nach Art eines Streichinstruments bei Spaltart: mehr stilisiertes Cello als HiFi-Box und ganz sicher kein High-End, aber nicht uncharmant. Der plattentellerlose Plattenspieler Atmo Sfera von Audio Deva, der uns beim ersten Reinhören tatsächlich verblüffte und glatt ein wenig sprachlos hinterließ. Gänzlich die Worte fehlten uns, als wir kurz vor Veranstaltungsschluss ein sehr teures Paar Lautsprecher zu Ohren bekamen, von dem ein Exemplar verpolt war und somit bereits zwei Tage unbehelligt auf den Westdeutschen HiFi-Tagen aufspielten konnte. Autsch. Da hätten wir uns lieber von der nächsten Aufzugstür einquetschen lassen. Apropos: Nur ein einziges Mal war irgendwo „Die Tänzerin“ von Ulla Meinecke zu hören, was selbst nach ein paar Jahren Abstinenz zuverlässig den Fluchtreflex auslöste. Nur gut, dass niemand weiß, wo im Maritim das Treppenhaus ist.

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www.bonnaudio.de

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