Tokyo International Audio Show 2017

Die Tokyo International Audio Show, ein besonderer Ort für High End Audio

Japan ist weit weg und Japan ist groß: Flächenmäßig mit rund 378000 Quadratkilometern zwar nur rund sieben Prozent größer, übertrifft Japan mit 126 Millionen Einwohnern Deutschland um gut 50 Prozent. Die Metropolregion Tokio gilt mit ihren 37 Millionen Einwohnern als die größte der Welt – ein Land der Superlative. Jeder Tag, ob Wochentag oder Wochenende, fühlt sich an wie ein Montagvormittag: Alles pulsiert und ist in ständiger Bewegung und erinnert stellenweise an den Fritz Lang Klassiker Metropolis.

Japan ist aber auch das Land, das nicht nur in der Vergangenheit maßgeblich dazu beigetragen hat, den Begriff HiFi, so wie wir ihn heute kennen, zu formen. Viele schillernde Namen kommen dem HiFi-Fan sofort in den Sinn, beispielsweise: Accuphase, Aiwa, Akai, Audio Technica, CEC, Denon, Esoteric, The Fisher, Fostex, Hitachi, JVC, Kenwood, Luxman, Micro Seiki, Mitsubishi, Nakamichi, Nikko, Onkyo, Panasonic, Pioneer, Sani, Sanyo, Sharp, Sony, Stax, TEAC, Technics, Toshiba, Yamaha, aber auch andere, wie : Miida (Marubeni), Sankyo, Mitsumi, L&G, Coral, Crysler Living Audio, Dynavector, Fidelity Research, MacLair (Dong Won), National (Matsushita), Nagaoka, Optonica (Sharp), Aurex (Toshiba), Satin, Sumo, Cybernet (Kyocera), Monarch, Dokorder (Denki Onkyo), Alpage (Alpine), Casio, Clarion, Concord und viele andere mehr.

Tokyo International Audio Show 2017

Japan ist HiFi-Land, gar keine Frage. Doch wie präsentiert sich das Thema HiFi im Urland der High Fidelity?
Zu diesem Zweck reiste FIDELITY nach Tokio, um sich die Tokyo International Audio Show 2017 anzusehen. Ausgerichtet wird die Show von der 2007 gegründeten International Audio Society of Japan. Vorgänger dieser Organisation war die bereits 1981 gegründete Society of Consumer Audio Distributors. Mr. Sheen Uchida, der Veranstalter, gab uns einige interessante Einblicke zu dieser wahrlich einzigartigen Messe, die es bereits seit 34(!) Jahren gibt. Mit rund 11000 Besuchern verzeichnet die Tokyo International Audio Show für ihre Größe und Anzahl von Räumen und Marken einen beachtlichen Zulauf. Und diese Zahl sei keine „bullshit figure“, war es Herrn Uchida wichtig festzuhalten. Die 11000 Besucher verteilen sich auf drei Messetage, von Freitag bis Sonntag.

Seit 1997, also seit genau 20 Jahren, findet die Messe im Tokyo International Forum im Stadtteil Ginza statt, einem architektonisch spektakulären Konferenz- und Veranstaltungsgebäude aus Stahl, Glas, Beton und Holz. Das Tokyo International Forum besteht aus zwei großen Gebäuden, die sich gegenüberstehen und eine wunderbar begrünte Plaza einschließen. Der eine Gebäudekomplex beherbergt Mehrzweckräume und eine Vielzahl von Theatern, jeweils mit bis zu 5000 Sitzplätzen. Dort sollen während der Olympischen Spiele 2020 die Wettkämpfe im Gewichtheben stattfinden. Gegenüber dieses Gebäudes steht ein sanft geschwungener Komplex, der entfernt an ein Boot erinnert. Im Inneren schwebt direkt unter der Decke ein skulptural angedeuteter Bootskiel. Dieser ist 260 Meter lang und gut 2000 Tonnen schwer und ruht in 50 Metern Höhe freischwebend auf nur zwei Säulen – ein wirklich atemberaubender Anblick.

Die Räumlichkeiten in diesem Gebäude dürfen weitestgehend als perfekt geeignet für hochwertige Musikwiedergabe gesehen werden. Alle Räume sind akustisch behandelt und durch 30 Zentimeter dicke Türen hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, so dass man darin tatsächlich auch nur das hört, was sich im Inneren abspielt. So gab es auf der ganzen Messe nicht eine einzige Vorführung, über die man sich hätte mokieren können; sicher auch ein Verdienst der fantastischen, übrigens recht unterschiedlich großen Räume.

Der Eintritt zur Tokyo International Audio Show ist kostenlos. Man muss sich aber registrieren, was die Glaubwürdigkeit der angegebenen Besucherzahlen erhöht. Als Aussteller sind nur die Mitglieder der International Audio Society of Japan mit ihren Marken zugelassen. Derzeit hat der Verein 32 Mitglieder, die knapp 200 Marken repräsentieren – und diese werden auch weitestgehend im Rahmen der Messe gezeigt.

Tokyo International Audio Show 2017

Was in Tokio sofort auffällt: Das Thema HiFi ist hier etwas sehr Ernsthaftes und wird anders „gelebt“ als beispielsweise in der westlichen Welt. Das zeigt sich auch im Rahmen der vielen Präsentationen. Der Zeitaufwand für Musikbeispiele und technische Erklärungen hält sich in etwa die Waage. Das heißt, in Tokio werden viel mehr Erklärungen und theoretischer Unterbau geliefert als anderswo, offenbar eine japanische Besonderheit. Zudem kann man während einer solchen Präsentation (Musik oder Erklärung) die sprichwörtliche Nadel fallen hören: Das Publikum verhält sich sehr diszipliniert und quatscht nicht rein. Und – auffällig und angenehm – die allermeisten Besucher bleiben während der Gesamtdauer einer Präsentation sitzen und „hoppen“ nicht herum. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass so eine Vorführung auch schon mal eine halbe oder dreiviertel Stunde dauern kann.

Die Messe in Tokio konzentriert sich voll und ganz auf ihre Besucher und das Thema High End – und zwar nur High End. Insofern darf man wohl behaupten, die Tokyo International Audio Show ist die weltweit einzig wahre High-End-Audio-Messe. Selbst das riesige Thema „Kopfhörer“ mit all seinen Schattierungen spielt in Tokio keine große Rolle. Möglicherweise aber auch deshalb, weil die Messe räumlich nicht weiter wachsen kann. Sämtliche im Tokyo International Forum verfügbaren Räume sind bereits vom Veranstalter belegt – und eine bessere Location gibt es schlicht und einfach nicht. Damit dürfte auch der Rahmen für die Zukunft abgesteckt sein.
Was uns noch aufgefallen ist: Die Aussteller geben sich große, teils sehr große Mühe, die Räume liebevoll, schön und angenehm für die Besucher zu gestalten. Dazu gehören aufwendige Dekorationen, viele Blumen und gezielte Lichtstimmungen – und Lichtstimmungen bedeutet hier nicht, einfach das Licht auszuschalten …

Tokyo International Audio Show 2017

Wo klang es nun am besten? Nun, der in allen Belangen überzeugendste Raum war eindeutig der von Esoteric. Dort spielte Esoterics Grandioso-Serie – Monoblöcke zusammen mit zwei nagelneuen Quellkomponenten, dem Networkplayer N-01 und der Phonostage E-02 – einfach atemberaubend gut. Es war eines dieser Setups, das einfach keine weiteren Fragen aufkommen lässt. Als Lautsprecher kam bei Esoteric in diesem Raum wechselweise eine Avantgarde Acoustic Trio mit zwei Basshörnern, eine Tannoy Kingdom Royal und eine neue Tannoy aus der Legacy Series zum Einsatz. Besonders auffällig bei all diesen Kombinationen war, mit welcher Kontrolle und doch Lässigkeit dieser große Raum emotional mit Musik „zum darin Baden“ geflutet wurde. Irgendeine Anstrengung? Fehlanzeige – und zwar bei jedem Pegel. Feinauflösung und Grobdynamik waren vorbildlich und auch die Tonalität und holografische Abbildung waren so, wie man es sich nur wünschen kann. Wenn wir Punkte vergeben müssten, dann wäre dies der Raum mit 100 von 100 Punkten.

Es gab aber noch weitere dicke Überraschungen. So beispielsweise der Raum von Bowers&Wilkins, in dem es einerseits die große 800 D3, aber auch die brandneue 700er Serie zu hören gab. Und nach unserem ersten Eindruck ist die größte 700er, die 702 S2, dem Spitzenmodell von B&W verblüffend dicht auf den Fersen. Ein echtes Haar in der Suppe konnten wir spontan nicht finden. Fairerweise müssen wir aber auch sagen, dass wir bei B&W keinen direkten A/B-Vergleich erlebt haben. Vielmehr wurde erst der eine Lautsprecher vorgeführt, dann umgebaut und erst einige Zeit später kam dann der andere Lautsprecher zum Einsatz. Trotzdem kann einen das Ergebnis schon mal ins Grübeln bringen.

Ein weiterer Raum zum Träumen war der von Nagra und Avalon. Nagra hatte seine Topprodukte am Start – inklusive der neuen zweiteiligen Über-Vorstufe namens „HD Preamp“. Abwechselnd an einer Avalon Saga oder Avalon Indra Diamond präsentiert, verschwand auch hier die Grenze zwischen Original und Konserve zu einer perfekten akustischen Illusion. War der Sound bei Esoteric eher organisch und beinahe schon wollüstig schön, so war der Klang im Nagra-Raum eher auf der präzisionsbetonten Seite.

Tokyo International Audio Show 2017

Wie schon zuvor in Hongkong (siehe Audiotechnique High-End Audio Visual Show), so wusste auch YG Acoustics in Tokio wieder mächtig zu beeindrucken; diesmal an einem Frontend von Krell. Yoav Geva, Chef von YG Acoustics, hat uns im Gespräch die Alleinstellungsmerkmale seiner Lautsprecher ausführlich erklärt. Spätestens als er die aus dem Vollen gefräste Versteifung des Kalottenhochtöners aus der Tasche zog, wurde klar, mit welcher Akribie YG Acoustics zu Werke geht. Dieses Bauteil – das tatsächlich aus dem vollen Material gefräst, nicht gebogen wird – bringt in seinem Endzustand, bevor es verbaut wird, ein Gewicht von sagenhaft niedrigen 30 Milligramm auf die Laborwaage.

In Tokio wird das Thema Analog sehr hochgehalten und die Schallplatte regelrecht zelebriert. Da werden auch schon mal Platten einzeln in Alukoffern transportiert. Und das Auspacken, das Aus-der-Hülle-nehmen und Auf-den-Plattenteller-legen gleicht mehr einer Oper in drei Akten, als das sonst oft übliche „ich leg‘ mir dann mal ’ne Platte auf“. Vielleicht auch, weil das analoge Thema einen so hohen Stellenwert in Tokyo besitzt, gab es dann auch weitere Premieren zu bewundern. TechDAS war beispielsweise mit seinem neuen Top-Produkt, dem gigantischen Air Force Zero, und dem neuen „kleinen“ Laufwerk, dem Air Force V, vertreten. An Elektronik von Constellation Audio in Verbindung mit Vivid-Lautsprechern wurden hier schnell die Unterschiede der beiden Laufwerke klar. Mehr Ruhe, mehr „Grip“, mehr Farbe, mehr Dynamik und mehr Ausdruck gab’s beim TechDAS Air Force Zero gegenüber dem Air Force V. Was aber auch nicht anders zu erwarten war. Testplatte war übrigens immer ein einseitiger „ultra-rare“ 45-Upm-Lackschnitt des berühmten Harry-Belafonte-Klassikers Live At The Carnegie Hall.

Neben den vielen Superlativen der Messe gab es aber auch einiges „normales“ High-End zu entdecken. Bekanntlich ist in Japan der Wohnraum knapp, man wohnt in der Regel eher auf kleinem Raum, wenn nicht sogar beengt. Gigant-HiFi ist in diesem Zusammenhang für die meisten Fans gar nicht realisierbar. So gibt es dann in Japan auch eine Menge Lautsprecher mit wohnraumfreundlicheren Abmessungen zu bestaunen. Besonders aufgefallen ist uns ein kleiner Zwei-Wege-Lautsprecher von Fostex mit Magnesiummembranen. Sicherlich kein Schalldruckwunder und auch kein Tiefbassmonster, doch die klangfarbliche Entfaltung, die Durchhörbarkeit und Selbstverständlichkeit dieses kleinen Schallwandlers ist verblüffend und erinnert stark an die Fähigkeiten guter Kopfhörer. Auch Kiso Acoustic wusste in der Klasse der kleinen Lautsprecher an einem Frontend von Pass zu überraschen.

Unter den Schwergewichten gab es natürlich weitere Highlights der Messe zu benennen, etwa der neue Lautsprecher von Magico, die M6. Ein Wunder aus Aluminium und Karbon, bei dem es schwer fällt, noch irgendeine Kritik anzubringen. Auf gleicher Augenhöhe rangieren die Lautsprecher von Wilson Audio, in Tokio vertreten durch die übermannsgroße Alexx und die Alexia Series 2. Auch Lumen White hatte einen großen Auftritt in Japan, McIntosh zeigte den neuen MC 1.25 KW Endverstärker, D’Agostino war mit allen Produkten vertreten, ebenso Ayre, TAD, ELAC und unzählige andere. Wie wichtig die Tokyo International Audio Show im Kalender der Hersteller tatsächlich ist, zeigt die große Anzahl von Premieren. Tokio ist nicht nur irgendeine weitere HiFi-Show im Kalender, nein, Tokio ist vielmehr die einzig echte High-End Show weltweit! Eine so exakte Fokussierung und allumfassende Hingabe aller Beteiligten haben wir bis dato noch nirgendwo sonst erlebt, das macht Tokio so besonders. Was die Messe darüber hinaus auszeichnet ist die Tatsache, dass die Tokyo International Audio Show eine echte Besuchermesse ist. Businesstalk steht spürbar weit im Hintergrund und wird, wenn überhaupt, sehr diskret geführt. Der Besucher hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, das er jemals lästig oder gerade unerwünscht sein könnte.

Supergalerie mit 414 Bildern

Was bleibt? Tokio ist definitiv eine Reise wert und beherbergt die einzig echte High End Audio Messe. Die Vorführungen sind durchweg auf sehr hohem Niveau, man staunt über die Ernsthaftigkeit, mit der das Thema angegangen wird und der Besucher steht ganz klar im Mittelpunkt. Die besten Vorführungen? Wilson Audio, Magico, Vivid, vor allem aber der große Esoteric-Raum mit Lautsprechern von Avantgarde Acoustic und Tannoy.

Kommen wir wieder? Überhaupt keine Frage!

 

International Audio Society of Japan

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