Jazzidelity: Iiro Rantala – My History Of Jazz

Gewohnt unberechenbar

Er komponierte einmal ein Klavierkonzert und nannte es Concerto in G#majAs. Geradezu ins Gesicht geschrieben sind ihm Schalk und Witz. Iiro Rantala, der finnische Klaviervirtuose, der 20 Jahre lang mit seinem Trio Toykeät durch die Jazzwelt wirbelte, bleibt bis auf Weiteres der unberechenbarste Irrwisch des Jazz-Pianos. Weil Rantala von großen Gesten und tiefschürfendem Gehabe wenig hält, diffamieren ihn humorlose Puristen zuweilen als billigen Barklimperer. Doch alle, die an technisch verblüffender Tastenzauberei und überraschenden stilistischen Sprüngen ihren Spaß haben, können beim Finnen nur begeistert mit der Zunge schnalzen. „Ich habe immer Angst, mit meiner Musik zu langweilen, weil ich mich selbst schnell langweile“, so erklärt der 42-Jährige seinen respektlos verspielten Eklektizismus. „Daher mag ich Komponisten wie Zappa und Strawinsky. ‚Bohemian Rhapsody‘ ist für mich das beste Rockstück aller Zeiten.“ Jüngst wurde Rantalas virtuoser Witz endlich auch in Deutschland angemessen gewürdigt – mit einem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik und einem Echo Jazz für den besten internationalen Pianisten. In Finnland hat Rantala seine eigene Fernsehsendung und komponiert regelmäßig auch für Film und Theater.

Iiro Rantala

Iiro Rantala – My History Of Jazz
CD, ACT

Sein neues Album heißt My History Of Jazz – und beginnt mit Johann Sebastian Bach. Aber wie sollte es auch anders sein? Bekanntlich war Vater Bach ja „der erste Jazzmusiker der Welt“, wie es der Play-Bach-Erfinder Jacques Loussier einmal formulierte: Denn Variationen über den Generalbass und Improvisationen über Changes sind doch eigentlich sehr verwandte Dinge. So sieht das auch Iiro Rantala, der schon mit sechs Jahren Bachs Musik zu erforschen begann. Das Aria-Thema, das Bach seinen „Goldberg-Variationen“ zugrunde legte, wird beim Finnen zum Startpunkt für eine Hand voll jazziger Improvisationen zwischen romantisch und free. Ebenso unberechenbar und eklektisch entwickelt sich das ganze Album, eingespielt an diversen Flügeln und in wechselnden Besetzungen – vom Solo bis zum Quartett. Kurzweil und Kehrtwendungen sind Programm. „Meine ganze Musikentwicklung kann man auf diesem Album hören“, sagt Rantala.

Iiro Rantala

Schelm am Piano: Für Iiro Rantala beginnt Jazz bei Johann Sebastian Bach

Da ist zum Beispiel George Gershwins 20er-Jahre-Song „Liza“, den Rantala durch altmodische Charleston- und Stomp-Rhythmen hetzt – so virtuos, rasant und gut gelaunt, dass Fats Waller daneben wie ein muffiger Misanthrop wirken könnte. Da ist Thelonious Monks wundersames Thema „Eronel“, dem der Finne alle sperrige Verbohrtheit nimmt, um es mit einem scheinbaren Achselzucken in perlend-leichte Nonchalance zu hüllen. Da ist auch der „September Song“ aus Kurt Weills amerikanischem Musical Knickerbocker Holiday: Rantala zaubert daraus – ohne Rhythmusbegleitung – eine höchst elegant swingende Teddy-Wilson-Nummer. Und da ist das Duke-Ellington-Evergreen „Caravan“, das bei Rantala im Duo mit dem polnischen Geigen-Newcomer Adam Baldych unversehens in abstrakt-neutönerische Abenteuer startet. Die Sensationen jagen einander.

Iiro Rantala

Iiro Rantala: “Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand hier über einen Mangel an Stilen beklagen kann.”

„Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand hier über einen Mangel an Stilen beklagen kann“, schreibt Rantala mit gewählter Ironie über sein Album. „Man kann hier alles erleben: Barock, Ragtime, Bebop, Swing, skandinavische Melancholie, den französischen Typ von Ballade, Fusion, Tango und Smooth Jazz.“ Der Tango – eine nationale Spezialität in Finnland (wo man auch das Akkordeon liebt) – klingt bei Rantala sogar mehrfach an, meist mit dunkel dramatischer, spätromantischer Schlagseite. Aber Smooth Jazz? Rantala hat das Stück kurzerhand „Smoothie“ getauft, damit der Hörer gar nicht lange danach suchen muss. Humorlose Puristen werden da womöglich wieder von Barklimperei reden. Wir anderen begnügen uns mit Staunen und Jubeln. Man muss diesen leicht verrückten Piano-Schelm, Stile-Vermischer und Super-Virtuosen aus Finnland einfach gernhaben.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 4 (6/2012)

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