Musiklexikon: I wie Impressionismus

Mehr aus Verlegenheit gab der Maler Claude Monet einem seiner Bilder den Titel „Impression – Sonnenaufgang“. Das handliche Gemälde von 1872 – 48 x 63 cm – zeigt kleine Boote vor der Kulisse eines großen Hafens, alles im Dunst verschwimmend, fast farbund körperlos. Nicht die gewichtigen Dinge, nicht die festen Formen, sondern der subjektive optische Eindruck ist hier gemalt: Lichtreflexe, Luftschleier, Farbbrechungen. Die Kunstkritiker machten sich über Monets neuen Stil vielfach lustig – und nannten ihn spöttisch „Impressionismus“.

Impressionismus

Claude Monet
Impression – Sonnenaufgang

Ein paar Jahre später machten sich die Musikkritiker über die Werke des Komponisten Claude Debussy lustig – und borgten sich den verächtlich gemeinten Kunstbegriff einfach aus. Denn auch Debussy schien den Dingen ihre Schwere zu nehmen, ihr tonales Zentrum, ihre klare Kontur. Seine Stücke beschreiben Körperloses, kaum Fassbares: die Wolken und den Wind, den sich wandelnden Anblick des Meeres im Lauf eines Vormittags, das Licht des Mondes und die Düfte der Nacht – eine musikalische Freiluftmalerei. Die Klänge scheinen zu schweben, die Skalen finden keinen Grundton, die Akkorde bleiben unaufgelöst. Inspiriert von außereuropäischer Musik, ersetzte Debussy die funktionale Harmonik durch Skizzen, Flächen, Farben: Lichtreflexe in Tönen. Etliche Kollegen – darunter Delius, Dukas, Fauré, Ibert, Ravel – wandelten zumindest zeitweise auf Debussys impressionistischer Spur. Und bis heute streiten die Fachleute, ob der Impressionismus nun die Vollendung der Romantik war oder ihre Aufkündigung, ob er aus Wagner oder gegen Wagner entstand. Beeindrucken, bestürzen, begeistern kann der Impressionismus noch heute. Von seiner ersten Begegnung mit Debussys Musik erzählt der Komponist György Ligeti: „Ich sagte: Das ist Quatsch, das ist keine Musik! – Ich war wie jeder Banause: Was nicht Dur oder Moll ist, war keine Musik. Debussy ist für mich und viele andere Musiker eine absolute Schlüsselfigur.“

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 3 (5/2012)

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