Von der Themse an den Po

Dort, wo die Stille uns erschlagen kann

Dillon? Dillon! Um genau zu sein „Dominique Dillon De Byington“. Das ist der Name hinter dem Album This Silence Kills, das ziemlich viel zu bieten hat, wenn man auf das Schubladenstecken verzichten kann und es nicht in ein Genre stopfen möchte. Was auch immer es ist, ob Minimal-Elektro-Chansons oder Elektro-Pop-Liedermacherei, für mich ist es überraschend, astrein und ein Segen aus der Hauptstadt. Belgien, UK, Schweden, Brooklyn: Geht schlafen! Da könnt ihr nicht mit!

Nun gut, hier bin ich also. Schreibenderweise in Italien. Das Schreiben ist gut, das Italien eher seltsam, so als artistische Kulisse. Denn noch vor guten vier Wochen nannte ich das Londoner East mein Zuhause, der Sprung nach Norditalien ist ein Kulturschock sondergleichen – im wahrsten Sinne des Wortes. All diejenigen Londoner, die mir zum Abschied vor Neid ergrünt auf die Schultern klopften, würde ich an dieser Stelle gerne darauf aufmerksam machen, dass unter der Sonne zwar das Dolce Vita wohnt, aber eben wenig Vielfalt, was die Kultur betrifft, auch wenn sich das im Zusammenhang mit Italien für manch einen wahnwitzig anhören mag. Vielleicht sollte ich hier das Wörtchen „kontemporär“ mit einfließen lassen, damit man mich nicht für einen Banausen hält. Ich bin ein Freund des musikalischen und theatralischen Präsens – also dem, was sich mir im Hier und Jetzt anbietet – verachte aber mitnichten die Vergangenheit. Nur schreiben möchte ich darüber nicht. Nicht heute. Die Sinuskurve der Inspiration fällt hier zweifelsohne flacher aus, denn da, wo einem London Schlag auf Schlag so viel kulturelle Mannigfaltigkeit um die Ohren schlägt, dass die Reizüberflutung nicht ausbleibt, hält sich Italien vornehm zurück.

Aber das macht ja alles nichts, denn wozu gibt es das Netz? Und Stöbern ist auch schön. Vor allen Dingen nach Musik.

Und genau das habe ich vor zwei Wochen getan, als meine London-verwöhnte Muse im Tiefschlaf versank. So zog ich also meine musikalische To-do-Liste hervor, um mich aufzumachen ins World Wide Web. Ich war auf der Suche nach dem perfekten Soundtrack für eine sanfte Akklimatisierung hier in Italien. Er sollte neu sein, ein bisschen anders, aber bitte nicht zu sehr, bekömmlich fürs Ohr, aber nicht zu poppig, elektronisch, aber nicht zu hart, easy, aber bitte auf keinen Fall Chillout-Mist, melodiös, aber nicht überladen – und vor allen Dingen cool. Schizophren also. Keine einfache Mission, doch ich sollte erfolgreich sein.

Regina Spektor

Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seats
CD, Sire

Nachdem ich über das neue Keane- Album gestolpert und dabei auf die Nase gefallen war, landete ich erst bei Regina Spektor und ihrem neuen Album What We Saw From The Cheap Seats, fand das Werk zwar nett, aber nicht cool genug und zu durchsetzt mit der unschönen Brooklyn-Angewohnheit, klassischen Pop mit komischer Seltsamkeit zu pfeffern. Nach einem kurzen Abstecher nach Skandinavien, das ja manchmal ganz gut darin ist, Elektro und Pop zu kombinieren, fand ich mich aber bald in heimischen Gefilden wieder und sah mich bei BPitch Control um. Das Berliner Label, das 1999 von Ellen Allien gegründet wurde, ist beinahe ausnahmslos optimal, wenn man guten Elektro will – das Wort „Techno“ möchte ich nicht hören in diesem Zusammenhang. Aus persönlichen Gründen. Unter anderem sind Modeselektor und Apparat unter dem Schirm des Labels groß geworden. Überrascht hat mich jedoch, dass ich hier bei BPitch – abgesehen vom elektronischen Anspruch – auch den Rest meiner Wunschliste erfüllt sehen würde.

Aber lasst mich jetzt auflösen: Ich spreche von Dillon und ihrem Debütalbum This Silence Kills, das Ende 2011 seinen Release unter BPitch feierte. Co-produziert von Tamer Fahri Özgönenc (MIT) und This Mynther (Phantom/Ghost), präsentierte sich mir das Album als die Antwort auf meine lokale Desillusionierung und meine Sehnsucht nach akustischer Erleuchtung. Dillon ist ein Mädchen, gerade einmal 23 Jahre alt. Und sie ist nicht nur skandalös talentiert und hübsch, nein, sie ist auch noch cool und trägt zu allem Überfluss den unverschämt reizenden Namen Dominique Dillon De Byington. Als gebürtige Brasilianerin wuchs sie in Köln auf, um sich dann 2008 – selbstverständlich – in Berlin niederzulassen. Ein logischer Schritt für jemanden, der 2011 dann diese zwölf Tracks komponieren würde und dabei vermutlich nicht ganz unerheblich von der Hauptstadt beflügelt wurde. Sie mag nicht dem typischen BPitch-Produkt entsprechen, aber wenn man das Ganze genau anhört, macht eigentlich alles Sinn. Insbesondere mit Ellen Alliens Dust (2010) im Hinterkopf.

Dillon

Dillon – This Silence Kills
CD, BPitch Control

This Silence Kills bedient sich zunächst der ganz einfach schön ungewöhnlichen Stimme von Fräulein De Byington, dem gewollt unausgereiften Gesang sowie dem Klavier als Herzstück. Und dennoch landen wir nicht da, wo sich Regina Spektor und Konsorten oder gar mühselige Gestalten wie Russian Red oder Julia Stone ansiedeln. Die Letzteren kann ich nicht leiden. Ätherische Wesen, die zwanghaft komisch ins Mikro säuseln und hauchen und sich vor lauter Durchgeistigtkeit beinahe auflösen in ihrem Versuch, anders zu sein und zu singen, sie gehen mir schlicht auf die Nerven.

Dillon ist anders. Sie setzt die Elektronik als Instrument ein, ohne sich in das Genre einzuordnen, und sie erreicht damit einen Grad an Nischenfreiheit, der das Album zugänglich macht für vielerlei Geschmäcker. Die Melodien stellen eine greifbare Basis dar, während die elektronischen Elemente die Tiefe dahinter kreieren und den Raum darum herum.

Ellen Allien

Ellen Allien – Dust
CD, BPitch Control

Was die Trackliste betrifft, wird man beim Zuhören nicht in eine einzige Gemüts- bzw. Stimmungsecke gedrückt. „Tip Tapping“ als fröhlicher und buchstäblich leichtfüßiger Chanson ist ganz bestimmt tauglich für die Neuankömmlinge bei BPitch (und erinnert mich an Tschaikowskys „Tanz der kleinen Schwäne“), während der Track „Abrupt Clarity“ all das liefert, was ich mir zu Beginn meiner Mission ausmalte, wenn er nach 40 Sekunden abhebt in Richtung Elektro, um sich dann später mittels Keyboard wieder in der Melodie einzufinden. „Thirteen Thirtyfive“ ist dagegen eher sanft, aber hypnotisch. Im Hintergrund schnippen die Finger ohne Pause und tragen den Gesang nur minimalistisch mit Pianoklängen begleitet durch den Song, sodass man gänzlich unabgelenkt den süßen Reimen lauschen kann, die einem den Track nachhaltig ins Ohr pflanzen, noch bevor die Tasten von klimpernden Saiten abgelöst werden. „From One To Sixhundred Kilometers“ erwärmt direkt nach den ersten Keyboard- Takten mein nach „cool“ lechzendes Herz, aber der Track entlässt mich auch mit einem Fragezeichen, denn die englischen Lyrics sind derart „smooth“, dass man einen Muttersprachler dahinter vermutet. Ein Blick auf den Dillon’schen Lebenslauf liefert die Antwort: Britische Schule in Köln. Na klar!

Auch wenn ich Dillon nur ungern mit oben genannten Sängerinnen wie Julia Stone oder Russian Red in einem Satz erwähne, muss ich zugeben, dass ich beim ersten Zuhören ein wenig Sorge hatte, dass der latente Hauch von Lolita abrutschen würde in dieselben Gefilde. Weit gefehlt.

Dillon dreht den Spieß einfach um und träumt in „Thirteen Thirtyfive“ von einem noch ungeborenen Liebhaber, der ihr als Teenager den 35-jährigen Kopf verdreht. Aber auch sonst wird der drohenden Sinnlichkeit keine Chance gegeben, sie besingt Alexander in „You Are My Winter“ so, wie sonst Jungs Mädchen besingen und kehrt imminente Klischees – musikalisch und überhaupt – einfach so oft um, bis man aufgibt mit dem Vergleichen und das Album einfach als etwas hinnimmt, das keinen Bock hat auf Muster und Schubladen, aber trotzdem keine Angst davor, sich derer zu bedienen.

Und so findet man in jedem Stück eine andere Facette und etwas zum Festhalten, ohne dass das Album an Kohärenz verliert. Für mich ohne Zweifel ein Wunderwerk aus der Hauptstadt, das ich durchhöre, ohne Songs zu skippen, und das mir ganz bestimmt immer wieder in Erinnerung rufen wird, dass die Welt der Musik groß ist – ganz gleich, auf welchem Boden man sich gerade befindet.

Danke, Dillon, fürs Anderssein – aus dem Bauch heraus.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 3 (5/2012)

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