Kristalltone Kristallbase mini – Nicht von dieser Welt

Ich gebe es zu: Ab und an suche ich immer noch nach der Wahrheit. Da draußen, wo es so viele seltsame Dinge und noch mehr seltsame Menschen gibt. Und bisweilen stolpere ich auch immer noch über Dinge, die sich der rationale Journalist in mir so rein gar nicht mit seinem Schul- und Universitätswissen erklären kann.

Am größten sind die Irritationen eigentlich stets bei HiFi-Zubehör, das auf einem halben Kilometer nach Voodoo riecht, ordentlich Geld kostet und so den Verdacht auf gnadenlose Abzocke nährt – und dann doch einen irgendwie gearteten Einfluss auf den Klang hat, obwohl dies nach allen Regeln der Physik eigentlich nicht sein dürfte. Eigentlich.

Kristalltone Kristallbase mini

Die jahrzehntelange Beschäftigung mit Wiedergabegeräten für vorab gespeicherte Schallereignisse – vom Grammophon bis zum Digitalverstärker – hat mich gelehrt, dass verhältnismäßig oft etwas geschieht, mit dem man vorab nicht gerechnet hat. Die massivste Verunsicherung der letzten Zeit bescherte mir die Kristallbase der österreichischen Firma Kristalltone.

Als ich das Ding in der FIDELITY-Zentrale auf einem Regal liegen sah, war mir der Zweck als Gerätebasis sofort klar. Weniger einsichtig erschien mir dagegen das gelinde gesagt etwas wunderliche Format, denn auf einen Kunststeinblock von nominell 24 mal 24 Zentimetern – in Wahrheit sogar noch weniger, weil die Oberseite alles andere als plan ist, was so gewollt scheint – kann man vielleicht seine Kaffeetasse stellen, aber gewiss kein Gerät im 43er Standardmaß und schon gar keine überdimensionierte Endstufe.

Nun nenne ich zahlreiche Mini-Komponenten mein Eigen: vom wirklich winzigen Micromega MyAmp über Music-Link-Geräte von Marantz aus den Jahren 1993 (die alten) und 2016 (die Wiedergeburt) bis zu den auch nicht sonderlich voluminösen Kisten von Advance Acoustic. Also nahm ich die Kristallbase mit. Der Boden ist übrigens plan, drei als Standfüße dienende Knubbel sind angeformt und von unten sieht man auch, dass die Kristallbase wohl aus einem Kunstharzgemisch besteht, in das vor dem Aushärten diverse Kristalle (daher der Name), Halbedelsteine und exotische Hölzer eingearbeitet wurden.

Kristalltone Kristallbase mini

Die Oberseite ist weder geometrisch gerade noch im irgendeiner Achse „im Wasser“ und schon gar nicht plan. Eher ähnelt die Fläche, auf der die zu verbessernden Geräte aufgestellt werden sollen, jenen seidenglatt abgeschliffenen Bachkieseln, die wir als Kinder über kleine Teiche springen ließen. Gewonnen hatte, wer die meisten „Abpraller“ von der Wasseroberfläche schaffte. Die Kristallbase würde dagegen beim ersten Einschlag im Wasser verschwinden und je nach Tiefe des Gewässers nie wieder auftauchen, zumal sie für ihre Größe sakrisch schwer ist.

Allerdings bin ich nun, nach ein paar Wochen mit dem Ding, beinahe schon überzeugt, dass in dem Teich oder See eigenartige Phänomene auftreten würden, läge die Kristallbase länger auf dem Grund.
Der Hersteller – hinter „Kristalltone“ stehen der Biochemiker Michael Seifert sowie die Diplom-Apothekenkauffrau und Naturheiltherapeutin Claudia Anna Grafendorfer – spricht im Zusammenhang mit der Kristallbase von „Orgoniten“ und erklärt auf der Homepage etwas davon, dass das Resonanzverhalten und die Energie des Gerätes beziehungsweise die Interaktion mit dem Raum bei der Realisierung der „Kristalltone“-Komponenten ins Kalkül gezogen würden.

Zur Erinnerung: Orgon ist der von dem österreichisch-US-amerikanischen Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologen Wilhelm Reich (1897–1957) geprägte Name für eine vorgeblich von ihm entdeckte, zunächst als „biologisch“, später als „primordial kosmisch“ charakterisierte Energie. Reichs Orgonomie wurde vom Mainstream der Naturwissenschaften so gut wie nicht akzeptiert und als parawissenschaftlicher Unsinn abgetan, zumal Reichs komplexes Theoriegebäude auch das Thema sexuelle Energie einschloss.

Reich starb 1957 in einem US-Gefängnis, seine „Orgon-Akkumulatoren“ wurden zerstört, seine Schriften verbrannt, was ihn bis heute zu einer der Lieblingspersönlichkeiten für Verschwörungstheoretiker gemacht hat. Einer der aus dem Orgon-Akkumulator abgeleiteten Apparate war der „Cloudbuster“, mit dem Reich Wasser aus Regenwolken abziehen wollte und dem die englische Popmusikerin Kate Bush mit dem Song „Cloudbusting“ ein Denkmal setzte.

Kristalltone Kristallbase mini

Nun bin ich zwar mit Wilhelm Reichs Theorien vertraut, habe mich aber stets aufgrund des Mangels an handfesten Beweisen geweigert, an die Orgonenergie des Wissenschaftlers zu glauben. Dann stellte ich meinen Marantz-Vorverstärker SC-22 auf den Kunststeinklotz. Ohne spürbare Auswirkungen auf den Klang, wie ich dachte. Bis ich – der Stein sollte zurück ins Fotostudio nach Ismaning – den Marantz wieder auf seine eigenen Standfüße stellte und damit eine so nicht geplante Reaktion provozierte: Nicht nur, dass die Anlage urplötzlich nachvollziehbar leiser tönte, es fühlte sich auch so ähnlich an, als ob ein kräftiger Sechszylinder-Motor nur noch auf drei Töpfen läuft – der Schub, die Durchschlagskraft, das „Drehmoment“ waren plötzlich weg.

Ich verschob den Rückgabetermin, testete neugierig weiter und platzierte als nächstes den deutlich moderner konstruierten Marantz HD-AMP1 auf der Kristallbase. Der kleine Digitalverstärker ist ein Feingeist und Filigranarbeiter, für Radau sind bei mir andere Maschinen zuständig. Bis jetzt jedenfalls. Denn der Amp tönte, nachdem ich ihn eher mühsam auf dem an den Kanten tückisch abschüssigen Orgon-Stein abgestellt hatte, um mindestens eine Klasse wuchtiger, voluminöser, mit mehr Druck in den unteren Lagen, aber auch vor allem im Mittenbereich. Damit konnte ich nun auch ordentlich „Krach machen“ und den Lautstärkeregler bis zur 15-Uhr-Position aufdrehen, ohne den Amp und die daran angeschlossenen Mordaunt-Short 906i in die Bredouille zu bringen.

Mit einigen Wochen Verspätung schilderte ich dem zweifelnden Chefredakteur meine Beobachtungen – und weckte seine Neugier, denn nun wanderte das Orgon-Ding in die aktuell aufgebaute Textanlage mit sehr großen Lautsprechern, die von gleich zwei potenten Endstufen M8 500s und dem als Preamp benutzten Kopfhörerverstärker M1 HPAP aus dem Hause Musical Fidelity angetrieben wurden. Eine auf Neutralität und Linearität getrimmte Kette, an der es wohl kaum groß etwas zu tunen gäbe. Dachten wir zumindest. Doch auch hier verströmte die Kristallbase, mangels anderer von der Stellfläche her geeigneter Geräte unter dem M1 HPAP platziert, ihre Orgon-Energie. Zwar war der Effekt etwas schwächer ausgeprägt als bei meinen Marantz-Durchgängen daheim, aber immer noch deutlich spürbar. Bei „Homeless“ von Paul Simons vor einigen Jahren fein remasterten Album Graceland schien es, als hätten die Sänger des Chores „Ladysmith Black Mambazo“ eine stärkende Mahlzeit zu sich genommen, ehe sie den mehrstimmigen südafrikanischen Worksong anstimmten: Die Stimmen kamen profunder, mit mehr Leuchtkraft in den Mitten und interessanter Weise auch klarer im Raum definiert aus den Lautsprechern. Ohne den Stein brach das Klangbild zwar nicht völlig zusammen, wurde aber tendenziell einen Hauch flacher und enger und das Klangfarbenspektrum büßte an Vielfalt ein.

Ich gebe es zu, mir flößt die unzweifelhaft vorhandene Wirksamkeit der Kristallbase Respekt ein. Deshalb habe ich das Ding für weitere Experimente vorerst in der Redaktion gelassen. Dass ich mich am Tag darauf schwer wie Blei und müde wie ein Stein ohne Orgon-Energie fühlte und trotz an sich ausgiebigen Schlafaufkommens nur schwer aus dem Bett kam, ist aber ganz gewiss nur ein Zufall. Oder?

 

Kristalltone Kristallbase
Preis Kristallbase mini (24×24 cm): ab 700€
Preis Kristallbase (40×34 cm): ab 1000 €
(abhängig von den verwendeten Kristallen und Hölzern)

 

www.kristalltone.at

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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