Der Schlagzeuger war’s! – Nachruf auf einen Pionier des Lautmachens

Als der kleine Jim Marshall mal wieder in einem Londoner Krankenhaus lag, wegen Knochentuberkulose von oben bis unten eingegipst, hätte er es sich nicht träumen lassen, dass er eines Tages der „Father of Loud“ werden würde. Aber das war ja auch viele Jahre später …

Die Lösung hieß: Steptanzunterricht! Vater Marshall meinte, das sei genau das Richtige, um einem geschwächten Kind den Rücken zu stärken. Also schickte er den 13-jährigen Jim 1936 zum Steptanzunterricht. Dabei lernte dieser auch gleich noch Singen und Schlagzeugspielen. Aufgrund seiner schweren Krankheit war das so ziemlich das einzige an Bildung, das Jim überhaupt mitnehmen konnte. Dafür entpuppt sich der begabte und enthusiastische Junge aber als derart begabt, dass er nach einer Schulaufführung aus dem Stand für eine in London damals sehr angesagte Big Band als Sänger engagiert wurde. Jim sammelte Wissen und Erfahrungen, die ihm später noch nützen würden.

Der II. Weltkrieg unterbrach diese Karriere. Und wieder nahm seine dramatische Krankheit Einfluss auf sein Leben, denn wegen ihr musste Jim Marshall nicht Soldat werden. Stattdessen schraubte er in einer Werkstatt Elektronik für Militärflugzeuge zusammen. Wieder Wissen und Erfahrungen, die ihm später nützen würden.  Nach dem Krieg rückte die Musik erneut in den Fokus: er wurde Schlagzeuger und Schlagzeuglehrer. Schon bald war er recht begehrt und unterrichtete bis zu sage und schreibe 65 Schüler in der Woche. Unter ihnen auch ein gewisser Mitch Mitchell …

1960, nach etwa zehn Jahren, hatte Marshall genügend Kapital beisammen, um sein erstes kleines Musikgeschäft im Londonder Stadtteil Hanwell zu eröffnen – mit dem geschäftstüchtigen Hintergedanken, auch die eigenen Schüler als Kunden zu gewinnen. Diejenigen Schüler, die selbst in Bands spielten, hatten oft auch ihre Bandkollegen aus der Saitenfraktion im Schlepptau. Und so verirrten sich zum Beispiel auch der junge Pete Townshend (The Who) und Ritchie Blackmore (Deep Purple) in Marshalls Shop. Sie lagen Jim Marshall in den Ohren, sein Sortiment doch auch um Gitarren und die zugehörigen Verstärker zu erweitern. Vor allem wollten die unangepassten Aufmischer wie Pete und Ritchie oder auch Ronnie Wood (The Birds) und Jimmy Page (Led Zeppelin) Verstärker mit einem Sound, wie es ihn bis dato nicht gegeben hatte: laut, aggressiv und heftig. Das Revoluzzertum sollte schließlich zu hören sein.

Bis dahin waren Verstärker der Marke Fender tonangebend. Der funkelnde („sparkling“), drahtige Sound der Fender-Amps, oft fragwürdig aufgemotzt durch ausgiebige Nutzung des eingebauten Halls, hatte nicht viel mit dem zu tun, was Townshend und Konsorten suchten. Außerdem waren die Amps von Fender in England teure Importware und für chronisch klamme Musiker nicht erschwinglich.

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Jim Marshall mit 13, genesen von seiner schweren Krankheit

Jim Marshall und seine beiden Techniker Ken Bran und Dudley Craven nahmen die Herausforderung an. Nach fünf Prototypen, die nicht so ganz den Soundvorstellungen des kleinen Teams entsprachen, war Prototyp Nummer 6 im September 1962 der Volltreffer. O-Ton Jim Marshall: “That’s it, that’s the Marshall sound!” Die musikalische Lärmmaschine wurde publikumswirksam im Schaufenster platziert, und schon am ersten Tag gingen unglaubliche 23 Orders ein! Marshalls Baby bekam den unspektakulären Namen JTM 45. Das „T“ im Kürzel JTM steht übrigens für Terry, Jim Marshalls Sohn.

Etliche Gitarrengrößen wie Jeff Beck und Jimmy Page benutzten Marshall-Amps und sorgten mit ihrer medialen Präsenz dafür, nicht nur den eigenen Namen, sondern auch die Ampschmiede Marshall bekannt zu machen. Eric Clapton, damals bei John Mayall & the Bluesbreakers, machte die Marke noch bekannter, indem er einen Combo (Ver- stärker und Lautsprecher im gemeinsamen Gehäuse) namens „Bluesbreaker“ ausgiebig nutzte. Auf dem gleichnamigen Debüt-Album von John Mayall & the Bluesbreakers ist er zu hören, der „Woman-Sound“: voluminös, bauchig, warm und kraftvoll.

Pete Townshend hingegen nervte Marshall so lange, bis dieser ihm 1965 ein kühlschrankgroßes Monster von Lautsprecherbox baute, bestückt mit nicht weniger als acht 12-Zoll-Treibern. (Um eine Vorstellung zu bekommen: Zwölf Zoll entsprechen dem Durchmesser einer LP, einer halbwegs ordentlichen Pizza oder auch eines Schnellkochtopfs – und davon acht Stück, bitte.) Vielleicht hatte Townshend damals schon das physikalische Credo der Stromgitarrenverstärkung vorausgeahnt: Wer am meisten Luft bewegt, gewinnt!

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Marshalls Laden 1967: Hier tragen Jim und Jimi aufeinander

Mr. Marshall versuchte zunächst vergeblich, ihm den Quatsch wieder auszureden. Doch Townshend hatte bereits nach wenigen Auftritten selber erkannt, dass ein Trumm dieser Größenordnung kaum zu transportieren war und seinem Roadie nur den Rücken ruinierte. Also ging Pete T. zähneknirschend auf Marshalls ursprünglichen Vorschlag ein, das Möbel doch einfach in der Mitte durchzusägen. Und da war er geboren, der Marshall-Turm! Verteilt auf zwei Boxen mit je vier 12-Zoll-Lautsprechern und obendrauf noch der eigentliche Verstärker in einem kleineren Gehäuse. Diese umgehend zur Legende gewordene Anordnung wird auch als „Full Stack“ bezeichnet, analog dazu lautet der Fachterminus für die Anordnung Topteil mit nur einer Box „Half Stack“.

Es sollte noch eine weitere geschichtsträchtige Begegnung geben, die den Namen Marshall auf ewig und untrennbar mit der Rockmusik verband.

Der Schlagzeuger und ehemalige Schlagzeugschüler Mitch Mitchell, der übrigens auch als „Saturday Boy“ in Marshalls Laden arbeitete, brachte seinen Gitarristen James Marshall Hendrix („Jimi“ Hendrix) an einem Samstagnachmittag im Herbst 1966 mit in den Laden. Anfänglich war das Verhältnis von Jim und Jimi etwas unterkühlt. Hendrix’ Karriere war kurz vor dem ganz großen Durchbruch und Marshall glaubte, da wolle schon wieder ein Höhenluft schnuppernder Gitarrengott gutes Equipment für lau abgreifen. Doch Jimi bezahlte seine 100-Watt-Full-Stacks aus eigener Tasche. Die beiden blieben in Kontakt, und es entwickelte sich schließlich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Marshalls.

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Damit fing alles an: Jim Marshall und sein Amp No. 1

Hendrix sollte der größte Innovator der elektrischen Gitarre werden. So wie er hatte zuvor noch nie jemand dieses Instrument bedient: mit der Zunge, hinterm Kopf, hinter dem Rücken, die amerikanische Nationalhymne in Feedbackorgien zerfleddernd – auf dem Monterey Pop Festival hat er sie sogar verbrannt! Sein ebenso provozierender wie spieltechnisch innovativer Umgang mit der E-Gitarre verhalf nicht nur ihm selbst zu weltweitem Ruhm, sondern etablierte zugleich auch die Marke Marshall als Industriestandard für Gitarrenverstärkung – wenn’s mal wieder ein bisschen lauter sein darf. Spätestens mit seinem legendären Woodstock-Auftritt wurde Jimi Hendrix der Propagandist für Marshall-Verstärker schlechthin. In den 1970er und 1980er Jahren folgten weitere Meilensteine für Marshall. So wurde mit der Mk-II-Serie 1976 der „Master Volume“- Regler eingeführt, eine simple, aber hochgradig effektive, zigtausendfach Hörschäden verhindernde Weiterentwicklung. Denn wer bis dato den typischen Marshall-Sound der einsetzenden Endstufenverzerrung wollte, musste den Verstärker bis zum Anschlag aufdrehen. Die berühmtberüchtigte „englische“ Einstellung lautet: Alle Regler nach rechts! Und 100 Röhrenwatt sind laut. Sehr laut. Infernalisch laut! Mit dem neuen Master Volume war es nunmehr möglich, die Gesamtlautstärke des Amps auf erträgliches Niveau herunterzuregeln, ohne auf den charakteristischen Sound zu verzichten.

Anfang der 1980er Jahre kam die JCM-800-Serie hinzu (JCM 800 war gerade Jim Marshalls Autokennzeichen). Neben der veränderten Optik mit etwas größerem Schriftzug gab es nun auch zweikanalige Marshall-Amps – was unter E-Gitarristen nicht „stereo“ oder „links und rechts“ bedeutet, sondern „clean und verzerrt“, also „sauber und dreckig“.

Marshall Amplification in Milton Keynes ist heute – nach einem abenteuerlichen Start – der mit Abstand größte Hersteller von Premium-Gitarrenverstärkern (Eckdaten 2011: 220 Mitarbeiter, 33 Mio. Euro Umsatz, gut 6000 Quadratmeter Fläche). Während im firmeneigenen Museum noch der No. 1-Amp aus dem Jahr 1962 gezeigt wird, ist Marshalls heutige Modellpalette größer denn je: Vom Mini-Amp für deutlich unter 100 Euro bis hin zum exklusiven Jimi-Hendrix- Gedächtnis-Fullstack in klassischer Point-to-Point-Verdrahtung zum Preis eines sehr ordentlichen Gebrauchtwagens ist alles enthalten. Im Übrigen auch Bassverstärker, Preamps und Endstufen sowie einige andere kleine Spielzeuge, die das Gitarre spielende Volk glücklich machen.

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On Drums: Jim Marshall

Aber wie klingt denn nun so ein Marshall-Amp? Nun, „den einen“ Marshall-Sound gibt es nicht. Dafür hat sich in der Produktpalette über 50 Jahre hinweg einfach zu viel getan: vom puristischen JTM 45 bis hin zur vierkanaligen Universal- Soundmaschine JVM410H der Neuzeit. Eine klangliche Grundtendenz ist jedoch auszumachen: Im Vergleich zum „gediegenen“ Sound der Konkurrenz aus Kalifornien klingt ein Marshall kratzbürstiger und ist vom Klangspektrum her eher „mittig“ angelegt.

2004 bekam Jim Marshall von der Queen den Order of the British Empire (OBE) für sein beeindruckendes Lebenswerk verliehen. Der „Father of Loud“ hatte nicht nur ein erfolgreiches und erfülltes Leben, er wurde trotz des schwierigen Starts auch noch ziemlich alt. Jim Marshall starb, mit 88 Jahren, am 5. April 2012 in einer Londoner Klinik. Und wenn es nach Rick Wakeman (Yes) geht, macht Marshall nun himmlischen Krach: “The first thing Jim will do is turn God’s amp up to ‘eleven’ …”

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

 

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