Winfried Dulisch schlendert durch Wien

„Küss’ die Hand, gnä’ Frau! Habe die Ehre, Herr Hofrat!“ Seine besonders liebenswürdigen Gäste betitelt er sogar als „Frau Baronin“ oder „Herr Professor“. Dabei will der Kaffeehaus-Oberkellner doch eigentlich nur zum Ausdruck bringen: Willkommen in der Welthauptstadt der Musik!

Als John Lennon 1966 behauptete, die Beatles seien beliebter als Jesus, mussten ihm sogar katholische Bischöfe zustimmen. Aber was ist das schon im Vergleich zu Johann Baptist Strauß junior? Der Walzerkönig übertrifft mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod immer noch die Beatles. Und wenn der ORF als Neujahrsgruß die Donau so blau, so blau, so blau über alle fünf Kontinente fließen lässt, dann träumt der globale Musik-Freundeskreis von einer durchtanzten Nacht beim Wiener Opernball.

Wien

Das Johann-Strauß-Denkmal ist eines der meistfotografierten Monumente der Welt

… und jetzt alle mal wieder wach werden! – Denn erstens changiert die Farbe der Donau zwischen grün-braun und anthrazit, obwohl sie sich von den Öko-Sünden der Vergangenheit inzwischen bestens erholt hat. Außerdem sitzen beim Opernball immer die gleichen Leute in den immer gleichen Logen. Und drittens können die Nightlife-Fans lustvoller abzappeln und anschließend für mehrere Tage versacken im Bermuda-Dreieck zwischen Ruprechtskirche, Schwedenplatz und Haupt-Synagoge im 1. Wiener Gemeindebezirk.

Aber die eigentliche Musik spielt immer noch auf dem Zentralfriedhof. Mindestens einen halben Urlaubstag sollte der Wien-Tourist veranschlagen für seinen Besuch bei Christoph Willibald Gluck und Johannes Brahms bis hin zu den Neutönern Hans Pfitzner und Alexander Zemlinsky. Der Gestaltungsspielraum für Grabsteine reicht hier von einer lieblos formulierten Erinnerung an Franz Schubert („Seinem Andenken vom Wiener Männergesangsverein“) bis zum letzten Wunsch des Operetten-Hitschreibers Robert Stolz: „Wenn meine Melodien in den Herzen der Menschen einen Platz gefunden haben, dann weiß ich, dass ich meine Aufgabe erfüllt und nicht umsonst gelebt habe!“

 

 

Sex und Wein und Rock’n’Roll

Der Crossover-Pianist Joe Zawinul (†2007) wünschte sich: „Er war ein ehrlicher Mensch – A decent human being“. Noch dezenter plante Peter Alexander seinen Nachruhm und verzichtete auf ein Ehrengrab neben all den Promis; der Schlager-Charmeur genießt seine letzte Ruhe lieber auf dem Friedhof in Grinzing, denn er hatte diesen Außenbezirk seiner Heimatstadt oft mit einem Wienerlied angepriesen als guten Nährboden für Wein, Weib und Gesang.

Sex und Drugs und Rock’n’Roll waren die Themen-Schwerpunkte des 1957 in Wien geborenen Johann Hölzel. Dieser 1998 mit Kokain, Marihuana und 1,5 Promille Alkohol im Blut bei einem Auto-Unfall in der Dominikanischen Republik ums Leben gekommene „erste weiße Rapper“ lässt es posthum so richtig krachen: Eine Stele, die alle Grabmonumente auf dem Zentralfriedhof überragt, trägt die weithin sichtbaren Buchstaben F, A, L, C und O. Der 1985 produzierte Falco-Hit „Rock Me Amadeus“ würdigte ausgerechnet jenen Komponisten, der 1791 in einem Massengrab verscharrt wurde; heute korrigiert ein Mozart-Denkmal auf dem Zentralfriedhof diesen musikhistorischen Irrtum.

Wien

Staatsoper bei Nacht

 

Opernführer

Zum Leben erweckt wird Musik nicht allein von Komponisten und Interpreten, sondern auch von ihren Hörern. Ein überaus begnadeter Vertreter dieser Zunft war Marcell Horace Frydmann Ritter von Prawy (†2003). Marcel Prawy wird von den Österreichern heute verehrt als „Opernführer der Nation“. Dabei hatten sie den Nachfahren eines jüdischen Adelsgeschlechts oft genug – gelinde gesagt – abgelehnt. 1938 floh Prawy vor den Nazis in die USA und kam 1946 als Kultur-Offizier zurück nach Wien. Zehn Jahre später brachte er die erste kontinental-europäische Produktion eines US-Musicals auf die Bühne der Volksoper: Kiss Me, Kate von Cole Porter. Ein Skandal. Die Wiener fürchteten um ihre Lufthoheit im Reich der Operetten-Seligkeit.

Es kam noch schlimmer: 1968 brachte Marcel Prawy die West Side Story seines Freundes Leonard Bernstein nach Wien, das sich heute gerne als deutschsprachige Musical-Metropole feiern lässt. Eine Grabtafel auf dem Zentralfriedhof würdigt den einstigen Störenfried als Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper. Marcel Prawy lebte und arbeitete im Hotel Sacher, gleich gegenüber vom Bühneneingang der Staatsoper – für einen Musiktheater-Kritiker der wohl kürzestmögliche Dienstweg.

 

Nur nichts überstürzen

Wien

Im Café Landtmann werden “Der umgestürzte Neumann” und andere Wiener Kaffeehausspezialitäten serviert

Eine wohlklingende Repertoire-Auswahl bietet in Wien auch jede Kaffeehaus-Getränkekarte. Mit „Bringen Sie mir einen Kaffee“ lässt sich hier kein Oberkellner abspeisen. – „Hätten’s lieber einen kleinen Schwarzen oder einen kleinen Braunen?“ – Der erste ist Mokka in kleiner Schale (Sag dazu niemals „Tasse“!), der Braune verdankt seine Farbe dem Kaffeeobers (deutsch: Sahne). – Es geht weiter vom „Kapuziner“ (doppelter Mokka) über „Einspänner“ und „Wiener Eiskaffee“ zum „Obermeyer“, dem Lieblingsgetränk eines gleichnamigen Philharmonikers. Er wünschte sich immer einen doppelten Mokka, auf dem ein Kaffeelöffel mit sehr kalter Flüssig-Sahne lag. Zur Kaffeehaus-Akrobatik gehört auch der „Überstürzte Neumann“: Eine Schale gefüllt mit Schlagobers an den Tisch bringen und mit einem doppelten Mokka auffüllen.

Diese Darbietung gehört zu jener Tradition, die seit 2011 von der UNESCO als „Immaterielles Kulturerbe“ anerkannt wird. Der eigentliche Charme steckt aber in Details wie diesem: Ein Wiener Kaffeehaus-Kellner fragt regelmäßig nach, ob er das zum Kaffee gereichte Glas Wasser nachfüllen darf; ein aufdringliches „Soll ich Ihnen noch etwas servieren?“ erspart er dem Gast. Mehr Entschleunigung kann ein gastronomischer Betriebsablauf nicht bieten.

 

 

Ständige Adresse vs. Coffee-to-go

Wien

Hotel Sacher

Viele Künstler betrachteten dieses Ambiente als ihr Wohn- und Arbeitszimmer. Hierhin ließen sie ihre Post zustellen, hier schrieben sie Kaffeehaus-Geschichten. Sigmund Freud plauderte in dieser ständig zwischen Hellwach- und Verträumtheit schwebenden Atmosphäre über seine Psychoanalyse. Hier lauschten der Operetten-Süßwarenhersteller Franz Lehar, der Zwölfton-Bürgerschreck Alban Berg und der einstige ORF-Deejay André Heller ihrer inneren Musik. Ein Wiener Kaffeehaus nervt seine Besucher nicht mit Background-Gedudel. In dieser schallschluckend plüschigen Umgebung muss keine Lautsprecher-Beschallung die Gespräche am Nachbartisch übertönen.

Wenn schon Musik bei Kaffee und Kuchen, dann aber richtig. Zum Beispiel im Café Landtmann, gleich neben dem Burgtheater. Die Liste der Tonsetzer, die im Landtmann dem Kaffeehaus-Piano lauschten, reicht von Gustav Mahler bis Paul McCartney. Wer zur Musik auch noch ein k. u. k. Ambiente genießen möchte, besucht das Café Residenz im Park vom Schloss Schönbrunn. Das Konzert-Café Schmid Hansl bietet das abwechslungsreichste Live-Programm: Blues und Musical, Wienerlied und Folklore aus aller Welt.

Wien

Neujahrskonzert im Haus des Wiener Musikvereins

 

Wienyl

Viele dieser Volks- und Weltmusikanten sind außerhalb von Wien kaum bekannt, ihre CDs sind empfehlenswerte Souvenirs. Die ersten Exemplare davon bringen sie meist zum Extraplatte-Laden am Alsergrund, dem 9. Bezirk von Wien. Extraplatte-Chef Harald Quendler ist der bislang einzige Label-Chef in Österreich, der für sein Lebenswerk mit dem deutschen Schallplattenkritikerpreis ausgezeichnet wurde. Die Extraplatte – „Das Label der Musiker“ mit einer Kreissäge als Logo – veröffentlichte seit 1977 beinahe 1000 Tonträger.

Inzwischen ist der Extraplatte-Shop auch eine Fundgrube für Vinyl-Sammler. Professoren der Musik-Universität, Jazz- oder Klassik-Musiker und ihre kritisch jede Entwicklung begleitenden Zuhörer – von deren Sammlertätigkeit profitieren heute Harald Quendlers Kunden. „Viele dieser Musik-affinen Wiener haben anspruchsvolle Platten-Sammlungen aufgebaut und bestens gepflegt. Wenn sie dann später von den Erben aufgelöst werden, finde ich darin Raritäten aus allen Genres.“ Harald Quendler ist nicht der einzige Wienyl-Antiquar. Einige seiner Kollegen bieten die noch größere Auswahl. „Zum Beispiel den Teuchtler in Mariahilf kann ich bestens empfehlen. Habe die Ehre.“

 

Allgemeine Informationen: www.wien.info

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

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