Buchprüfung: Michael Ondaatje – Buddy Boldens Blues

Eine wahre Fiktion

Gibt es eine objektive Biografie? Eine Lebensdarstellung mit allen Fakten, den korrekten Beweggründen? Es kann sie nicht geben. Je umfangreicher eine Biografie ist, desto mehr misstraue ich ihren Sicherheiten. Jede Beschreibung eines Menschenlebens bleibt vielfache Annäherung, Vermutungskonvolut, eine komplizierte Hilfskonstruktion. Der Mensch bleibt hinter den Tatsachen verborgen, er muss ja erst einmal erfunden werden. Da ist es dann beinahe leichter, wenig über ihn zu wissen. So wie über Buddy Bolden, den legendären Vater des Jazz, den angeblichen Erfinder des geblasenen Ragtime und geblasenen Blues und wichtiger Basis-Phrasen der frühen Jazz-Ära. Das lauteste Kornett soll er gespielt haben, zehn Meilen weit soll es zu hören gewesen sein in New Orleans, der Stadt, deren Akustik auf Wasser gebaut war.

Buddy Boldens Blues

Michael Ondaatje – Buddy Boldens Blues
Roman/Hanser

Sonst weiß man nicht viel über ihn. Was man weiß, hat der Schriftsteller Michael Ondaatje (Der englische Patient) gewissenhaft gesammelt: aus Archiven, Büchern, Zeitungen, Interviews. Er lässt es in seinen Roman einfließen, fast unkommentiert – Eckpunkte eines mysteriösen Lebens, das man nicht mehr rekonstruieren kann. Wichtiger als das Gesicherte ist ihm das Ungesicherte: Er spürt dem großen Trompeter einfühlend nach und reflektiert sich dabei selbst, er erfindet Bolden emotional, in erzählten Bruchstücken, in flüchtigen Szenen, die wahrer und lebendiger wirken als alle Fakten drum herum. Buddy Boldens Blues von 1976 ist eine literarische Collage, ein kleiner Roman, ein großes Gedicht, ein sprachliches Kleinod. Man kommt immer wieder darauf zurück, denn der Eindruck dieser biografisch-poetischen Fantasie geht tief. Buddy Bolden kann nicht lebendiger werden als hier. „Um der Wahrheit der Fiktion Genüge zu tun“, verrät Ondaatje, „wurden einige Daten verändert, einige Personen zusammengeführt und manche Tatsachen breiter ausgeführt oder ausgeschmückt.“ Eine objektive Biografie gibt es ja ohnehin nicht.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

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