Musiklexikon: F wie Free Jazz

Free Jazz

John Coltrane

Halten wir zunächst fest, was Free Jazz nicht ist. Er ist nicht der Endpunkt in der Entwicklung des Jazz. Er ist nicht der Sieg der Anarchie. Er ist nicht der Totenschein des Jazz. Er ist nicht die Aufkündigung aller Regeln. Er ist nicht Kakophonie und Beliebigkeit. Und jetzt positiv: Free Jazz war der Startschuss für völlig neue Jazzentwicklungen. Er war der Ausbruch aus dem Gefängnis der festgeschriebenen Chorusformen und Akkordfolgen. Er bereicherte den Jazz durch unendliche Möglichkeiten. Er weckte eine völlig neue musikalische Sensibilität. Er erlaubte innovative Regelwerke, Formgebungen und Besetzungen. Er befreite die Jazzszenen der Welt vom Diktat Amerikas. Er öffnete die Ohren für exotische Tonskalen und globale Klangkonzepte. Er schuf die Grundlagen für Weltmusik und elektrischen Jazz. Er inspirierte die Neue Musik und den Rock. Er läutete eine zweite Phase der Jazzgeschichte ein. Seinen Namen verdankt der Free Jazz nicht etwa den kostenfreien Happenings im New Yorker Village („free jazz, free drinks“), sondern einem Album des Altsaxophonisten Ornette Coleman. Der ließ im Dezember 1960 zwei Quartette aufeinander los – und weil der Northerner blies und es kalt im Studio war, entfachten die Musiker so viel musikalisches Feuer, dass die Jazz-Diskussion hinterher lichterloh in Flammen stand. Ein Kritiker schrieb: „Acht Nihilisten sind zur gleichen Zeit im gleichen Studio mit dem gleichen Ziel angetreten: die Musik zu zerstören, der sie ihre Existenz verdanken.“ Richtig ist: Acht Musiker hatten gezeigt, dass der Spirit des Jazz noch heftiger brennt, wenn die überholten Regeln über Bord geworfen werden. Musiker wie Albert Ayler, Don Cherry, Ornette Coleman, John Coltrane, Eric Dolphy, Archie Shepp, Sun Ra und Cecil Taylor waren danach jahrelang vollauf damit beschäftigt, die alten Zöpfe abzuschneiden und den Jazz zeitgemäß zu frisieren. Weder die modale Fusion-Musik noch Keith Jarretts Köln Concert wären ohne den Free-Jazz-Kahlschlag möglich gewesen.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

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