Luxman L-590-AXII – Nur äußerlich retro

Der Luxman L-590-AXII ist ein würdiger Nachkomme legendärer Vollverstärker-Konstruktionen aus jener Epoche, als man noch „Stereoanlagen“ hatte, bei denen alles zusammenpassen musste. Nostalgiker werden sein Design lieben, Klang-Kulinariker seinen ganz zeitgemäßen Sound. Bei ihm passt einfach alles.

Fotografie: Ingo Schulz

Ja, ist denn wieder 1985? Der mattsilberne Metallbolide, der da vor mir steht, sieht zumindest so aus, erinnert mit seiner fein gebürsteten Frontplatte, seinen satt klackenden Knebelknöpfen und vor allem mit den riesigen VU-Metern ganz stark an die Geräte, die bei guten Händlern zu finden waren. Nicht im Schaufenster bei der Massenware, sondern hinten im Laden, um nicht bei den falschen Leuten Begehrlichkeiten zu wecken. Wobei die Gefahr eigentlich gering war, denn zum schnell mal Mitgehenlassen waren die Verstärker aus dem Hause Luxman schon immer um einiges zu schwer, daran hat sich bis heute auch nichts geändert. Als ich zu Hause kurzerhand den Herkules spielte und den Luxman ganz alleine vom Tisch auf das Rack wuchtete, beschwerte sich mein Rücken noch Tage später über das, was ich ihm zugemutet hatte: rund 30 Kilo Transistorverstärker, noch massiger, als es die solide Optik vermuten ließe.

Luxman L-590-AXII Vollverstärker

Vor 30 Jahren haute man sich – erst auf dem Pausenhof in der Schule, später im Café neben dem Auditorium Maximum der Uni – noch die Wattzahlen der Traumverstärker um die Ohren, für die das Budget sowieso nicht reichte. Man schwelgte gleichsam in virtueller Leistung und spielte genussvoll das „Was wäre wenn“-Spiel.
Mit dem heutigen Luxman-Spitzenmodell hätte man beim Spiel von damals ziemlich miese Karten, denn das Datenblatt weist bescheidene 30 Watt an 8 und 60 Watt an 4 Ohm aus – damals fing man in der Oberklasse unter 150 Watt pro Kanal gar nicht erst an, Sinusleistung, versteht sich. Im Luxman-Topmodell des Jahres 2016 wird der Löwenanteil der Leistung allerdings im klanglich eigentlich immer vorteilhaften Class-A-Betrieb erreicht. Nachdem es mir im Testbetrieb auch mit Vorsatz nicht gelingen wollte, den L-590-AXII ernsthaft an seine Grenzen zu treiben – vorher hissten eher meine Trommelfelle die weiße Flagge –, gehe ich davon aus, dass Luxman in Sachen Leistung eher tiefstapelt.

Luxman L-590-AXII Vollverstärker

Er kann richtig laut, dieser vorgebliche Gast aus einer anderen Zeit – aber das ist nur eine eher uninteressante Facette seines Naturells. Denn der Luxman L-590-AXII verkörpert das, was man damals, vor rund 30 Jahren, bei in- und ausländischen HiFi-Geräten mit der Lupe suchen und mit großen Scheinen bezahlen musste, wenn man es überhaupt fand: Feingeistigkeit, Subtilität. Er mag Details, verrät mir bereitwillig, dass der legendäre Jazzgitarrist Grant Green bisweilen so harsch in die Saiten seiner röhrenverstärkten Stromgitarre greift, dass das Kolophonium nur so staubt (Green Street, Blue Note Records, als SACD-Reissue über Sieveking Sound), oder dass die „Pennywhistle“, die Morris Goldberg in der schwungvollen Nummer „You Can Call Me Al“ auf Paul Simons legendärem Graceland-Album spielt, tatsächlich nur eine schnöde Blechtröte mit leicht fiepigem Timbre ist.

Wie der Luxman alle diese Einzelheiten in ein Klangbild gießt, das zu jeder Sekunde haarscharf die Balance zwischen „glasklar durchhörbar“ und „vollfett“ hält, hat Klasse und Stil. Eine große Portion Charme kommt durch die Art hinzu, wie dieser Vollverstärker in Aufnahmeräume hineinleuchtet, Ensembles egal welcher Größe in Breite und Tiefe sauber staffelt und Instrumente dabei größenrichtig abbildet: Der Luxman L-590-AXII geriert sich nicht eigenmächtig als Makro-Objektiv, nicht einmal als akustische Lupe, sondern ist hörbar darum bemüht, nur das wiederzugeben, was der Tonmeister zuvor aufgenommen hat – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das ist allemal gut für herzzerreißende Momente, zum Beispiel wenn das Philharmonia Orchestra unter Geoffrey Simon zusammen mit der fulminanten Sologeigerin Stephanie Chase Maurice Ravels düster-dramatische Tzigane als nachtschwarze Bekenntnismusik eines von melancholischen Gedanken geplagten Virtuosen inszeniert. Oder wenn sich die wohlige Todessehnsucht der ironischen Paraphrase La Valse in die Gedanken schleicht und das alte Jahrhundert in wuchtigen Schlagwerk-Explosionen das Zeitliche segnet.

Wenn sich derselbe Eliteklangkörper mit Gustav Holsts spätromantischem Zyklus Die Planeten (Deutsche Grammophon SACD) auseinandersetzt, sorgt das allürenfreie Dirigat des Originalklang-Doyens John Eliot Gardiner dafür, dass dieses eher astrologisch denn astronomisch gemeinte kosmische Panorama in faszinierender Straffheit und Schlackenlosigkeit daherkommt, strukturell geschärft, auf den Punkt gespielt und dynamisch genau durchkonstruiert.

Wenige mir bekannte Verstärker sind in der Lage, die immense Binnenspannung dieser modellhaften Interpretation abzubilden, die idealerweise in der Lage ist, die feinen Härchen auf den Unterarmen in die Senkrechte zu stellen. Der Luxman absolviert die durchaus schwierige Aufgabe unangestrengt, ohne nachlässig zu sein, ohne in Teilbereichen vorlaut zu werden, etwa massive Tutti überzubetonen.

Luxman L-590-AXII Vollverstärker

Also ein gediegener Klassikspezialist, der zu nobel ist, in die „Niederungen“ von Rock und Pop hinabzusteigen? Mitnichten. Der Luxman 590-AXII ist ein sehr neutral abgestimmter Allrounder, der kleinen Besetzungen, etwa dem Esbjörn Svensson Trio auf der kurz vor dem frühen Tod des hochtalentierten Pianisten erschienenen Scheibe Viaticum (ACT SACD), ihre Intimität und ihre Homogenität belässt und auch heikle Passagen verzerrungsfrei wiedergibt.

Bachs große d-Moll-Toccata und -Fuge (BWV 565), zu finden auf dem liebevoll zusammengestellten Soundcheck-Sampler eines anderen großen japanischen Verstärkerherstellers, hinterlässt den fast verstörenden Eindruck, nicht im Kirchenraum, sondern am Spieltisch einer großen Orgel zu sitzen. Hier meinte es der Mensch am Mischpult eindeutig zu gut und nahm die „Königin der Instrumente“ hautnah auf. Der L-590-AXII gibt diese (lässliche) Sünde mit einem Achselzucken an den Hörer weiter und meint dazu: „Dreh’ mich leiser, dann passt das wieder.“

Luxman L-590-AXII Vollverstärker

Wobei das Leisehören mit diesem Verstärker schon deshalb sehr gut gelingt, weil er über Ausstattungsdetails verfügt, die heute zumindest in High-End-Gefilden fast schon verpönt erscheinen, zum Beispiel eine Klangregelung. Und über einen Balanceregler. Und sogar – jetzt wird es aber richtig retro – über eine Loudnesstaste. Zur Erinnerung für meine Generation und als Erklärstück für die später Geborenen: Das ist eine Schaltung, die bei geringeren Lautstärken Höhen und Bässe moderat anhebt, um auch bei nachbarinnenfreundlichen Pegeln noch einen einigermaßen „richtigen“ Höreindruck zu liefern. Andererseits reicht ein Knopfdruck auf der handlichen Alu-Fernbedienung oder am feisten Frontpanel des Amps, um das komplette Klangregel-Gedöns schlagartig aus dem Signalweg zu fegen – „Line Straight“ heißt das Zauberwort aller Highender. Und weil auch die Beleuchtung der beiden großen Zeigerinstrumente klangverschlechternde (oder wenigstens irrlichternde) Wirkung haben könnte, lässt diese sich ebenfalls via „Remote Control Unit“ abschalten.

Sogar einen ausgezeichnet klingenden Phonozweig für MM und MC hat der Luxman L-590-AXII – ein separater Phonovorverstärker wird damit zwar nicht vollends obsolet, ist aber eine Investition, die noch eine ganze Weile wird warten können. Das vorläufig gesparte Geld steckt man besser in ausgezeichnete Quellen, denn der Luxman quittiert jede noch so kleine Verbesserung des analogen oder digitalen Frontends prompt mit Optimierung der eigenen Performance. Auch auf der anderen Seite sollte man nicht sparen: Es ist kein Fehler, diesen 9000-Euro-Premiumverstärker mit Spitzenklasse-Schallwandlern zu verbandeln. Andererseits treibt er aber auch vergleichsweise preiswerte Lautsprecher zu ungeahnten Leistungen an. Die kleine B&W-Standbox 683 S2 (siehe an anderer Stelle in dieser FIDELITY) klingt mit ihm groß, stattlich, voluminös – und präsentiert ein völlig von den Boxen losgelöstes Klangbild, wie man es ansonsten eher von guten Magneto- oder Elektrostaten kennt.

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Fremd sind dem Luxman Schärfen in den Höhen, mit denen allzu „analytisch“ abgestimmte Verstärkerdesigns bisweilen zu kämpfen haben. Nein, ich werde an dieser Stelle nicht kolportieren, dass dieser Verstärker nach Röhre klingt, denn das wäre ausgemachter Unsinn. Der L-590-AXII mutet eher so an wie sehr gut abgestimmte Transistorverstärker aus den goldenen Jahren: grundtonstabil, mit präzisem, staubtrockenem Bassbereich und Höhen, die luftig, aber nicht anämisch daherkommen. Im Direktvergleich stellt man allerdings fest, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Freiheit und Schnörkellosigkeit des Klangbildes einiges getan hat – nicht zuletzt modernen Lautsprecherbauprinzipien geschuldet, die selbst bei preiswerten Konstruktionen keine so abenteuerlich verbogenen Frequenzgänge mehr zulassen, wie sie in den Siebzigern und Achtzigern gang und gäbe waren. Kurz: Ein Vollverstärker muss heute in der Regel nicht mehr mühsam gerade biegen, was anderswo versemmelt wurde. Und das ist gut so.

Luxman L-590-AXII Vollverstärker (1)

Sucht man die Klangtugenden des Luxman L-590-AXII in etwas preiswerteren Regionen, wird man übrigens auch fündig: Das musikalische Schwergewicht hat gleich mehrere kleinere Brüder, mit denen man ebenfalls nichts verkehrt macht. Denn eines haben alle modernen Luxmans gemeinsam: Man kann mit ihnen über sehr lange Zeiträume stressfrei Musik hören – sogar Scheiben, die eigentlich schon in der „Nervig“-Schublade abgelegt waren. Angesichts einer Verarbeitungsqualität, die manchem Tresor ausgezeichnet anstünde, kann zudem davon ausgegangen werden, dass die Freude am guten Hören lange anhält. Nur die Sammler künftiger Epochen können einem leidtun, denn es dürfte ihnen einigermaßen schwerfallen, Luxman-Kreationen des ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhunderts auseinanderzuhalten. Wenigstens optisch. Klanglich ist der Fortschritt riesig.

Luxman L-590-AXII Vollverstärker Navigator

 

Vollverstärker
Luxman L-590-AXII

Leistung (8/4 Ω): 2 x 30/60 W
Eingänge: 4 x Line In, Phono MM/MC, 1 x Main In unsymmetrisch (Cinch), 2 x Line In symmetrisch (XLR)
Ausgänge: 2 x Lautsprecher (Schraubklemmen), Kopfhörer (6,3-mm-Klinke), Record Out, Pre Out (Cinch)
Besonderheiten: Tape Monitor, Auftrennung Vor-/Endstufe sowie Anzeigebeleuchtung schaltbar, „Line Straight“ zur Überbrückung von Klang- und Balance-Regelungen, Loudness, Subsonic-Filter, Mono
Ausführung: Aluminium gebürstet
Maße (B/H/T): 44/19,5/47 cm
Gewicht: 29 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 8690 €

 

IAD Audio GmbH
Johann-Georg-Halske-Straße 11
41352 Korschenbroich
Telefon 02161 61783-0

www.iad-gmbh.de

www.luxman.com

 

Mitspieler
Plattenspieler: Audio Note TT-2, Clearaudio Innovation Compact
Tonarm: Audio Note Tonearm 2, Clearaudio Magnify
Tonabnehmer: Audio Note IQ-3, Clearaudio Maestro V2, Grado Platinum Statement
CD-Player: Sugden PDT-4, T+A PDP 3000 HV, Marantz CD14 S1 + SA15, Sony ES202
Lautsprecher: Bowers&Wilkins 683 S2, ELAC CL 82 Ltd., Falcon LS 3/5a, Live Act Audio LAS 408, Piega MLS 2
Kopfhörer: AudioQuest NightHawk, Beyerdynamic T1, Sony SL-1
Kabel: Audio Note, AudioQuest, Monitor Audio, Vovox

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