Ragna Schirmer: „Ich bin ein großer Vinyl-Fan“

Ragna Schirmer gehört zu den gefragtesten und profiliertesten Pianistinnen in Deutschland. FIDELITY unterhielt sich 2012 in Halle/Saale mit ihr über ein Projekt, ein szenisches Spiel über das Leben von Maurice Ravel, sowie Medien und HiFi.

Nachdem sich Ragna Schirmer als zweimalige Bach-Preisträgerin zunächst den Schwerpunkten Barock und Klassik verschrieben hatte, begann sie ihr Repertoire kontinuierlich zu erweitern. Ihre letzte CD mit den Années de Pelerinage von Franz Liszt führte sie im Vorfeld genau in die Länder und Orte, wo der Komponist selbst zu seiner musikalischen Pilgerreise inspiriert wurde. Ragna Schirmer schrieb ein Tagebuch über ihre Reise und kombinierte auf der Liszt-Edition die Klaviermusik mit Vokalliteratur von Gesualdo und Marenzio. Liszt hegte bekanntlich eine große Bewunderung für die Renaissancekunst und war genau wie die beiden italienischen Komponisten ein Visionär. Von Liszt als fantastischem Pianisten zu Ravel mit seiner höchst komplexen und hochvirtuosen Klaviermusik ist es daher nicht weit.

 

FIDELITY: Wie kam es zu dem Ravel-Projekt „Konzert für eine taube Seele“?

Ragna Schirmer: Als begeisterter Fan des Puppentheaters Halle kenne ich die Beteiligten schon seit Jahren. Auch der Regisseur Christoph Werner bemerkte, dass regelmäßig „so eine Pianistin“ bei den Aufführungen dabei war. So entstand die Idee einer Zusammenarbeit, die zunächst vage und ohne konkreten Stoff blieb. Nach einem Vortrag über das Thema „Amusie“ von Prof. Dr. Eckart Altenmüller, dem bekanntesten deutschen Musikphysiologen und Musik-Mediziner, stand unser Projekt aber fest: Das Leben von Maurice Ravel als inszeniertes Puppenspiel mit Live-Musik.

Ragna Schirmer

Ragna Schirmer vor der Universität in Halle

Ist Ravels Klaviermusik denn überhaupt geeignet für eine solche Vermischung der Künste?

Ja, absolut. Ravels Musik verträgt die Kopplung mit den Puppen, ich als Pianistin bin selbst Teil der Inszenierung. Zusätzlich unterstützt das Bühnenbild den Aussagegehalt der Musik: Die Spiegelwand im rechten Teil der Bühne steht als zunächst verwirrendes Element zwischen Realität und Irrealität. Gleichzeitig kommt der Charakter Ravels zum Ausdruck, der oberflächlich ein ziemlicher Snob, aber gleichzeitig ein Mensch mit Sehnsüchten und tiefen Emotionen war. Das Publikum hört also nicht nur seine Musik (darunter Miroirs und Gaspard de la Nuit), sondern erfährt auch viel über die Seelenwelt des Komponisten und setzt sich danach oft intensiv mit ihm auseinander.

 

Ragna Schirmer

Rechts geht’s zum Halleschen Puppentheater

Spürt man in Ravels Musik Anzeichen seiner Amusie – der Unfähigkeit, seine musikalischen Empfindungen und Ideen zu Papier zu bringen?

In fast allen Kompositionen. Ravel reagiert auf diese Tragik, die ihm letztlich ein Komponieren unmöglich machte, mit Ironie und Sarkasmus. Trotzdem ist immer eine Art Versöhnung mit dem Leben und der Welt in seiner Musik spürbar.

 

Welchen Stellenwert nimmt Ravel in Ihrem Repertoire ein?

Bisher habe ich nur die beiden Klavierkonzerte öffentlich gespielt. Durch „Konzert für ein taube Seele“ bin ich aber intensiv an die Klaviermusik Ravels herangegangen und werde mein Repertoire mit allen Klavierzyklen erweitern. Interessant wird es für mich vor allem, wenn ich dann die Klavierwerke zum ersten Mal ohne begleitendes Puppenspiel aufführe. Sicher schwirren die Puppen und Texte dabei in meinem Kopf herum, denn man spielt einfach anders, wenn zusätzliche Elemente im Spiel sind.

 

Warum haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere eigentlich zweimal am Bach-Wettbewerb in Leipzig teilgenommen?

Nach dem Gewinn im Jahr 1992 dachte ich mir: „Jetzt geht’s ab!“ Leider ging nichts ab, es passierte einfach nichts. Die Stadt Leipzig hatte wenige Jahre nach der Wende andere Probleme als die Gewinner des Wettbewerbs zu fördern. Da ich dies aber so nicht hinnehmen wollte, packte mich der Ehrgeiz und ich trat 1998 erneut an. Und dann ging’s richtig ab!

Ragna Schirmer

Das Hallesche Puppentheater

Was empfinden Sie persönlich als Ihr ureigenstes Repertoire?

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich die Barockmusik wählen, und hier speziell Händel. Die ganze folgende Musikentwicklung wird erst begreifbar, wenn man die Musikepoche des Barock verinnerlicht hat.

Ragna Schirmer

Franz Liszt – Années de Pèlerinage
Ragna Schirmer (Klavier) und das Ensemble Amarcord
CD, Berlin Classics

Wie stehen Sie zur heute fast schon zwingenden Medienpräsenz und digitalen Verfügbarkeit?

Informationen und natürlich auch Musik sind in unserer Zeit ständig und überall verfügbar, das ist eine Tatsache. Allerdings bin ich verwundert und teils sogar schockiert, mit welcher Unängstlichkeit Dinge, die Privates berühren und die oft Respekt vermissen lassen, öffentlich geäußert werden. Dazu kommt, dass einmal im Netz veröffentlichte Meinungen und Urteile immer abrufbar sind. Man steht also ständig unter dem Druck, sich bloß keine Fehler zu leisten.

Die digitale Revolution verändert unser Leben wohl noch mehr als die industrielle Revolution. Trotzdem schätzen die Leute das Live-Erlebnis, welches an Bedeutung gewinnt. Ein Tonträger ist lediglich eine Visitenkarte, denn erst live findet der Dialog zwischen Interpret und Zuhörer statt. Bei meinen Aufnahmen bin ich auf die Händel-Suiten besonders stolz. Vieles in der Musik war bei der Aufnahme improvisiert, und in dieser Art hat Händel es zu seiner Zeit auch aufgeführt. Der spontane Charakter muss unbedingt erhalten bleiben. Als ich die Aufnahme kürzlich nachts im Radio hörte, habe ich mich nur an einem speziellen Triller wiedererkannt.

Mit was hören Sie denn privat Musik?

Ich bin ein großer Vinyl-Fan und habe mehr als 10.000 LPs daheim, vorwiegend Klassik und Jazz aus den 60er Jahren. Das Gefühl und die Geräusche beim Auflegen einer Schallplatte sind einfach unübertrefflich! Da ich als Musikerin höre, sind mir Rauschfreiheit und sauberer Klang nicht so wichtig. Selbst bei qualitativ schlechten Aufnahmen mit hervorragenden Interpreten kommt letztendlich das Musikalische bei mir an. Derzeit spielen bei mir Geräte von Pro-Ject, Rega und Canton.

Ragna Schirmer

Ragna Schirmer

Und was wird Ihr nächstes CD-Projekt sein?

Darüber möchte und darf ich noch nichts sagen. Ein Stichwort kann ich allerdings geben: Barock.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

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