Musiklexikon: C wie John Cage

Eine freie Improvisation, eine elektronische Klangreise, eine Sound-Landschaft … Heute sind das für uns selbstverständliche Stücke Musik. Doch als John Cage die Szene betrat, war ein Musikstück noch ein geschriebenes Werk, eine Partitur mit Anfang und Ende. Erst Cage sagte: Musik ist der Klangprozess selbst. Sollte der Geiger mitten im Takt tot umfallen, gab es dennoch ein Musikereignis. Der Extremfall: Ein Pianist setzt sich ans Klavier und spielt nicht. Im Saal wird gehustet, geraschelt, draußen singen die Vögel. Nach 4 Minuten und 33 Sekunden verbeugt sich der Pianist. Wir waren Zeugen eines Klangablaufs. „4’33“ wurde Cages berühmtestes Stück.

Cage

John Cage

John Cage (1912-1992) war der Erste, der Musik als einen einmaligen Prozess dachte. Der die Türen öffnete für das nicht Determinierte, Zufällige und Geräuschhafte. Cage hat am radikalsten unser Denken über Musik verändert. Er war der Bach des 20. Jahrhunderts, ach was: der Bach, Mozart und Beethoven des 20. Jahrhunderts. Und obendrein sein Leonardo und Kant.

Cage

In Halberstadt wird seit 2001 “Organ 2/ASLSP” aufgeführt. Der Schlussakkord wird für das Jahr 2640 erwartet.

P.S. Leipzig ist Bach-Stadt, Halberstadt ist Cage-Stadt. Dort erklingt seit dem Jahr 2001 Cages Orgelwerk Organ 2/ASLSP. ASLSP steht für „as slow as possible“: Das Stück soll 639 Jahre dauern, bis ins Jahr 2640, das längste Konzert der Welt. Es erklingt dabei so langsam, dass nur alle paar Monate ein Klangwechsel eintritt. Drei Töne des aktuellen Akkords werden am 5. Juli 2012 verstummen, im Herbst 2013 treten drei neue Töne hinzu, einer davon wird bleiben bis zum Jahr 2045.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

 

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