Musiklexikon: B wie Bebop

Klingt nach einem Blödelwort und ist auch eines. Mr. John Birks Gillespie, genannt „Dizzy“ (!), beherrschte zwar meisterhaft die Kunst, tiefsinnig am Ziegenbärtchen zu zupfen und wie ein britisch-steifer Musikhistoriker daherzureden. Fragte ihn aber ein echter britisch-steifer Musikhistoriker (er hieß Leonard Feather), wie Mr. Gillespie denn die Musik nenne, die er eben gespielt hat, dann konnte Dizzy ebenso ernsthaft antworten: Schwupp-di-wupp! Oder: Ding-Dong! Oder eben: Irgendwas-Bebop! Ein britisch-steifer Musikhistoriker wird daraufhin gewissenhaft berichten: „Diese Musik heißt Bebop“ – und alle Welt wird es ihm nachschreiben. Dabei hätte Dizzys Musik wahrlich einen seriöseren Namen verdient gehabt, vielleicht „Modern Chromatic Improvised Music Art“, aber das klänge schon wieder wie ein Ulk. Nüchternheit lag den Beboppern nicht so sehr, jedenfalls nicht im Umgang mit der weißen Öffentlichkeit. Mit ernstester Miene gaben sie einigen ihrer Stücke sogar Namen, die nach ambitiöser Wissenschaft klangen: „Anthropology“, „Ornithology“, auch „Crazeology“.

Dizzy Gillespie

Dizzy Gillespie – Groovin’ High
CD, Legends of Jazz

Um 1942 ist er entstanden, mitten im Krieg in einem Musikerlokal in Harlem: Bebop, der moderne Jazz. Spott und Hohn prasselten damals massiv über ihn herein: Nicht tanzbar sei er, kalt und reaktionär, Stalinisten- und Zuhältermusik, eine musikalische Mandelentzündung. In der Tat war der Bebop eine Revolution. Dass seine Harmonien komplexer waren als alles, was es bis dahin im Jazz gab, seine Tempi schneller, seine Virtuosen virtuoser: geschenkt! Aber was waren das für unfassbar originelle Melodien, Themen und Improvisationen! Irrlichternde Achtelnoten-Läufe! Hochelegante Intervall-Bocksprungs-Serien! Schräg-stimmige Zickzack-Fahrten! Das war nur zu übersetzen mit Bi-baba-li-bap, u-bap-schi-bämm, didel-du-dap! Eben: Bebop!

Was muss man mehr sagen über die Herren Gillespie, Parker, Monk & Co.? Vielleicht das, was der Saxophonist Art Pepper schrieb: „Sie waren nicht nur schnell in ihrer Technik, sondern es machte auch alles Sinn, und sie swingten!  Sie spielten Noten in den Akkorden, die ich nie zuvor gehört hatte. Es war komplizierter, bluesiger, swingender, von allem mehr. Es machte mir tödliche Angst.“

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

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