Musiklexikon: A wie Alphorn-Fa

Dank der Alpenmilchschokolade-Werbung wissen wir alle, wie ein Alphorn aussieht. Aber wie klingt es eigentlich? Sagen wir mal: Es erinnert ein wenig an das Magenknurren einer mürrischen, ausgehungerten Kuh auf der Bergalm. Das Alphorn ist nämlich ein ziemlich archaisches Instrument. Es besitzt weder Ventile noch Klappen oder überhaupt Grifflöcher. Wenn man hineinbläst, kann man darauf einen Ton spielen. Wenn man stärker und mit mehr Lippenspannung bläst, kann man einen höheren Ton spielen. Wenn man noch stärker bläst, einen noch höheren. Man nennt diese höheren Töne auch Obertöne, denn sie entstehen durch die Verdoppelung, Verdreifachung usw. der Schwingung des Grundtons. Spielt man mehrere dieser Töne hintereinander, erhält man eine Art Posthornsignal oder Jagdfanfare – wofür eben Blasinstrumente ohne Griffloch und Ventil bekannt sind.

Alphorn

So viel erst mal zum Alphorn. Jetzt die Frage: Warum empfinden wir einen Dur-Akkord als stimmig und angenehm? Klar: Weil wir alle von klein auf mit Kinderliedern geeicht wurden. Aber es gibt auch einen objektiven, physikalischen Grund: Die ersten Töne der Naturton- oder Obertonreihe, die im Grundton normalerweise mitklingen, bilden zusammen genau das: einen Dur-Akkord. „Unsere harmonische Ordnung ist gottgewollt“, sagt die Kirchenmusikfraktion. Aber Gegenfrage: Warum empfinden wir komplexere Klänge und sanfte Dissonanzen als interessant und anregend? Weil wir irgendwann die Kinderlieder satt hatten? Schon – aber auch hier gibt es einen physikalischen Grund: Je höher wir in der mitklingenden Obertonreihe klettern, desto schräger tönt es dort nämlich.

Schon der sechste Oberton, die Naturseptime, sprengt nicht nur den Dur-Akkord, sondern zerlegt uns unsere schön zurechtfrisierte Tonleiter. Und den zehnten Oberton, den benutzen eigentlich nur noch die Alphörner, weil sie eben nicht anders können. In einer C-Dur-Skala liegt er zwischen dem F (Fa) und dem Fis und tönt enorm falsch. Man könnte auch sagen: schmerzlich, expressiv, ausdrucksvoll. Manche meinen, die „blue note“ des Jazz sei ursprünglich gar keine verminderte Quinte gewesen, sondern eben dieses ein wenig tiefer angesiedelte Alphorn-Fa. Etwas ziemlich Archaisches jedenfalls.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

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