Classidelity: Ludwig van Beethoven – Sinfonien Nr. 1 & 7

An Beethoven-Aufnahmen herrscht wahrlich kein Mangel. In der orchestralen Musik sind wohl die Sinfonien Nr. 5 und 9 die meistgespielten Werke der Musikgeschichte, markieren sie in ihrer Radikalität und revolutionären Anlage doch den Höhepunkt der klassischen Epoche. Fast gehört ein Beethoven-Zyklus schon zur Pflichtübung während eines Dirigentenlebens. Der französische Dirigent Sylvain Cambreling macht hier keine Ausnahme, verfügt aber über einen bemerkenswerten Erfahrungsschatz als Orchesterleiter, der neugierig auf seine Auseinandersetzung mit Beethoven macht.

cambreling beethoven

Ludwig van Beethoven – Sinfonien Nr. 1 & 7
Sylvain Cambreling, SWR Sinfonieorchester
CD/Glor Classics

Cambreling begann seine Karriere als Operndirigent. An den Häusern von Lyon, Brüssel und Frankfurt wirkte er insgesamt über 20 Jahre und konnte für die Oper Frankfurt 1995 die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ gewinnen. Seit 1999 war der Franzose als Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters tätig, das bekannt für die Interpretation zeitgenössischer Musik ist. Cambreling legte sein Augenmerk neben wenig gespielten Komponisten auf große Zyklen von Berlioz und Messiaen. 2009 konnte er den Jahrespreis der Schallplattenkritik entgegennehmen und wurde gleichzeitig mit dem ECHO Klassik als Dirigent des Jahres ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr schließlich übernahm Cambreling den Posten des Generalmusikdirektors an der Stuttgarter Staatsoper.

Beethoven Cambreling

Sylvain Cambreling

Wenn Spezialisten für Neue Musik sich an Repertoire vor 1900 wagen, kommen oftmals erfrischende und inspirierende Deutungen heraus. Pierre Boulez und Michael Gielen sind solche Dirigenten, die den Ansatz zeitgenössischer Musik ebenso auf Musik aus vergangenen Epochen übertragen können. So überrascht es nicht, dass dies auch Sylvain Cambreling gelingt. Schon beim ersten Hören in die Aufnahme mit den Sinfonien 1 und 7, gespielt vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, wird klar, wie akkurat der französische Dirigent seine Vorstellung auf die Aufnahme übertragen konnte.

Cambreling legt Wert auf optimale Durchhörbarkeit und die dynamische Gleichbehandlung von Streichern, Holz- und Blechbläsern. Für den Hörer ergibt sich damit ein höchst differenziertes Klangbild, dessen Panorama mit Bedacht ausgelotet wurde. Die einzelnen Holzbläser sind genau ortbar und nicht mehr hinter einer Streicherwand versteckt, das Blech ist präsent und kräftig, aber nie aufdringlich. Darüber hinaus bleibt trotz der Individualität der Instrumente der orchestrale Gesamteindruck erhalten. Sehr gut zu hören ist dies in den Scherzi der beiden Sinfonien. Die Ausgelassenheit, die Beethoven hier an den Tag legt, reißt mit, wenn in großen Crescendi und Fortepiano-Schlägen die Dynamik des vollen Orchesters hörbar wird. Wie in einem vortrefflichen Konzertsaal sind selbst kleinste Nuancen der Instrumente deutlich zu vernehmen, sowohl im leisesten Piano als auch im stärksten Forte.

Beethoven Cambreling

Sylvain Cambreling

Das SWR Sinfonieorchester spielt auf modernen Instrumenten und zeigt daher nicht, wie es bei Beethoven geklungen haben mag, sondern wie man sinfonische Meisterwerke in die Jetztzeit transportiert. Sylvain Cambreling gebührt Anerkennung für seinen zupackenden Ansatz, der dem Hörer das Revolutionäre an Beethovens Musik eindrücklich näherbringt.

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

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