Musiklexikon: M wie Mellotron

MellotronDie Beatles konnten es sich leisten, ein halbes Sinfonieorchester ins Studio zu holen. Für viele andere Bands kam das damals nicht in Frage. Denn Orchestermusiker sind erstens teuer und zweitens zickig, sie zu organisieren ist aufwendig und sie auf Tour mitzunehmen ganz unmöglich. Also wurde das Mellotron erfunden, das mobile Sinfonieorchester mit 35 Tasten. Das handliche Modell M400 erschien auf den Rockbühnen und Rockalben zwar fast gleichzeitig mit dem ersten praktikablen Synthesizer, dem Minimoog, ist aber etwas ganz anderes. Man könnte das Mellotron eine multiple Tonbandmaschine nennen oder das erste Sampling-Keyboard. Seine Töne werden weder geblasen, geschlagen oder gezupft noch synthetisch erzeugt, sondern von Tonbandstreifen abgespielt. Wer auf diesen Tonbändern zu hören ist, weiß man nicht so genau, aber die Aufnahmen sollen sich in London zugetragen haben. Man brauchte dafür ja keine weltberühmten Musiker: Sie mussten immer nur ein paar Sekunden lang einen Ton halten. Wenn man also auf dem Mellotron das c1 drückt, so setzt sich der c1-Tonkopf in Bewegung und spielt das Band mit dem Ton c1. Wahlweise aufgenommen von Flöte, Streichern, Chor oder Blech. Das jedenfalls waren die beliebtesten Mellotron-Klänge.

Mellotron

MellotronUnd deren flirrender Geisterklang war letztlich schuld am Pathos des Art- und ProgRock der frühen siebziger Jahre. Streicher- und Flötensounds, über den Umweg Mellotron mehrfach verdünnt und mystisch verzerrt, eröffnen Stücke wie Genesis’ „Watcher Of The Skies“, Uriah Heeps „Come Away Melinda“, Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ oder King Crimsons „Epitaph“. Obwohl heutige Digitaltechnik dem Mellotron weit überlegen ist, benutzen auch aktuelle ProgRock-Bands noch aus Nostalgie das Tonband-Keyboard. Die ganz Schlauen samplen das Mellotron, dann müssen sie das teure Stück nicht kaufen. Selbst Orchestermusiker sind heute schon billiger zu haben.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 5 (1/2013)

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