Envogue Astra – Das Dickschiff auf dem Tigertisch

Richtig gute Plattenspieler sind angesagt. Dicke Laufwerke sind schick und trendy. Doch das ist einer kleinen Manufaktur aus England ziemlich wurscht. Sie hat schon immer gute Dickschiffe gebaut …

EnVogue Astra

Hans Obels, der stets entspannt wirkende Chef von EnVogue24, versteht sich offenbar gut mit „seinen Engländern“, mit den sechs Leuten von Nottingham Analogue. So gut, dass die kleine britische Manufaktur, durchaus für ihren sympathischen Eigensinn bekannt, nun auch Plattenspieler fertigt, auf denen das Logo von Obels’ eigener Marke prangt. Hier ist also ein Laufwerk von EnVogue – übrigens schon das zweite EnVogue-Laufwerk der Neuzeit. Da muss man genau unterscheiden.

Big black Bohrinsel

Schon einmal, von 1994 bis 2004, hatte EnVogue ein paar massive „Bohrinseln“ im Programm. Die waren aber nicht „handmade by Nottingham Analogue“, sondern „made in Germany“, zudem richtig schwer, richtig teuer und richtig blinketiblink. Dieser Neuzeitling hier rangiert mit rund 35 Kilo mitten in der Schwergewichtsklasse, auch tendiert er durchaus zur Bohrinselfigur. Doch von Blinketiblink nicht die geringste Spur. Ganz im Gegenteil, sehr viel schwärzer geht es eigentlich nicht. Optische Abwechslung bieten lediglich die hochglanzlackierte Basisplatte (in Metallicschwarz, haha) und die Nottingham typischen Basen für Motor und Tonarm, die aus einer rustikal anmutenden, technisch aber erstklassigen Aluminium- Legierung gefertigt werden. Alles andere ist schwarz, mattschwarz oder schwarzschwarz. Okay, der mitgelieferte Tonarm glänzt silbern bei Lager, Li_ und Headshell, doch er ist ja eigentlich „nur“ als Option mit von der Partie. Übrigens, das Laufwerk heißt „Astra“. Verkneifen Sie sich jetzt einfach alle Witzchen über Biermarken oder Automobile, die habe ich längst gerissen. Dieser Astra, so Hans O., soll vielmehr (wieder) einen direkten Bezug „zu den Sternen“ herstellen. Obels ist es mit dieser Ansage durchaus ernst, zumindest was die klanglichen Talente des Astra betrifft. (Die Lateiner unter Ihnen, liebe FIDELITY-Leser, haben den namentlichen Bezug zum Sternenhimmel ja längst hergestellt; der Autor verweist auf ein knappes Kleines Latinum und behilft sich mit, äähm, Asterix …)

Alea iacta est – oder: Roll the Dais

EnVogues aktueller Himmelsstürmer ist natürlich keine völlige Neukonstruktion. Das wäre angesichts der Performance, die ich bisher von Nottingham Analogue kennengelernt habe, auch unsinnig. Vielmehr basiert der EnVogue Astra auf dem absoluten Klassiker der englischen Manufaktur: Mit dem „Dais“ hatte Ende der sechziger Jahre alles angefangen – eine gradlinig gestaltete und ebenso gebaute Vinylmaschine, die mit ihrem fetten Sandwich-Plattenteller nicht nur gewichtig wirkte, sondern auch so klang – bzw. wirkt und klingt, denn ein NA-Dreher ist unter normalen Umständen nicht kaputtzukriegen. Heute rangiert der Dais, anständig modellgepflegt und „younger than ever“, im oberen Drittel des NA-Angebots. Der Astra sieht dem Dais naturgemäß sehr ähnlich, kostet aber, dank schlauer Verschlankung an ausgesuchten Stellen, sehr viel weniger. Mehr noch: Der aktuelle Astra kostet sogar deutlich weniger als sein namensgleicher Bruder von dereinst. Die klangliche Performance soll gleichwohl über jeden Zweifel erhaben sein. Das glaube ich sofort. Selbst mit einem kleinen Nottingham, sei er noch so günstig, ist das berühmte Glas immer halb voll, niemals halb leer. Anders ausgedrückt: Alle Nottinghams, die ich bisher kennenlernen konnte, machen schlichtweg keinen Aufstand, sondern einfach gut Musik. Statt oberlehrer- oder zickenhaft herumzunörgeln, was möglicherweise alles noch auf dieser Schallplatte verewigt sein könnte und sich gerade nur unter großen Mühen herausschälen lässt, serviert ein Nottingham all das, was er aus dem Vinyl herausliest, in bester Spiellaune, zudem mit absolut überzeugender musikalischer Kompetenz. Und diese positiven Grundtalente, davon bin ich fest überzeugt, färben auf die Laune eines NA-Benutzers ab. Aber warum sollte man dann mehr als das Minimum ausgeben? Nun, wer bereit ist, bei NA mehr Geld zu investieren, der stellt die mitreißende Performance auf eine noch größere Bühne, darf höher fliegen, tiefer tauchen, schneller achterbahnfahren – was auch immer der große Vinyl-Spielplatz so hergibt, um die gute Laune noch zu steigern. Küchenphilosophisch betrachtet lässt sich besagtes Glas immer weiter füllen, bis zum Rand.

Willkommen, Perpetuum mobile

Zurück zum Astra. EnVogue offeriert das nackte Laufwerk für knapp 4000 Euro (einen Zehner gibt’s dann zurück). Es ist eigentlich mehr ein Präzisionsbausatz, der sich in wenigen Minuten problemlos zu einem korrekt justierten Astra-Dreher zusammenfügen lässt. Apropos „Dreher“: Der Plattenteller ist eine richtig dicke, akustisch tote Sandwichkonstruktion, bestehend aus verbackenem Graphit on top und einer Aluminium-„Torte“ darunter, in deren obere Rillen sich weiche Gummiringe einschmiegen. Diese Ringe bedämpfen einerseits auch kleinste Restresonanzen des Tellers, andererseits erlauben sie eine halbwegs würdige Bedienung. Denn der Astra-User muss selbst Hand anlegen. Ein Nottingham-Credo lautet nämlich: Der allerbeste Motor ist überhaupt kein Motor. Dann kann’s auch keine Störungen geben. Da aber selbst in Zeiten von Smartphones und Wikipedia noch immer kein funktionierendes Perpetuum mobile erfunden wurde, behilft man sich auch weiterhin mit der zweitbesten Lösung: ein Motor, der so wenig Störungen wie möglich produziert. Also kann der zitterarme Zartling von Motörchen den sich drehenden Plattenteller auf korrekter Geschwindigkeit halten, sonst aber nix. Daher gilt: Wer seinen Astra liebt, der schiebt – und zwar den Plattenteller an. Und bremst ihn auch wieder ab. Beides wirkt zwar immer wieder einigermaßen schrullig, doch diese beherzten Sekundenaktionen lassen sich in das ganze Prozedere des Plattenauflegens so einbauen, dass sie die meisten Besucher gar nicht bemerken. Nun wächst ein Laufwerk aber erst im Verbund mit einem Tonarm (und einem Tonabnehmer selbstverständlich) zu einem richtigen Plattenspieler heran. Also bietet Hans Obels, der schlaue Vinylfuchs, den Astra in günstigen Paketen mit diversen NA-Tonarmen an. In unserem Fall ist der kleinste, der kurze AceSpace-Arm, mit dabei. Einzeln kostet der AceSpace 9 rund 1100 Euro, was für einen vernünftigen Einpunktlager-Arm wie diesen schon eine attraktive Hausnummer ist. Im Astra-Paket verlangt EnVogue sogar nur 700 Euro Aufpreis dafür, und wer dann gleich noch ein System dazubestellt, darf auf komplette Vormontage und weiteres Entgegenkommen hoffen.

Auftritt: Tigertisch

Zum allerersten Reinhören, mehr zur Funktionskontrolle (eigentlich überflüssig) stelle ich den Astra einfach mal auf das nächstgelegene HiFi-Rack, montiere ein gut eingefahrenes Denon DL-103 in den Arm und lege die erste Scheibe auf. Eine suboptimale Idee, wie sich schnell herausstellt, denn wie jeder andere Plattenspieler dieser Welt reagiert auch der Astra deutlich hörbar auf seine Stellfläche. Und die darf im konkreten Fall gerne schwer und resonanzarm sein. Sicher, die serienmäßige HDF-Basisplatte des Astra hilft da schon ganz ordentlich weiter, doch klanglich erwarte ich hier eigentlich Besseres, um nicht zu sagen ungefähr das Beste. Also gebe ich dem Astra nun das Beste, was ich für Plattenspieler kenne: einen Logenplatz auf dem sagenhaften TT-100 von LignoLab (www. lignolab.com). Und siehe da, höre da – auf diesem luftgelagerten 100-Kilo-Trumm, den ich wegen seiner auffälligen Streifen nur liebevoll „Tigertisch“ nenne, nimmt das Astra-Dickschiff nun dermaßen Fahrt auf, dass ich mir ein zufriedenes Grinsen einfach nicht verkneifen kann. Der klangliche Unterschied vom Egal- Regal zum Tigertisch ist nicht groß, sondern schlicht unfassbar. So viel zum Thema „HiFi- Möbel sind doch nur Zubehör“; insbesondere Plattenspieler denken da ganz anders.

Pimp my Plattensammlung

Jetzt, wo der Astra sich hörbar wohlfühlt, pflüge ich erst einmal durch Herb Ellis’ Nothing But _e Blues (Speakers Corner), weil dieser gut abgehangene Swingblues der alten Jazzhasen einfach prima zum Sonntagnachmittag passt. Abends schickt Eddie Boyd mit Peter Green’s Fleetwood Mac (7936 South Rhodes) den amtlichen Shuffle durch meinen Hörkeller, einige Plattenseiten später bekomme ich plötzlich Lust auf Hardcore-House im ultrafetten Clubsound und lege The Trentemøller Chronicles von 2007 auf den Plattenteller (sorry, liebe Nachbarn, für diese Prüfung). Der Astra zieht dabei ungerührt seine Bahnen, schaufelt Energie ohne Ende in den Raum. Er weiß aber auch behutsam mit den Zartheiten, der delikaten Dynamik und den spannenden Melodiebögen umzugehen, wie sie beispielsweise auf den fantastischen Direct-to-disc-LPs des Labels Berliner Meister Schallplatten (Bolívar Soloists: Musica de Astor Piazzolla; Mendelssohn Kammerorchester Leipzig: Occident & Orient) oder auf dem Showcase 2013 von Opus 3 Records zu hören sind. Ein vernünftig aufgestellter Astra lässt sich von nichts und niemandem irritieren. Nachdem ich dann das Denon durch ein Audio Note IQ3 ausgetauscht habe, verändert sich die Detaildarstellung und die Kraftbalance in Richtung leichtfüßig und schlank, doch das Laufwerk selbst bleibt sich treu. Es klingt groß, stark, stimmig und total souverän – und es bietet genug Potenzial, so meine Vermutung, um auch wesentlich größere Tonarme zu führen. Daher werde ich in einer der nächsten FIDELITY-Ausgaben ausführlich berichten, was der offenbar vorzügliche Astra aus dem erheblich aufwendigeren AnnaArm in der Zwölfzoll- Version herausholt. Und weil ich dann ohnehin schon am Schrauben bin, werde ich auch gleich herausfinden, wie viel Klangverbesserung das optionale externe Netzteil noch bringt. Der Astra ist ein riesiger, wunderbarer Vinyl-Spielplatz.

 

EnVogue Astra
Plattenspieler

Prinzip: Masselaufwerk mit Riemenantrieb
Geschwindigkeiten: 33 ⅓ und 45 U/min, manueller Wechsel durch Riemenumlegen
Lieferumfang: Basisplatte (HDF), Antriebseinheit, Chassis mit verstellbaren Füßen, Sandwich- Plattenteller, Einstellschablone, „Staubschutzmatte“, Lageröl, Pipette, Innensechskantschlüssel …
Besonderheiten: kein Netzschalter, Start/Stop per Hand (kleiner Motor hält Sollgeschwindigkeit konstant)
Optionen: preisgünstige Setangebote mit Tonarmen von Nottingham Analogue (hier: AceSpaceArm 9″), zweite Tonarmbasis, externes Netzteil
Maße (B/H/T): 48/22/42 cm (ohne Tonarm)
Gewicht: 35 kg
Garantiezeit: 10 Jahre

 

www.envogue-24.de

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 8 (4/2013)

 

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