Mehr ist mehr – Der klingende Bau der Welt

Das technische Zeitalter spiegelte sich früh in der Rhythmik seiner Musik: Ragtime, Strawinsky, Jazz. Heute sind wir eingewoben in ein pulsierendes Netzwerk. Die Welt ist ein dichtes, vielstimmiges Gespinst.

Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1750 starb, galt er als ein vorgestriger, überholter Kontrapunktiker. Denn längst war die komplexe polyphone Kunst ins Hintertreffen geraten gegenüber der Vorliebe für „empfindsame“ Melodieführung. Bis heute ist das Fassbare und Einfühlbare das Rezept für populären musikalischen Erfolg geblieben. Im Jazz gilt das Weglassen von Tönen sogar als große Kunst: „Die Pause ist ebenso wichtig wie jeder Ton, den ich spiele“, soll Miles Davis einmal gesagt haben. Musiker, die zu viele Töne improvisieren, werden da häufig als „Notenschleuderer“ verurteilt. „Weniger ist mehr“, so lautet das Motto der Jazzpolizei.

Calefax

Calefax plays Nancarrow – Irrationale Kanons, die auch noch Spaß machen

Dichtes Noten-Aufkommen muss aber kein Zeichen für Geschwätzigkeit sein. Von Bachs überreicher Polyphonie in den Konzerten für zwei und drei Klaviere bis hin zu Mahlers integral mehrschichtigen sinfonischen Sätzen war Strukturdichte immer auch Ausdruck einer Weltsicht. Auf einem wilden Jahrmarktsfest mit Karussells, Schaukeln, Schießbuden, Puppentheatern, Blasmusik, Gesang und Geschrei soll Gustav Mahler einmal begeistert ausgerufen haben: „Das ist Polyphonie und da hab’ ich sie her! Gerade so, von ganz verschiedenen Seiten her, müssen die Themen kommen und so völlig verschieden sein in Rhythmik und Melodik!“ Schon im Kindesalter, sagte Mahler, habe ihn dieses polyphone Durcheinander der Welt „so eigen bewegt“ – nämlich im „tausendfältigen Vogelsang“ im Iglauer Wald.

Olivier Messiaen Chronochromie

Olivier Messiaen – Chronochromie
CD, Koch/Schwann

Der französische Komponist Olivier Messiaen (1908-1992) machte den Gesang von Vögeln sogar zur Grundlage seines Schaffens: In ihm sah er die „Ur-Musik“ der Welt, eine religiöse Offenbarung. Messiaen hat weltweit die Rufe der Vogelarten studiert und ganze Vogelkonzerte als polyphone Strukturen in  seine Musik eingebracht: 16-stimmig in den Oiseaux exotiques, sogar 44-stimmig in Le réveil des oiseaux. In Messiaens Vogelphonie steckt eine Menge kompositorischer Arbeit, ein hoch differenziertes System aus Skalen und Rhythmen. Auch durch sein siebensätziges Orchesterwerk Chronochromie geistern die Stimmen vieler Vögel – Fischadler, Singdrossel, Feldlerche. Den Höhepunkt aber bildet die „Épôde“, ein auskomponiertes „Vogelkonzert“ für 18 tirilierende Solostreicher. Bei der Uraufführung in Donaueschingen 1960 sorgte der Satz für einen Skandal. Aber: „Solche Kontrapunkte existieren in der Natur – noch viel reicher und komplexer“, sagt Vogelkenner Messiaen. „Man kann sie im Frühling hören, gegen fünf Uhr morgens, beim Morgen- und Abendrot, wenn das ganze ‚Orchester’ erwacht, um die Geburt des neuen Lichts zu begrüßen.“

Conlon Nancarrow Studies For Player Piano

Conlon Nancarrow – Studies For Player Piano
CD/Dabringhaus & Grimm

Schon in den 1940er-Jahren fand der amerikanische Komponist Conlon Nancarrow (1912-1997) keine menschlichen Interpreten mehr, die seinen komplexen polyrhythmischen Werken gewachsen waren. Er behalf sich mit einem mechanischen Instrument: dem Pianola oder Player Piano, das mit gestanzten Papierrollen „gefüttert“ wird. Über 40 Jahre hinweg schrieb (und stanzte) Nancarrow an seinen berühmten Studies for Player Piano. Darin überlagern sich die Einzelstimmen in verschiedenen Tempi und bilden Kanons in verrückten, sogar irrationalen Relationen. Heute suchen immer mehr menschliche Interpreten die Auseinandersetzung mit Nancarrows Polyrhythmik. Am mitreißendsten gelang die „Belebung“ dieser mechanischen Musik dem niederländischen Bläserquintett Calefax. Jelte Althuis, der Bassklarinettist des Ensembles, berichtet: „Mitunter dachte ich, wir würden es nicht schaffen, gleichzeitig und zusammen immer die richtigen Noten und Rhythmen zu spielen. Aber ich bin froh, dass wir durchgehalten haben, weil die Musik einzigartig wird, wenn man erst einmal an ihre Komplexität gewöhnt ist. Und sehr wichtig: Es macht Spaß, sie zu spielen!“

György Ligeti The Ligeti Project II

György Ligeti – The Ligeti Project II
CD/Teldec

„Hätte Bach im Amerika des 20. Jahrhunderts gelebt, hätte er wohl so komponiert wie Conlon Nancarrow.“ Das sagte der ungarische Komponist György Ligeti (1923-2006), der selbst höchst beeindruckende High-Tech-Klangnetzwerke geschaffen hat – flirrende Mikroton-Wolken, oszillierende Landschaften. Die schönsten davon finden sich auf The Ligeti Project II, etwa Lontano, Apparitions, San Francisco Polyphony und die aus dem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ bekannten Atmosphères. Dieses Werk scheint geradezu das Schwingen der Moleküle einzufangen, es ist übersättigte Chromatik, Weltraum-Statik, schwirrende Interferenz. Ligetis Ur-Erlebnis war übrigens der simultane Glockenklang mehrerer Kirchen in seinem Heimatdorf. Dieses polyrhythmisch zusammengesetzte Klangfeld inspirierte seine musikalischen Visionen: „Mir schwebten zahlreiche sich überlagernde Gitter vor, Moiré-Gebilde, die wechselnde rhythmische Strukturen ergeben.“ Der Klang der vernetzten Welt.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 2 (4/2012)

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