Eric Clapton – I Still Do

Old Slowhand

Eric Clapton veröffentlicht eine neue Platte. Professor P., der Rhythmusbeauftragte von FIDELITY, beamt sich damit zurück in sein altes Leben.

Es gibt da diese nette Geschichte von Woody Allen, die er früher, also ganz, ganz früher, als er noch richtig witzig und nicht so sophisticated Vicky-Cristina-Barcelona-mäßig drauf war, in einem seiner Stand-up-Programme erzählte: Er, der Jude aus New York, sei bei einer Reise durch den Süden Amerikas in eine Zeremonie von in weiße Bettlaken gehüllten Gestalten geraten, habe diese für einen lokalen Karnevalsumzug gehalten, an dem er als kommunikationsliebender Menschenfreund spontan habe teilhaben wollen, worauf er im Kleinstadtbettwäschegeschäft ebenfalls ein Laken erwarb, nur eben leider ein Spannbettlaken, das ihn sofort als Außenstehenden zu erkennen gab, was wiederum zu seiner Festsetzung an einem Kreuz und Furcht einflößendem Herumgefuchtel mit Feuerfackeln vor seiner Nase führte. Sein ganzes Leben sei in Sekunden vor seinem inneren Auge vorbeigezogen: die Baumwollfeldgeschichten vom Großvater, die Gospelgottesdienste am Sonntag, das Catfish-Angeln am nahen Bayou … „Bis ich feststellte“, so der Bühnen-Allen, „das war ja gar nicht mein Leben!“

Tja, Freunde, „Was soll das?“, mögt Ihr schnaufen, in nun geradewegs getrübter Vorfreude auf eine wissenschaftlich fundierte Analyse des neuen Clapton-Werks I Still Do, unter Berücksichtigung des Weltfriedens, der amerikanischen Kulturgeschichte im Allgemeinen und aller Einflüsse der bis dato erschienenen 22 Clapton-Solo-Alben im Besonderen. Nun, damit möchte ich heute nicht dienen. Aber stattdessen plaudere ich gerne ein wenig mit Euch, über den Blues, übers Radiohören beim Zähneputzen. Setzt Euch, zündet Euch eine Fluppe an, auch Sie an den teuren Lautsprechern da hinten, kommen Sie ruhig näher, wir sind doch unter uns. Also, man mag es nicht glauben, aber einen der größten Schockmomente meines an Schockmomenten recht reichen Lebens erlebte ich am 27. August 1990 beim Zähneputzen in der Doppelhaushälfte meiner Jugend. Aus dem Radio kleckerte die Nachricht, Eric Clapton sei tot. Abgestürzt, nach einem Konzert in Wisconsin. Ich heulte Rotz und Blendischaum, das durfte alles nicht wahr sein! War es auch nicht. Clapton saß im zweiten Helikopter, tot war allerdings die halbe Band samt Stevie Ray Vaughan. Damals aber merkte ich: Clapton ist mein Gott, und Gott stirbt nicht. Es war ja so, die Achtziger verklebten mir und meiner Generation die Synapsen mit „Do You Really Want To Hurt Me“, ein Lied, zu dem ich gerne meine Briefmarkensammlung sortierte, ich seh’ mich heute noch, sollte Boy George aus dem Radio schallen, am gelb lackierten Schreibtisch meiner Kindheit sitzen.

Eric Clapton I Still Do

Eric Clapton – I Still Do
CD, DoLP / Bushbranch, Surfdog

Zu Clapton aber lag ich auf dem Sofa, Kopfhörer auf, eine andere Welt. 461 Ocean Boulevard, Slowhand, das grandiose Livealbum Just One Night, mit diesem Endlos-Solo, das, ganz auf ein zartes Pling-Pling reduziert, sich plötzlich wieder in einem herrlich schwülen Gitarrengewitter entlädt. In dieser Welt wurde aus dem klein gewachsenen Nerd der Professor, den Ihr alle kennt. Ich spielte alle Soli nach, obwohl ich nie Gitarrenunterricht hatte, bis heute gerade mal einen Akustik-Bass von einer E-Gitarre unterscheiden kann. Ich las damals alles, was es über Clapton zu lesen gab, lange vor der Erfindung des Internettundfreundlich. Ich verinnerlichte das alles, als sei ich selbst in Ripley im Borough of Guildford in der Grafschaft Surrey bei meinen Großeltern aufgewachsen. Glaubt mir, Freunde, Schizophrenie ist ein heilsamer Daseinszustand. In guten Momenten schlief ich damals meinen virtuellen Drogenrausch aus, dabei kotzte ich in der harten Realität nach einem Glas Bacardi Cola die Dachrinne voll, doch in der Welt unterm Kopfhörer, da lebte der Prof. sein eigentliches Leben. Ihr merkt, jetzt macht auch der kleine Woody-Prolog irgendwie Sinn. Dank Clapton fand ich zum Blues. Das mag für manche Ohren so klingen, als entdeckte man den Geschmack von Erdbeeren durch den Genuss eines Fruchtzwergs, doch was soll’s? Niemand interpretiert Robert Johnson oder den unvergleichlichen JJ Cale so beschwingt-behutsam wie der alte Slowhand – auch das ist auf I Still Do zu erleben, wieder einmal.

Dass Eric Clapton nun also wieder eine neue Platte veröffentlicht, ist eigentlich keine News. Das tut er alle paar Jahre. Doch I Still Do, das ist nun auch irgendwie der Soundtrack der heranschleichenden professoral-claptonanesken Midlifecrisis. Denn mir wird bewusst, Eric Clapton wird nicht ewig leben. David Bowie, B.B. King, James Brown, Lemmy Kilmister, Allen Toussaint, Ornette Coleman, Prince … Ach, es ist traurig. All die Großen gehen dahin, und es kommt niemand nach. Clapton, bald last man standing. Ich habe Angst vor dem Morgen, an dem aus dem Radio oder dem Notsoverysmartphonedisplay das Unvermeidliche zu mir dringt. Heut aber erfreue ich mich an I Still Do. Ein schönes Album.

PS: So ganz ohne Details möchte ich Euch dann doch nicht entlassen. Claptons 23. Solo-Studioalbum in 46 Jahren wurde von Glyn Johns produziert, der schon einst bei Slowhand (1977) und Backless (1978) an den Reglern stand und 1963 die ersten Demoaufnahmen der noch unbekannten Rolling Stones aufnahm, Hausproduzent von Led Zeppelin war, „My Generation“ von The Who begleitete und als Toningenieur beim legendären Auftritt der Beatles 1969 auf dem Dach der Apple-Studios dabei war. I Still Do wurde in Mark Knopflers Grove Studios in London aufgenommen, jeder Song in einem Rutsch, ohne Overdubbing. Grandios: Claptons Interpretation von Leroy Carrs „Alabama Woman Blues“, der Song eines Blueshelden, der 1935 im Alter von 30 Jahren infolge einer Überdosis Booze in die Knie ging. Clapton wird u. a. begleitet von Andy Fairweather Low an der Gitarre, Chris Stainton am Keyboard und Paul Carrack an der Hammondorgel. An den Drums, und das freut den Professor, Henry Spinetti, der auch schon auf Just One Night (1980) trommelte. Und wen das noch interessiert: Drummer Henry Spinetti ist der Bruder des verstorbenen Victor Spinetti, eines Schauspielers, der in den sechziger Jahren in den drei Beatles-Filmen A Hard Day’s Night, Help! und Magic Mystery Tour mitspielte. Wie die Songs auf I Still Do sind? Bitte selbst hören.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 27 (5/2016)

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