Xavian Perla – La Bellezza di Praga

Einst wurde die dritte Wagenklasse der Eisenbahn (mit Holzsitzen!) als „Holzklasse“ bezeichnet. Heute könnte der Terminus als Inbegriff von Luxus und Eleganz gelten, wie uns die Xavian Perla zeigt.

Die Xavian Perla ist die bislang letzte Kreation von Roberto Barletta, einem Italiener in Prag. Barletta gründete Xavian im Jahre 1997, und seine Produktpalette umfasst mittlerweile mehrere Baureihen, wobei die Perla das erste Modell der neuen Baureihe „Natura“ darstellt.
Natura bedeutet: kein Pressspan, kein MDF. Das Gehäuse der Perla besteht vollständig aus italienischem Nussbaum in Form von massiven Leimholzplatten. Und über das edle Erscheinungsbild der Perla sagt ein Bild wohl mehr aus als tausend Worte … Ein Lautsprecher wiegt 6,9 Kilogramm, was in Anbetracht der Größe beachtlich ist. Alle Kanten sind großzügig verrundet, auch auf der Rückseite. Ich persönlich habe ja eine Vorliebe für eher kantige Gehäuse. Doch die Perla beweist mir, dass es in akustischer Hinsicht auch bessere Lösungen gibt: Bei einer seitlichen Bewegung des Kopfes um ±20 Zentimeter bricht die Perspektive hier nicht abrupt zusammen, sondern verändert sich nur wenig. Auch beim Herumgehen im Hörraum ist die Veränderung des Klangbildes ungewöhnlich gering.
Der Aufbau der Lautsprecher ist klassisch: ein 150 Millimeter (6 Zoll) großer Tiefmitteltöner mit einem Korb aus Aluminiumguss und einer Membran aus Polypropylen – very british, indeed – und eine 26-mm-Gewebekalotte mit kurzer Schallführung. Es gibt eine flache Bassreflexöffnung vorne unter dem Tiefmitteltöner, um nötigenfalls auch eine Regalaufstellung zu gestatten, und eine schwarze magnetische Frontabdeckung.


Gar nicht klassisch ist der Aufbau der Frequenzweiche. Roberto Barletta hat sich für eine sogenannte „serielle“ Weiche entschieden. Serielle Weichen sind aufwendiger in der Entwicklung, sollen aber Vorteile hinsichtlich des Phasenverhaltens im Übergabebereich aufweisen. Bi-Amping oder Bi-Wiring ist mit einer seriellen Weiche allerdings nicht möglich. Daher hat die Perla auch nur ein Paar hochwertige Polklemmen. Ihr offizieller Wirkungsgrad liegt mit 88 dB/W/m auf einem Niveau, das wohl kaum einen Verstärker als Spielpartner ausschließt. Der generalüberholte Cyrus III (mit Zusatznetzteil PSX-R) freute sich jedenfalls hörbar über die neue Spielpartnerin.
Meine allerersten Höreindrücke sammelte ich mit dem UKW-Tuner. Schnell fiel auf, dass die zuvor sorgfältig eingespielte Perla eine ausgeprägte Affinität zu Klassik aller Art besitzt. Sowohl Orchester- als auch Kammermusik zieht sofort die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich; aber auch Gesangsstimmen scheinen eine besondere Vorliebe der Perla zu sein. Was ebenfalls sofort auffällt: Dieser Lautsprecher schwelgt gern in Klangfarben. Hier wird mit dem Pinsel gemalt, nicht mit der Radiernadel gezeichnet.
Fangen wir mit ganz großem Orchester an: Wer so glücklich ist, die Sinfonie Nr. 6 von Peter Iljitsch Tschaikowsky mit den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celebidache (1997 EMI Classics) im Plattenschrank zu haben, kann die Perla in all ihrer Pracht und Autorität erleben. Jawohl, ich spreche von „Autorität“, weil sich das, was man bei dieser Aufnahme in meinem Hörraum wahrnimmt, kaum anders beschreiben lässt. Diese Autorität hat nichts zu tun mit Lautstärke – aber alles mit Darstellung und Ausdruck. Die Perla dringt hier wirklich in die tiefsten Tiefen der Musik vor, sowohl akustisch als auch affektiv. Und je nach Temperament ist man davon beglückt oder erschüttert. Celebidache nimmt den ersten Satz in einem extrem breiten Tempo, das aber durch den Detailreichtum der Wiedergabe vollkommen gerechtfertigt wird. Diese Flut an hoch emotionalen Klangmassen – vor allem in den tiefen und tiefsten Lagen des Orchesters – könnte man in einem schnelleren Tempo unmöglich verarbeiten. Die Perla vermittelt hier Ruhe und Stabilität. Das Hören wird auf natürliche Art und Weise meditativ; man beginnt irgendwann, mit der Musik zu atmen.
Woher kommt diese erstaunliche Tieftonqualität? Das Gehäuse der Perla hat ein Bruttovolumen von 14 Litern. Mit einer Wandstärke von 19 Millimetern ergibt das ein Nettovolumen von circa acht Litern – das ist für einen 150-mm-Tiefmitteltöner nicht wenig. In Verbindung mit der Membran aus Polypropylen, die sicher etwas schwerer ist als eine Papiermembran, darf man mit einem durchaus beachtlichen Tiefgang rechnen. Die Perla „pumpt“ allerdings keine „knochentrockenen Bässe“ in den Hörraum, sondern macht echten Tiefton im musikalischen Zusammenhang erlebbar. Darüber hinaus bedeutet eine untere Grenzfrequenz von 55 Hertz bei –3 Dezibel, dass in einem realen Hörraum auch 40 Hertz immer noch hörbar sein werden – nur eben leiser. Mit anderen Worten: Vergessen Sie das Wort Subwoofer, wenn Sie die Perla in einem Raum betreiben wollen, dessen Grundfläche weniger als 25 Quadratmeter beträgt.


Frisch aus dem Aufnahmestudio liegt Dani Sings Billie von Dani Klein & Sal la Rocca (Boogie Productions 8073151) in meinem Rega Apollo R: Das Album bietet Billie-Holiday-Klassiker von der Sängerin, die viele von Ihnen noch von Vaya con Dios kennen werden. Ich hatte mir für das erste Durchhören eine Tasse Tee gemacht, und als die letzte Nummer „God Bless The Child“ ausklang, hatte ich sie noch nicht einmal angerührt – das passiert mir nicht oft. In Trio- bis Quintett-Besetzung werden hier zwölf der bekanntesten Songs aus dem Repertoire der Lady Day ohne modernistische Verrenkungen authentisch und so unaufgeregt zelebriert, dass ich alles um mich herum vergaß – sogar meinen Tee. Für die Perla ist dieses Musikprogramm buchstäblich ein Heimspiel: Da es sich um eine Studioaufnahme handelt, sind die akustischen Bedingungen perfekt. Und so kommen sie auch in meinem Hörraum an. Das klingt alles unglaublich edel und kostbar (fast hätte ich „teuer“ geschrieben); die kompakte Xavian vermittelt hier tatsächlich ein Gefühl von Hochwertigkeit, das niemals den Wunsch nach mehr aufkommen lässt.
Nachdem mir klargeworden war, dass die Stimmenwiedergabe ein absolutes Highlight der Perla ist, nahm meine Hörtätigkeit richtig Fahrt auf: Willie Nelsons To All The Girls … (Legacy Sony Music, 2013) liefert einen ungemein reizvollen Kontrast zwischen dem knarzigen Organ des begnadeten 80-Jährigen und den 18 (!) Country-Girls, die sich für die Duette mit ihm zusammengetan haben. Country ist ja – neben vielem anderen – Schmalz und Kitsch und großes Drama, und die Damen haben sich auf diesem Felde alle vielfach bewährt. Hier zeigt die Perla, dass sie nicht nur Stimmen zum Verlieben schön in den Raum stellt; sie läuft auch zu wahrer Hochform auf, wenn Emotionen jeglicher Art zum Ausdruck kommen. Wenn man gelegentlich in der Lage ist, „sich richtig fallen zu lassen“, geht die Perla voll mit – da bleibt kein Auge trocken.
Das Album Légendes von Renaud Garcia-Fons habe ich noch in einer Ausgabe von Enja Records aus dem Jahre 1996. Die Platte wurde 2011 neu herausgebracht. Garcia-Fons spielt hier mit sich selbst ein komplettes Streichensemble auf seinem fünfseitigen Kontrabass. Die Aufnahmequalität ist phänomenal. Was insbesondere auffällt, ist die Tiefenstaffelung, die es ermöglicht, auch die komplexesten Klangstrukturen mühelos aufzulösen. Und die Perla wird den ganz besonderen Anforderungen dieser Aufnahme mühelos gerecht: Sie stellt nicht nur den Kontrabass vollkommen überzeugend in den Hörraum, auch die höheren Stimmen des „Ensembles“, die Percussion und die synthesizerartigen Klangschwaden habe ich kaum je derart gut gehört. Wenn die Xavian Perla in einigen Wochen wieder an den Vertrieb zurückgehen muss, ist Trennungsschmerz vorprogrammiert.
Ein weiteres Spielfeld, auf dem sich die Perla bevorzugt bewegt, sind historische Aufnahmen aller Art. Ihr vollmundiger und ausgleichender Charakter macht so manches genießbar, was man sonst unter „zu akademisch“ ablegen würde. Dies gilt interessanterweise auch für die Klassiker der 1960er Jahre. Kein Wort gegen den großartigen, kürzlich verstorbenen Sir George Martin, aber die Aufnahmen der Beatles von 1962 bis zum September 1966 (sapienti sat) sind klanglich-kulinarisch „fish and chips“ oder „bangers and mash“, aber keinesfalls feine Küche. Die frühen Monoaufnahmen zum Beispiel sind praktisch ohne Tieftonanteil; wie es scheint, war Paul McCartney nicht primär als Bassist dabei, sondern vor allem als Blickfang für die Girls gedacht. Ein Lautsprecher mit ordentlichem Tieftonfundament und nicht zu aggressiven Höhen hilft hier richtig viel. Kann es denn sein, dass damals über Lautsprecher mit eben dieser Abstimmung abgemischt worden ist?
Ich hatte das Vergnügen, die Xavian Perla etliche Wochen lang in meinem Hörraum zu Gast zu haben. Kein einziges Mal hat sie sich danebenbenommen. Selbst Platten, die musikalisch interessant, aufnahmetechnisch aber problematisch sind, konnte ich ohne Verdruss, manche davon sogar wieder mit ausgesprochenem Vergnügen hören. Insbesondere wenn es um Stimmenwiedergabe, akustische Instrumente und Klassik ganz allgemein geht, stellt die Xavian Perla ein konsequentes Rundum-sorglos-Paket dar. Die Perla klingt tatsächlich so, wie sie aussieht: rund und schön und äußerst kultiviert – La Bellezza di Praga.

Xavian Perla Kompaktlautsprecher Navigator

 

Lautsprecher
Xavian Perla

Zweiwege-Kompaktlautsprecher, Bassreflex

Wirkungsgrad: 88 dB/2,83 V/1 m
Impedanz: 8 Ω
Besonderheiten: Vollholzgehäuse, serielle Frequenzweiche
Ausführung: Nussbaum massiv
Maße (B/H/T): 19/31,5/24 cm
Gewicht: 6,9 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Paarpreis: 2000 €

 

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Mitspieler:
CD-Player: Rega Apollo R
Plattenspieler: Thorens TD 160 Mk II (generalüberholt)
Tonabnehmer: Shure V15 Type III, Elac EMM 190HB33
UKW-Tuner: Harman/Kardon TU610
Vollverstärker: Cyrus III mit PSX-R Zusatznetzteil (generalüberholt)
Lautsprecher: Avantone MixCube B-Monitor, Jamo S 602, Monacor SP-205/8 in offener Schallwand, Pioneer S-A4SPT-PT, Q Acoustics 3020
Kabel: Inakustik, Neutrik
Zubehör: Steinmusic DE2 CD Conditioner, SP ENACOM Audio Noise Eliminators, LencoClean

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