Funkidelity: Prof. P.’s Rhythm and Funk Revue

Der Professor erfreut sich heute an turbulentem Texmex-Soul-Funk, zusammengetragen aus den Werken von Magnum Coltrane Price, Gary Clark jr., Marshall Cooper, Puta Madre Brothers und John Monday.

Nun denn, Freunde der Winterdepression und der Phantomschmerzen aus vergangenen Sommerfreuden, sagt Eure Termine bei Psychoanalyrikern, Heulpraktikern und sonstigen Schamanamanabadipidipis ab. Der Professor hat das Allheilmedium gegen Verstimmungen an düsteren Tagen in seinem Labor der schönen Künste für Euch zusammengezaubert. Dafür ist er, the P. who’s me, weit, weit, weit gereist auf abgelegenen Pilgerpfaden. Habe mich weltumspannend für Euch in die Bresche geworfen, mich durch den feuerroten Staub des australischen Outbacks gekämpft, mir in Mexiko Tornados durch die Nase blasen lassen, in Skandinavien aus Versehen eine Büchse mit verrottetem Lachs ausgegraben, habe im Geheimauftrag seiner Majestät, King Quentin vom Stamme der Tarantinos, an den Gestaden des Mississippi nach der besten Filmmusikband der Welt gesucht – und sie schließlich nicht deep down south gefunden, sondern mittenmang im schönen Mainz, wie es klingt und kracht. Tja, und zu guter Allerletzt wartete am Busen des Professors Heimat im hohen Norden dann noch eine Überraschung, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Nun also poliert das Stammhirn, hängt die Vorderlappen an die frische Winterluft und popelt den Nektar des Sommers aus den Synapsen – and let’s get ready to rumble.

Magnum Coltrane Price – Brass Knuckle Funk

Magnum Coltrane Price – Brass Knuckle Funk
CD/DL, Contemplate Records

Zunächst ein Wort der Offenbarung: Diese CD steht schon ein paar Takte zu lang in des Professors Highend-Billy-Regal. Rutschte aus Versehen nach ganz weit hinten, dorthin, wo unverlangt erhaltene Werke von Ute Lemper und Roger Cicero vom Staub der Vergessenheit bedeckt langsam in eine Dimension hinübergleiten, in der man Langeweile besser zu würdigen weiß. Die aktuelle Arbeit von Magnum Coltrane Price aber kam wieder ans Licht, und das darf man Glück nennen. Brass Knuckle Funk ist eine dieser Funk-Veröffentlichungen, die man in angelsächsischen Kulturkreisen als Grower bezeichnet: Sie wächst beim mehrmaligen Hören weit über den ersten Eindruck hinaus. Was ich zunächst mit der mir innewohnenden professoralen Naturarroganz als gefällig und glatt abtat, entwickelte sich mit den Gezeiten zu einem Werk, das in schwerer Rotation im schwarzen Deluxe-Soundverwerter der Marke Linn verbleibt. Magnum Coltrane Price aus Schweden, im Hauptberuf Bassist, Sänger, Songschreiber und Produzent der Nils Landgren Funk Unit, Session-Seitenmann bereits von Esbjörn Svensson, Maceo Parker und Janet Jackson, funkt auf den Punkt. Ich empfehle: „iFunk“,„Party“ und das zundertrockene „Pontiac 6.5“ als Anspieltipps: Prince trifft Funkadelic-Vibes meet Gogo-Elektrotricks à la Trouble Funk, if you know what I mean, verehrte Freunde. Der gute Price sieht mit testosterontrainierten, tätowierten Unterarmen und schicker Wollmütze zwar aus wie ein Haftentlassener aus San Quentin oder auch ein Rhabarberschorle trinkender Hipster-Jungvater aus Prenzlauer Berg – doch was soll’s? Shake those hips, baby.

Gary Clark jr. – The Story Of Sonny Boy Slim

Gary Clark jr. – The Story Of Sonny Boy Slim
CD/LP/DL, Warner Bros. Records

Zensoren meines Zeilenwirrwarrs wissen: Mal funkt der Funk in des Professors „Rhythm and Funk Revue“, mal rumpeln Blues-Rhythms in Überzahl. Hier nun möchte ich der Gemeinde ein Werk an die rechte Herzklappe tackern, auf dass Ihr, die Ihr Euch durch die Diaspora on the dark side of the summer schleppt, das Licht seht. Eine Platte, die das Gemüt erhellt, und zwar mit Blues, Soul, Gospel, Country, durchwoben mit feinem Funk und gewürzt mit einer Messerspitze Dylan. Gary Clark jr. aus Austin, Texas, lässt hier die Gitarre weinen wie einst Stevie Ray Vaughan und grooven wie Santana in den goldenen Siebzigern. The Story Of Sonny Boy Slim – Sonny wird der schlaksig-slim ins Leben gestellte 31-Jährige von Mutter Clark gerufen – ist das dritte Album nach Blak And Blu und einer Live-Einspielung. Mittlerweile gehört Gary Clark jr. zum Establishment, spielte vor Obama in der Akropolis der Your-Ass-Ey und an der Seite der Stones und wird von der New York Times bejubelt. Das soll uns nicht stören, allein das Eröffnungsstück „The Healing“ knallt sich dermaßen bluesverdreckt in des Professors Soundverwertungszellen, dass es eine Freude ist. „Church“ mixt Gospel-Traditionen mit Dylan-Mundharmonika, „Stay“ wildert in Stoner-Rock-Traditionen a la Kyuss. Und hier muss der Professor dann doch ein Wort des Zweifels in die Tasten knallen: Beim Blues, egal von wem und zu welcher Zeit gespielt, ist weniger meist mehr, das lehrten Texas-Veteranen wie Leadbelly und Lightnin’ Hopkins. Clarks blasses „Can’t Sleep“… Mhh. Man möchte hinüberrufen nach Austin: Keep it simple.

Marshall Cooper – Backseat Lover

Marshall Cooper – Backseat Lover
CD/DL, Herzog Records

Da ist der Professor nun durch die Sümpfe Louisianas gestiefelt, hat die Schwänze von drei Alligatoren zu einem Knoten mit Doppelschleife geschlungen, die schärfsten Chilischoten diesseits des Andromeda-Nebels mit einer Prise Cayennepfeffer inhaliert und mit zwei Dutzend Schrumpfköpfen aus dem Kabinett einer 111-jährigen Voodoopriesterin jongliert – nur um dann in Mainz die interessanteste Nachwuchs-Brassband des Planeten aufzutreiben. Marshall Cooper ist das Projekt eines Bläser-Impresarios mit dem vollkommen unfunkigen Namen Manuel Hilleke, doch was Mr. M hier auf Beine und Bühne gestellt hat, bingo, Freunde der Tuba, das ist großes Kino. Und der Professor weiß ausnahmsweise, wovon er schreibt, war er doch einst an den Ufern des Mississippi gestrandet und für eine halbe Ewigkeit verschollen und versumpft in den Kaschemmen im Delta der Depressionen. Backseat Lover ist ein Konzeptalbum, zu jedem Song hat das Bläserkollektiv ein Filmplakat im Booklet entworfen – Musik zu nie verfilmten Geschichten, auf die Idee muss man erst einmal kommen. Und das auf höchstem Niveau, Mesdames et Messieurs, man möge Marshall Cooper wünschen, dass Tarantino das Werk in die Hände bekommt und die richtigen Schlüsse daraus zieht. Mariachi-Trompeter, Louisiana-Posaunen, Swing-Piano und dazu Film-Samples und Old-School-Scratching von DJ Mahmut, der schon am Plattenteller der ebenfalls deutschen Brassband Mardi Gras bb stand – das ist wahlweise fett oder krass, man möge mir das juvenile Geplapper verzeihen. Anspieltipps: „Everglade“, „Porque Te Vas“ und „Don’t Let Her Daddy Know“.

Puta Madre Brothers – Amor Y Basura

Puta Madre Brothers – Amor Y Basura
CD/LP/DL, Rookie Records

Please put your hands together, my friends, for the unforgettable and totally crazy bastards of the Puta Madre Brothers … Entschuldigt meinen Einwurf in Altdänisch, Genossen, aber bei dieser Gruppe tanzen die Synapsen Ringelpiez mit Anfassen. Es handelt sich, da darf ich alle Ahnungslosen aufklären, laut Selbstbezichtigung um „The world’s biggest One-Man-Band Band“. Das macht durchaus Sinn: Drei Männer, drei Gitarren, drei Drumsets. Dazu jede Menge Haarpomade, Leuchtdioden in mexikanischen Fantasieuniformen und die schwärzesten Koteletten, die die Welt je sah – das ist das Trio der Puta Madre Brothers. Tatsächlich kommt die durchgeknallte Truppe aus dem australischen Outback, scheint sich aber seit Jahren mit einer kollektiven Identitätskrise herumzuschlagen und gibt vor, eine Texmex-spielende Mariachi-Kapelle aus Mexiko zu sein, singt in einem für jedes Ohr unverständlichen Kauderwelsch. Die Musik? Lieder über Schwiegermütter, hässliche Hunde und Väter, die man gerne gehabt hätte. Hört Euch nur das treibende „Un Anciano“ oder das düstere „The Next Horse“ an, das ist Blues-Country-Texmex-Soul aus der Vorhölle des Verstandes. Amor Y Basura („Liebe und Müll“) ist die dritte CD nach den wegweisenden Werken Queso Y Cojones („Käse und Eier“) und A Long Long Way To Meximotown. Das Ganze klingt, als hätte Tarantino während eines wirklich sehr, sehr schlechten Trips in der Wüste von Mexiko einen Spaghetti-Western mit Klaus Kinski und Darth Vader gedreht. Zu den Fans der Brüder gehören Kinky Friedman und Neneh Cherry. Noch Fragen?

John Monday – High V

John Monday – High V
CD, Eigenverlag

Verehrte Kulturagnostiker, in des Professors Brust lodert nicht nur das Fernweh, no, sir, es bebt dort das Herz für den Heimathafen. So möchte ich nun Worte verlieren und sogleich wiederfinden, und zwar Worte der Freude. Als populärmetaphorisch orientierter Rhythmikwissenschaftler Marke Eigenbau soll es jetzt also nicht um australische Mexikaner oder schwedische Ghetto-Funker gehen. Nein, bei der Lektüre der örtlichen Tagespostille erwischte mein Auge jüngst ein paar Zeilen zu einer Musikgruppierung mit Namen John Monday. Ein Quartett aus holy Hamburg, und ist dies Örtchen an den Ufern der Elbe im hohen Norden nicht letztlich der altweltliche Gegenentwurf dessen, was New Orleans tief unten im Süden hinterm Deich am Mississippi darstellt? Ein alter Flussweiler mit genügend Siff und Sünde, worauf aber so manch Interessantes gedeiht. Unter anderem John Monday, ein Quartett, das so eine Art Surf-Rock-and-Roll-Pop spielt. Ursprünglich als Akustik-Duo gestartet, dann aufgestockt mit zwei Studenten der Hamburg School of Music, dreht man heute die Regler voll auf. Die nun vorliegende Kurz-CD hat fünf Songs und heißt daher auch High V. Man merkt den vieren zwar an, dass ihre Karriere erst bei Montag und noch lang nicht bei Freitag angekommen ist, der Eröffnungssong „Don’t Take It Too Far“ ist unfreiwillig programmatisch und schrammelt knapp am Jugendzentrums-Rumms vorbei, doch „Behave“ nimmt Fahrt auf, das ist Rockabilly mit Beatsticks- und Madness-Anleihen. Und „Rock ’n’ Roll“ vereint Neo-Western-Soundtrackvibes mit Datschaparty-Beats, Texmex und Surf-Gitarre. Der Professor ist gespannt, was da noch kommt.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 23 (1/2016)

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