Audes – Handfeste Überraschungen am äußersten Rand von Europa

Auf ins Baltikum, nach Estland, Treffpunkt: Tallinn. In Estlands Hauptstadt, aber auch in der Provinz produziert ein Unternehmen hochwertiges HiFi, das zunehmend auch im Westen begehrt ist. Das ahnt nur kaum jemand. FIDELITY ist zu Besuch bei Audes.

Von Jõhvi nach Tallinn sind es rund 170 Kilometer. Die einfache Fahrt aus der östlichen Provinz in die Hauptstadt Estlands dauert mit dem Auto rund zwei Stunden. Igor Tjurin kennt hier jeden Baum, und davon gibt es viele in Estland. Der Mann mit dem markanten Schnurrbart fährt die Strecke oft. Denn in Tallinn trifft sich Igor regelmäßig mit dem Chefentwickler seiner Firma. Der tüftelt dort im akustisch präparierten Hörraum an serienreifen Prototypen oder optimiert bestehende Produkte – meistens Lautsprecher, manchmal Röhrenverstärker.

FIDELITY zu Besuch bei Audes in Estland

Vor ein paar Jahren, erzählt Igor auf unserer Fahrt von Tallinn in Richtung Jõhvi, ist ihm auf einer dieser Touren ein Elch in die Quere gekommen. In dieser Ecke Europas – nördliches Baltikum, südlich von Finnland – gibt es viele Elche. Alle Beteiligten hatten bei der unsanften Begegnung Glück im Unglück, nur Igors alter französischer Minivan war endgültig schrottreif. Es war mal wieder Zeit für eine sinnvolle Investition. Er kaufte einen bestens erhaltenen, vor allem aber größeren und stabileren Van, made in Sweden. Und die Zukunft sah wieder freundlich aus.

Mit sinnvollen Investitionen kennt sich Igor Tjurin aus. Er hat es geschafft, den Ex-Staatsbetrieb „Es-tonia“ – damals erste Adresse für sowjetisches HiFi, Trafos und Messgeräte – in ein funktionierendes, nicht subventioniertes Privatunternehmen zu verwandeln und taufte seine Firma auf den Namen „Audes“, ein Kürzelmix aus Audio und Estonia (Estland).

Das war vor gut 20 Jahren. Audes ist heute die einzige mittelständische Firma der einst riesigen UdSSR-Audiobranche (10 Millionen HiFi-Anlagen pro Jahr!), die sich im freien internationalen Markt behaupten konnte. Audes (bzw. Estonia) hatte seinen Hauptsitz bereits 1985 von Tallinn ins beschauliche Jõhvi verlegt. Meine Vermutung, der Ortsname werde so ähnlich wie „Chauvi“ ausgesprochen, ist übrigens komplett falsch: Man spricht es „Jeächwe“ aus, mit kurzem „-we!“ Als wir also in Jõhvi eintreffen und im Audes-Konferenzraum einen ersten Kaffee trinken, bitte ich die Herren Tjurin zum Diktat. Igor und Aleksij Tjurin sprechen nacheinander das bezaubernde Wort ins Mikrofon. Ich liebe solche Tondokumente.

Igor freut sich, dass sein ältester Sohn Aleksij, kurz: Alex, in seine Fußstapfen treten will. Igor, 1960 nahe Moskau geboren und studierter Wirtschaftswissenschaftler, schickte Alex zum Studium nach England, auf die renommierte University of Southampton, wo der 23-Jährige kürzlich einen Abschluss in „Acoustics“ machte. Der jüngere Bruder, Daniil, ist am heutigen Tag zwar ebenfalls in der Firma, doch der 18-Jährige absolviert bei Audes lediglich einen Ferienjob. Er hat gerade die Schule abgeschlossen und will Medizin studieren. Mit HiFi oder Lautsprechern hat Daniil nicht viel am Hut; mit der Steuerung einer CNC-Fräse hingegen schon …
Igor winkt zum Rundgang durch die Firma. Audes verspricht einen spannenden Mix aus Alt und Neu, Tradition und Moderne, Handwerk und Hightech.

FIDELITY zu Besuch bei Audes in Estland

Vom Konferenzraum, wo ganz nebenbei auch ein paar interessante Lautsprecher- und Röhrenverstärker-Prototypen stehen, schreiten wir durch lange Flure mit nüchternem Linoleum-Charme, biegen um etliche leicht bröckelnde, aber auch um frisch verputzte Ecken, winken kurz den Damen in der Buchhaltung zu, trippeln eine Treppe hinunter und überqueren schließlich den Hof bei skandinavisch-sommerlicher Sonne, hinüber zu einer der Produktionshallen.

In der ersten Halle hat Igor in letzter Zeit einige neue Maschinen zur Holzverarbeitung installieren lassen, was Qualität und Quantität vieler Audes-Produkte zugute kommt. Für eine kleine Demonstration versammeln wir uns um die jüngst erworbene Fünf-Achsen-CNC-Fräsmaschine.

Ein paar Meter weiter links sind einige sichtbare Ergebnisse der professionellen Präzisionsmaschine gestapelt. Elegant angephaste MDF-Teile warten auf den baldigen Weitertransport. Noch kann sich der zuständige Gabelstapler hier recht frei bewegen, rundherum ist in dieser Halle genügend Platz für kommende Erweiterungen. Ein hohes Schwerlastregal, das mit reisefertigen Lautsprechergehäusen gefüllt ist, weist schon mal in die richtige Richtung.

Anderswo auf dem Firmengelände steht nicht (mehr) ganz so viel Platz zur Verfügung. In der hausei-genen Spulenwicklung zum Beispiel – Audes verfügt über eine bisweilen verblüffende Fertigungstiefe – stehen die Maschinen schon deutlich dichter gedrängt. Hier herrscht geschäftiges Treiben. In der hintersten Ecke, in seiner eigenen kleinen Werkstatt, feilt ein großer dünner Mann im blauen Arbeitskittel an einem eingespannten Aluminiumstück. Ja, sagt Igor, Audes ist auch für die eigene Metallverarbeitung wohlbekannt. Und sein Mann in der kleinen Werkstatt, mit der Vergrößerungsbrille auf dem Kopf und der Feile in der Hand, der ist für Sonderanfertigungen und Prototypen zuständig. In einer Art Nebenhalle scheint die Zeit aber ein wenig stehen geblieben zu sein. Die hellgrünen, übermannshohen Stanz-, Falz- und Pressmaschinen – viele noch aus sowjetischen Zeiten – stehen heutzutage eher still, werden nur noch selten angeworfen, funktionieren aber bestens.
Überhaupt sei Audes, so Igor weiter, zwar vorrangig in der Audio-Industrie verwurzelt, man bediene aber auch noch andere Geschäftszweige, in denen Spulen, Magnete, Blech und Holz gefragt sind. Und ja, man führe auch Spezialaufträge nach Militäranforderungen aus. Mehrere Standbeine seien für das Unternehmen halt besser als nur ein einziges. Und dann gleich ein Firmencredo hinterher: Know-how und Top-Qualität sind weltweit gefragt, flexibles Reagieren auf Kundenwünsche ebenso. Und in diesen Punkten fühle er sich mit Audes sehr gut aufgestellt. Er versuche einfach immer, seinen Kunden – und sich selbst natürlich – eine bessere Qualität als die der Konkurrenz anzubieten.

FIDELITY zu Besuch bei Audes in Estland

Zurück in der Trafohalle: Erkennbar werden hier die unterschiedlichsten Größen von Spezial- und Schwingspulen, von Übertragern und Transformatoren sorgfältig gewickelt und bearbeitet: von winzigen Spülchen über Drucksensoren mit Magnetventil bis zu einer Art „Trafozilla“, den ich mir kaum in einer üblichen HiFi-Anwendung vorstellen kann. Oder ist das extremes High End? Igor lächelt verschmitzt. Na, dann wohl eher nicht. Völlig eindeutig hingegen ist das fertige Bauteil zuortbar, das eine robuste Dame mit Schutzkittel und Schutzbrille gerade aus einer rechnergesteuerten Drehbank herausschraubt: Hier entstehen Lautsprecher-Körbe und -Magnete in feinster Qualität, die später in einer sehr renommierten Marke eingesetzt werden – dann sicherlich als Eigenentwicklung und „aus eigener Fertigung“ gepriesen, das kennen wir ja schon. Ich werde schweigen können. Und fotografiere nicht.

Vorbei an einem ganzen Raum voller vorgefertigter Frequenzweichen landen wir schließlich bei einer jungen Dame, die – weitläufig umgeben von diversen Lautsprecherkörben, Membranen und Phaseplugs – ihrer Montagearbeit nachgeht. Sie schaut nicht einmal hoch, als ich den Kamerablitz quäle, so konzentriert ist sie bei der Sache. Am anderen Ende des Raumes sitzt eine fröhliche Kollegin an einem weißen Tisch und crimpt Lautsprecherkabelstücke. Und auch deren Werkstücke sehen tadellos aus.

Ein Durchgang führt in eine mittelgroße Halle, vielleicht 300 Quadratmeter groß, in der verschiedenste Lautsprechergehäuse entstehen, für den Eigenbedarf, aber auch für diverse Auftraggeber. Und so mancher OEM-Kunde legt auch hier keinen gesteigerten Wert darauf, in Wort oder Bild zu erscheinen. Auf einem langen Transportband werden gerade flache Lautsprecher mit sehr vielen Chassis bestückt:
OEM-Fertigung für eine „On-Wall-Company“, die gerade eine „Präsidentenwohnung“ mit einem offenbar ambitionierten Mehrkanalsystem auszustatten hat …

FIDELITY zu Besuch bei Audes in Estland

Ein echtes Glanzstück von Audes ist, im wahrsten Sinne des Wortes, die hauseigene Lackiererei. Insbesondere die Spezialisten für die Hochglanzveredelung genießen ein ruhiges Arbeitsklima und polieren tagaus, tagein an wunderschönen Holzgehäusen herum, bis auch der kritischste Blick nichts mehr zu meckern hat. Und, hey, das da hinten sind doch die Gehäuse von, ääh … – Ja, genau, unterbricht Igor verschmitzt. Fotografierverbot? Yep.
Auf dem Weg hinaus an die frische Luft entdecke ich noch eine schneidernde Dame, die Akustik-Elemente mit individuell bedrucktem Stoff bezieht. Derzeit scheint die Bestellung eines Filmposter-Fans bedient zu werden …
70 Leute arbeiten derzeit bei Audes, und Igor betont, dass er aufgrund dieser Verantwortung das heikle Thema „Super-High-End“ lieber anderen überlässt, etwa der kleinen Manufaktur Estelon, die drüben in Tallin von Alfred Vassilkov (ein ehemaliger Audes-Entwickler) geführt wird. Rein zufällig ist Estelon im gleichen, vollkommen schmucklosen Gebäude untergebracht wie das Audes-Entwicklungslabor. Und genau dahin wollen wir noch. Also auf nach Tallinn.

Bevor wir den Weg zurück in die Hauptstadt antreten, zeigt Igor uns noch den wirklich beeindruckenden „Kontserdimaja“, den Konzertsaal von Jõhvi. Der klingt viel besser als das neue Nokia-Konzerthaus drüben in Tallinn! Igor geht gern ins Konzert, liebt großorchestrale Klassik, schätzt besonders die großen, schweren Werke von Rimsky-Korsakov, Tschaikovsky oder Prokoviev. Und große Orchester will er auch mit einer guten HiFi-Anlage erleben können: „Wenn ein HiFi-System solche Musik gut wiedergeben kann, dann kann es alles andere auch!“

Auf dem Rückweg nach Tallinn legen wir noch einen kleinen Zwischenstopp in einem rustikalen „Country Club“ ein, mit Kaffee, Kuchen und WLAN. In der Tat ist Estland bestens mit Internetzugängen versorgt, praktisch überall kommt man problemlos ins Netz. Was später in Tallinn offensichtlich aber niemanden abhält, bei einigermaßen gutem Wetter einfach auszugehen. Auf den Straßen und Plätzen herrscht fast schon mediterranes Flair, durchsetzt von coolem skandinavischem Einfluss. Auf den Hügeln über der Stadt, in den zahlreichen Cafés, Clubs und Kneipen der Altstadt, vor einer riesigen Livebühne tummeln sich die Leute.

FIDELITY zu Besuch bei Audes in Estland

Das Entwicklungslabor von Audes liegt ein wenig entfernt, direkt an der Finnischen Bucht in einem Gewerbegebiet. Hier geht es wieder sehr nüchtern und sehr gewissenhaft zu – wenn man einmal davon absieht, dass zwischen vielen unlackierten Lautsprechern und einigen Prototypen eines neuen Röhrenverstärkers von Audes auch ein paar Perkussions- und Saiteninstrumente zu entdecken sind. Denn Entwicklungsleiter Nikolai Shushkevich, der hier normalerweise in aller Ruhe an der klanglichen Feinabstimmung von Audes-Komponenten feilt und eine stämmige Referenzanlage aus Theta- und Lamm-Elektronik betreibt, hat ebenfalls ein großes Herz für Live-Musik. Und da ist es gut, immer wieder mal die Originale zum Vergleich heranzuziehen. Danke, Igor. Ein wahres Wort zum Abschied.

Erst auf dem Heimflug nach München fällt mir auf, dass ich auf all den Kilometern keinen einzigen Elch zu Gesicht bekommen habe.

 

www.audes.ee
www.tcg-gmbh.de

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