Hornkultur CornoRapido. Ich bin gar kein Horn!

Natürlich ist die CornoRapido von Hornkultur ein richtiges Horn. In mancherlei Hinsicht verleugnet sie diese Gene allerdings gründlich. Was ihr durchaus zum Vorteil gereicht

Um es vorweg zu nehmen: Die CornoRapido des deutschen Herstellers Hornkultur ist ein Hornlautsprecher. Ein Vollbereichshorn sogar. Letzteres mag man ihr nicht direkt zutrauen, da sie für diese Spezies geradezu unverschämt klein auftritt. Gemessen an „normalen“ Lautsprechern sind 122 Zentimeter natürlich ein Wort, für ein echtes Vollbereichshorn ist das – wie schon erwähnt – nichts. Denn gerade das Horn für den Tiefton kann erschreckende Ausmaße annehmen. Im Internet finden sich unzählige Bilder von Basshörnern, um die anschließend das Haus gebaut wurde.

Joachim Bembennek, der Chef von Hornkultur, wollte wohnraumfreundliche Maße und schnellen Antritt auch im Bass unter einen Hut bringen und suchte lange nach einem geeigneten Konzept und dem dazu passenden Treiber. So entstand die CornoRapido, bei der (ist das eine Premiere?) ein Tiefmitteltöner aus Keramik von Accuton auf ein Backloaded Horn arbeitet. Für die eher kleine Rückkammer und die daraus resultierende vergleichsweise hohe, von hinten auf die Membran wirkenden Federsteife ist ein Chassis mit möglichst steifer Membran und starkem Antrieb vonnöten. Andernfalls käme es zu deutlichen Intermodulationsverzerrungen. Und so führte die Suche zu dem für Hörner durchaus ungewöhnlichen Chassis aus Pulheim nahe Köln. Bembennek ist davon restlos begeistert und attestiert diesem Treiber in Verbindung mit seinem Konzept eine exemplarisch gute Detaildarstellung und müheloses Dynamikverhalten. Ich bin gespannt.

Mein Interesse wird natürlich von der Position der Treiber und des Hornmundes geweckt: Das Basshorn öffnet um das Hochtonhorn herum, woraus sich eine für Hörner ungewöhnlich dicht beieinander liegende Positionierung der drei Schallquellen ergibt. Für Bembennek ist der hohe Hornmund ein weiterer Vorteil, da sich so die Raummoden nicht so leicht anregen lassen sollen. Nun gut, in gut 120 Zentimetern Höhe ist die Chance etwas geringer, eine Überhöhung zu treffen als direkt am Boden. Letztlich bewahrt einen aber auch diese Konstruktion nicht vor der idealerweise messtechnisch gestützten Suche nach dem Idealen Standort.

Das Hochtonhorn ist aus massivem Holz gedreht, sauber verarbeitet und mit Sicherheit nicht günstig zu bekommen. Ebenso wenig wie der daran angeschlossene Treiber des Profiausstatters BMS. Dazu eine Innenverkabelung von Vovox, ein in der Nähe von Köln „von einem hifi-verrückten Schreiner“ gefertigtes Gehäuse mit ordentlichen MDF-Wandstärken und einer sauber furnierten Multiplexfront sowie teure Weichenbauteilen von Mundorf – es ist offensichtlich, dass man hier eine Menge edles Material für sein sauer verdientes Geld bekommt. Die Verarbeitung ist übrigens erstklassig, selbst in der rückwärtigen Rundung lassen sich keine Unregelmäßigkeiten erkennen.

Nun ist die CornoRapido ein Lautsprecher, der nicht so recht in eine Schublade passen will. Für knallharte Hornfans dürfte der Wirkungsgrad mit offiziellen 93dB deutlich zu niedrig liegen, zudem könnten sie den Schallwandler aufgrund seiner vergleichsweise zahmen Physis vielleicht sogar übersehen. „Normalkunden“ wiederum wagen sich erfahrungsgemäß an solche Konzepte nur mit Vorsicht heran. Das Thema Horn ist immer noch mit vielen Vorurteilen belastet – die leider allzu oft auch eingelöst werden.

Daher erscheint mir die Suche nach dem Modellkunden für diesen Lautsprecher interessant: Vielleicht ein Musikhörer, der etwas mehr Abenteuer als mit „normalen“ Lautsprechern erleben möchte, allerdings nicht über ein eigenes Musikzimmer (oder Haus!) zur Installation eines wirklich großen Horns verfügt? Oder jemand, der die Vorzüge von Hörnern lange genug erlebt hat, um darauf verzichten zu können, der aber dennoch am Ende seiner Leidensfähigkeit angekommen ist? – Man könnte die CornoRapido also als eine Art „arrivierten“ Hornlautsprecher bezeichnen, der durchaus als Alternative zu herkömmlichen Konzepten gesehen werden will. Denn die Lockerheit, mit der die Hornkultur am Gas hängt, findet sich bei den üblichen Verdächtigen nur bedingt.

Bei der Aufstellung musste ich eine Weile experimentieren, um die beste Performance zu erreichen. In meinem Raum spielten die Cornos mit deutlich größerer Basisbreite als die meisten anderen Lautsprecher und zielten letztlich genau auf den Hörplatz. Einige Hornfans gaben mir den Tipp, die CornoRapido nicht so weit einzuwinkeln. Prinzipiell fände ich das allerdings schon seltsam. Wozu wähle ich einen besonders gerichtet strahlenden Lautsprecher, wenn ich mich dann außerhalb seiner effizientesten Wirkzone platziere? Außerdem lässt sich die Hochtondosis über ein gerastertes Poti justieren, was in meinem Raum jedoch nicht nötig ist. In der Stellung „0“ stehen weder Hoch- noch Tiefton über. Ausprobiert habe ich es dennoch und bin wegen der griffigeren Darstellung zur direkten Variante zurück gekommen.

Korrekt platziert und angeschlossen überraschen die CornoRapido bei den ersten Tönen, denn sie klingen verblüffend – normal. Kein Horntröten, keine aggressiv überhöhten Frequenzbereiche, nein, eigentlich klingt alles ganz wie gewohnt. Nur etwas fixer. Und das ist für eine solche Konstruktion schon ein ordentliches Kompliment.

Erst nach genauerem Hören lassen sich einzelne Charaktereigenschaften festmachen. Gerade bei prominent eingefangenen Schallereignissen wie einer Sängerstimme, kommt das Klangbild deutlich auf den Hörer zu. Ich höre es bei Al Jarreau und George Benson. Hier wird die Band auf Ebene der Lautsprecher, der Sänger deutlich davor abgebildet. Das ist eine nicht ganz übliche Art, den Raum einzuteilen, schafft aber fraglos eine sehr involvierende Atmosphäre. Glücklicherweise werden die einzelnen Klänge nicht zu scharf umrissen, was bei einer solchen Dichte schon zu viel des Guten sein könnte. Jeder Ton hat um seinen Kern herum eine Art „Aura“, was die einzelnen Phantomschallquellen etwas „ineinander laufen“ lässt. Nicht unbedingt das Ideal der tonmeisterlichen Arbeit, in diesem Fall aber durchaus hilfreich.

Den kleinen Tieftöner habe ich schon angesprochen. Joachim Bembennek hat offensichtlich eine gute Wahl getroffen, denn gerade im Grundton vollbringt sein Lautsprecher Beachtliches. Es ist wirklich selten, dass tiefe Signale von Kontrabässen oder großen Trommeln auch mit Verstärkern kleinerer Leistung so differenziert und mühelos dargestellt werden. Dabei bilden die CornoRapido nicht nur die Transienten, sondern auch und gerade das feine Ausschwingen der Töne im Raum minutiös ab. Leise Kontrabasspizzicati in großen Orchesterbesetzungen stellen Lautsprecher gemeinhin vor größere Probleme. Nun gut, irgendein „Polpp“ bekommt jede Box hin, allerdings merkt man erst mit wirklich guten Schallwandlern, was auf der Aufnahme offensichtlich noch alles vorhanden ist. Der Anfang von Tristan und Isolde bietet sich hier beispielsweise an, wobei es mir schon etwas bedenklich erscheint, eine solche Musik zum Testsignal zu degradieren. Ich mache es dennoch – Ihnen zuliebe – und stelle fest, dass die Pizzicati nicht nur sauber abgebildet werden, sondern auch noch unterschiedliche Spieler in der Gruppe erkennbar werden. Minimale zeitliche Verschiebungen, die es in jedem Register gibt, werden von diesem Horn mühelos dargestellt, was den vermeintlichen „Bassklumpen“ vorne rechts in verblüffendem Maße auffächert.

Ganz nach unten hin blenden sich die Lautsprecher dann aus. Der Hersteller gibt als -3dB-Punkt 45 Hertz an, und darunter wird es dann auch recht zügig weniger. Das wohlige Drücken tiefster Bässe in der Magengrube entfällt, was eigentlich kaum ein Verlust ist, da es ohnehin nur wenige Instrumente gibt, das dies vollbringen. Möchte man diesen Effekt dennoch erleben, verweist Bembennek auf einen Dipol-Subwoofer, der in Kürze vorgestellt werden wird. Im Grundton jedenfalls vollbringt dieser Lautsprecher das Kunststück, äußerst fein und differenziert zu Werke zu gehen, ohne indes Wärme vermissen zu lassen oder gar ausgezehrt zu klingen. Eine gekonnte und erfreuliche Abstimmung!

Ich bin kein Routinier, wenn es um Hornlautsprecher geht, dafür habe ich natürliche Klänge sehr gut im Ohr. Jedes Horn, das ich bisher hören durfte, quälte ich früher oder später mit einer eher direkt mikrofonierten Opernaufnahme. Und faktisch quälte ich damit eher mich als die Boxen, denn was mir in den allermeisten Fällen an Verfärbungen entgegen geschleudert wurde, war nicht lange aushaltbar. Diese neuen Modelle von Hornkultur geben die löbliche Ausnahme, weshalb ich sie eingangs auch als „normal“ klingend bezeichnete – und das absolut positiv meine. Egal ob eine ältere Tosca mit Callas und Victor de Sabata (EMI LP), Karajans Ringaufnahme auf DGG Vinyl oder René Jacobs neue Lesart der Zauberflöte: Bei der CornoRapido schmerzt rein gar nichts, sie benehmen sich fast so brav wie ein britischer Monitorklassiker.

Die CornoRapido von Hornkultur machen es mir schwer, denn sie wollen in keine der gängigen Schubladen passen. Tonal agieren sie sauberer als andere Hörner, andererseits spielen sie lockerer und „schneller“ als konventionelle Lautsprecher. Ein interessanter Kompromiss, der nicht ganz günstig zu haben ist.

www.horn-kultur.de

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