Jazzidelity: Philip Catherine & Martin Wind – New Folks

Eleganz mit Gänsehaut

Philip Catherine & Martin Wind – New Folks

Philip Catherine & Martin Wind – New Folks
CD, ACT

In den siebziger Jahren tauchte der Name Philip Catherine plötzlich überall auf. In der Rockband Focus wurde der Anglo-Belgier zum Nachfolger von Jan Akkerman, mit Larry Coryell spielte er virtuose akustische Jazz-Duos, bei Klaus Doldinger und Jasper van’t Hof stieg er in die elektrische Fusion-Musik ein. Aber was er auch spielte, ob Fusion, Rock oder Jazz, ob elektrisch oder akustisch, ob Uptempos oder Balladen: Seine Gitarre besaß diesen ganz eigenen Tonfall, diesen warmen, singenden Seelenton, diese etwas nostalgische Eleganz, diesen Anflug von Gypsy-Jazz und Swing-Musette. Der genialische Charles Mingus nannte ihn „Young Django“. Und Young Django hieß auch das Album, auf dem der Gitarrist 1979 Django Reinhardts ehemaligen Partner Stéphane Grappelli begleitete.

Philip Catherine, heute 71 Jahre alt, hat den amerikanischen „Way of Jazz“ immer gemieden. Sein Spiel blieb europäisch, eigenwillig, anders. Ein Studium in Berklee brach er einst ab. Es gab Zeiten, da wollte er sogar überhaupt keinen Jazz mehr spielen. Dann wieder wollte er keinen Rock mehr spielen. Er ging seinen eigenen Weg, den Philip-Catherine-Weg zwischen den Stilen. Ein Folk-Swinger, ein Django-Rocker, ein Musette-Groover, ein Rhythmus-Poet. Der ideale Partner für große, alle Grenzen überwindende Stilisten wie Chet Baker und Charlie Mariano.

Philip Catherine & Martin Wind

Philip Catherine

Lange hat man Philip Catherine nicht mehr so „pur“ gehört wie auf dem neuen Album New Folks. Kein Bläser lenkt hier ab, kein Klavier, kein Schlagzeug. Nur ein akustischer Bass unterstützt ihn, gespielt vom großartigen Martin Wind aus Flensburg, der auf der New Yorker Szene viel bekannter ist als hierzulande. Gitarre und Bass, sie werden eins: ein 10-saitiges Instrument für vier Hände. Und gehen gemeinsam den Philip-Catherine-Weg zwischen den Stilen: erdig swingend im alten Standard „Old Folks“, frisch boppend in Dexter Gordons „Fried Bananas“, feinsinnig kühl in Catherines George-Shearing-Tribut „Hello George“ oder elektrisch laut in Oscar Pettifords ungekünsteltem „Blues In The Closet“. Der Gitarrensound changiert zwischen fast akustisch, jazzig weich und Chicago-Blues, der Bass brilliert als Walker, Harmoniker, Solist – auch mit dem Bogen. Und Catherines Django-Feeling zündet und rührt noch immer: Selbst im virtuosesten Moment swingt da stets ein Splitter Lyrik mit. Deshalb – und weil seine Soli diesen unwiderstehlich logischen Sog entfalten – wird man nie müde, Catherines Improvisationen zu lauschen. Sie sind der musikalische Inbegriff für wohlige Gänsehaut.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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