Clearaudio MC Essence – Silber ist das neue Schwarz

Clearaudio nimmt einen soliden Tonabnehmer, macht ihn „jetzt noch besser“ und präsentiert die Essenz des MC Concept. Das will ich hören!

Ein bisschen ist das wie bei Persil. Denn, was sicher nicht mehr alle Semester unserer Leserschaft wissen: Da weiß man nicht nur, was man hat, sondern es ist regelmäßig auch immer „jetzt noch besser“.
Wenn man also bereits mit Persil wäscht – pardon, das Basis-Modell täglich in Gebrauch hat, macht dieses Versprechen natürlich neugierig. Gott sei Dank ist Helmut Hack bekannt, dass ich eben jenes MC Concept betreibe. Bisher war ich damit auch durchaus zufrieden. Das System liefert dynamische und detailgetreue Signale mit einer angenehmen Räumlichkeit. Nun gibt der Hersteller, ganz im Henkel’schen Sinne, bekannt, dass er auf Basis dieses seit Jahren erfolgreich verkauften Systems eine weitere Steigerung erreichen konnte. Und so steht unser Chef vom Dienst nach kurzer Rücksprache bald mit einem hübschen braunen Kistchen in meinem Audio-Zimmer.
Das ist schon etwas anderes als der Blister, in dem sein kleiner Bruder daherkam. Das MC Essence reist in einem edlen Vollholz-Kästchen an, groß genug, um 432 Exemplare des Systems aufzunehmen. Rein rechnerisch zumindest. Angemessen geschützt durch ein sauber zugeschnittenes Schaumgummi-Inlay, thront das edle Stück unter einer staubdicht anmutenden Plexiglas-Pyramide. Was für ein Auftritt!
Vergleicht man meine Kette mit den Teilnehmern einer Reality-Show auf einer einsamen Insel oder mit dem Dschungel-Camp, dann repräsentiert mein Jelco-Tonarm sicher die 40-jährige Hausfrau: unscheinbar und etwas verloren unter all den schillernden Persönlichkeiten, aber solide und immer zuverlässig. Dank einer zweiten Headshell ist das MC Essence schnell montiert und justiert. Und mithilfe des beim Jelco vorhandenen Bajonett-Verschlusses lässt sich das System schnell gegen mein MC Concept aus- und vor allem später auch wieder zurücktauschen. Das Auflagegewicht justiere ich für beide Systeme penibel auf die empfohlenen 2 Gramm, die Abschlussimpedanz bilden vorerst recht niedrige 100 Ohm.


Nun will so ein System bekanntermaßen eingespielt werden und gibt mir damit Gelegenheit, zum Auftakt einfach etwas Musik zu hören, bevor ich mich an genaue akustische Analysen mache. Das ist zwar keine unangenehme Aufgabe, aber in nur vier Wochen auf 60 bis 80 Stunden Einspielzeit zu kommen wird dennoch zu einer Herausforderung. So greife ich unspezifisch in die Plattensammlung und höre, was ich gerade mag. Dabei fällt mir auf, dass das MC Essence direkt aus der Packung – Verzeihung, Schatulle – bereits sehr detailliert und präzise spielt. Das System ist schnell und exakt, insgesamt aber noch etwas schüchtern, eventuell sogar gedämpft, dabei durchaus mit präziser Räumlichkeit. Das lässt hoffen.
Doch wie genau will eigentlich Clearaudio, das gar nicht mehr so kleine Familienunternehmen aus Erlangen, aus den gleichen Bauteilen ein hörbar besseres System machen, quasi die Essenz des MC Concept an den Tag bringen? Robert Suchy erklärt mir die Details: Das System besteht zwar aus den gleichen Bauteilen, aber sie werden exakter und aufwendiger justiert. Diamant, Nadelträger und Generator werden aufs Genaueste montiert, geprüft und eingestellt. Insbesondere der Sitz des Generators wird bis zu drei Mal modifiziert, bis alles passt. Pro Abtaster sind das locker zwei bis drei Stunden zusätzliche Arbeit. Am Mikroskop, versteht sich. Messbar ist dieser Aufwand übrigens durchaus. Im Gegensatz zum MC Concept bietet das MC Essence eine um 2 Dezibel gesteigerte Übersprechdämpfung von insgesamt mindestens 32 Dezibel und eine um 0,2 Dezibel geringere Kanalabweichung von maximal 0,3 Dezibel. Dabei hat sich mein ursprünglicher Verdacht, dass diese geringere Abweichung auf rigoroser Materialselektion beruht, nicht bestätigt. Wie gesagt findet sie sich in der noch exakteren Ausrichtung der Generatorspulen im Magnetfeld begründet. Zumindest einen Unterschied im Material gibt es aber doch: Das Gehäuse des Essence besteht aus einem etwas härteren und möglicherweise resonanzärmeren Duraluminium als das des Concept. Und natürlich ist das MC Essence auch anders eloxiert. Silber ist eben das neue Schwarz.

Clearaudio MC Essence
Also alles da, jede Menge Fakten, Fakten, Fakten. Ich bin ein Freund von Fakten, sind sie doch immer wieder dankbar zu widerlegende Grundlage nächtelanger Diskussionen in whiskyvernebelten Rauchschwaden. Doch in meiner Kette interessiert mich letztendlich immer nur eins: Wie hört sich das an? Und in diesem speziellen Fall: Kann man den zusätzlichen Aufwand allein bei der Fertigung eines Systems wirklich hören?
Das MC Essence hat sich in den letzten Wochen auf jeden Fall hörbar verändert. Nach inzwischen rund 60 Stunden hat es sich oben herum deutlich frei gemacht. Es klingt fröhlich, präzise und offener, klarer und deutlich dynamischer als zu Beginn seiner Einspielzeit. In meine empfindliche und detailverliebte Kette fügt es sich sehr gut ein und bereitet mir schon beim lockeren Genusshören viel Freude.
Nun wird es aber Zeit für den direkten Vergleich. Die Musikauswahl kristallisierte sich schon in der Einspielzeit heraus, sodass ich diesmal recht genau weiß, welche Tracklist ich für den Vergleich der Systeme hören will.
Ich beginne mit „Let It All In“ von I Am Kloot. Und ja, da ist es. Eindeutig. Der Verdacht, der sich schon während des Einspielens mit diesem – wie immer bei der englischen Band hervorragend abgemischtem – Album auf schwerem Vinyl angedeutet, ja aufgedrängt hat, bestätigt sich: Das Essence spielt einfach ein wenig freier. Obertöne, vor allem der Gitarre, aber auch des Basses schwingen besser hörbar nach, verleihen der Musik mehr Raum und Glanz. Das Schlagzeug kommt etwas knackiger, gerade die Snare weniger gedämpft, spürbar präziser. Die Bass Drum weich und matt, aber detailliert und nuanciert. Das ist beeindruckend für ein materialgleiches System. Wobei man das Gehäuse in dem Zusammenhang nicht vernachlässigen darf. Eine erhöhte Steife und damit weniger Resonanzen decken sich durchaus mit den gehörten Phänomenen.


Doch nun zu etwas Komplexerem. „Snoopy’s Search“ von Billy Cobhams 1973er Debütalbum Spectrum beginnt mit den in den Siebzigern aufkommenden und schon fast obligatorischen Synthesizer-Spielereien. Danach setzt ein grooviger und warmer Bass ein, der mit dem Essence erneut hörbar voller klingt. Der Dialog zwischen der deutlich verfremdeten E-Gitarre und dem Keyboard ist harmonisch, die beiden Instrumente teilen sich die Bühne, ohne die Einheit des Stückes zu zerlegen. Irgendwann im späteren Bereich heißt das Stück dann „Red Baron“, wird deutlich komplexer, auch hektischer, neben der Gitarre und dem Keyboard drängt sich nun auch Cobhams Schlagzeug in den Vordergrund, der Bass ist immer präsent. Das Essence verwaltet diese Tonfolgen-Flut hervorragend, alles ist zu jedem Zeitpunkt präzise vorhanden, die Instrumente verschmelzen zu Musik, ohne breiig oder undeutlich zu werden.
Der blonde Hippie aus dem Film Hair antwortet auf die Frage nach homosexuellen Neigungen: „Mick Jagger würde ich nicht von der Bettkante stoßen, aber nein, schwul bin ich eigentlich nicht.“ Ich selbst würde Mick sehr wohl von der Kante schubsen oder zumindest höflich hinauskomplimentieren. Aber trotzdem kann ich ihm einen gewissen Sexappeal in der Stimme nicht absprechen. Und so eignet er sich vorzüglich zur Bewertungen von Audiokomponenten. Wird Mick Jaggers dahingestöhnter und gehauchter Gesang in „Tops“ nervig, ist das System zu detailgetreu, wird er weinerlich, ist es zu unscharf. Das Essence überzeugt auch in diesem Test, Micks Stimme kommt sexy und verführerisch, bringt ihn mir fast wieder etwas näher an die Bettkante. Allerdings nur virtuell, versteht sich!
Mein Freund Wolfgang Amadeus soll mich bei einem letzten Test unterstützen. Den zweiten Satz von Mozarts Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur spielt das Essence wie erwartet präzise und stressfrei. Die Violine der damals gerade mal 13-jährigen Solistin Anne-Sophie Mutter kommt prägnant und exakt umrissen, das Orchester schön im Gleichgewicht zwischen homogen und differenziert, im Hintergrund und doch präsent. Nun erhöhe ich die Abschlussimpedanz des Systems von anfänglichen 100 auf 450 Ohm. Ein Tipp, den Robert Suchy mir mitgegeben hat. Oha! Da wird der Saal noch mal ein wenig größer, das Orchester spielt mit mehr Volumen und noch etwas freier. Die Geige klingt, wie eine Geige bei Mozart klingen soll. Lieblich klagend, mit deutlich mehr Glanz und weniger spröde als noch zuvor. Es ist einfach nicht zu leugnen, das MC Essence spielt definitiv anders, um nicht zu sagen besser als sein kleiner Bruder. Man könnte sagen: die Essenz eines vorher schon stimmigen Konzepts.

Clearaudio MC Essence Navigator

 

Tonabnehmer Clearaudio MC Essence
Funktionsprinzip: Moving-Coil-Tonabnehmer
Ausgangsspannung: 0,4 mV
Nadelschliff: Micro Line
Nadelträger: Boron
Übertragungsbandbreite: 20 Hz–40 kHz
Nadelnachgiebigkeit: 9 µ/mN
Empfohlene Auflagekraft: 2 p (± 0.2 p)
Übersprechdämpfung > 32 dB
Kanalabweichung: < 0,3 dB
Systemkörper: Aluminium-Magnesium-Legierung mit Keramikbeschichtung
Gewicht: 8 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 990 €
Clearaudio electronic GmbH, Spardorfer Straße 150, 91054 Erlangen, Telefon 01805 059595, www.clearaudio.de

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