Winfried Dulisch schlendert durch Nevada

Der US-Bundesstaat Nevada wird überstrahlt und übertönt von Las Vegas. Die wirklichen Schätze verbergen sich woanders.

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Grenze zu Utah: Welcome to Nevada!

Nevada im Südwesten der USA ist halb so groß wie Frankreich. Von den knapp drei Millionen Einwohnern lebt jeder fünfte in der Entertainment-Welthauptstadt Las Vegas. Wer beim Duell mit einarmigen Banditen ein kleineres Kaliber bevorzugt, versucht sein Glück in Reno; die Viertelmillionen-Stadt bezeichnet sich selbst als „The Biggest Little City In The World“. Richtig „big“ ist das Silver Legacy Hotel and Casino: Mit einer Höhe von 125 Metern und 38 Stockwerken ist es das höchste Gebäude in Reno.

 

Pech in der Liebe, Glück im Spiel

Nicht nur wegen der Gewinnchancen im Spiel gilt die größte Kleinstadt der Welt seit 1961 als idealer Ausgangspunkt für einen Neustart. In der Eröffnungsszene des Hollywood-Klassikers Misfits (deutscher Titel: Nicht gesellschaftsfähig) verlässt Marilyn Monroe das Gerichtsgebäude von Reno, trippelt ein paar Schritte rüber zum Truckee River und wirft ihren Ehering in den Fluss – glücklich geschieden. Für Happily-Divorced-Parties empfiehlt Reno sich damit als Top-Adresse.

Es geht noch kleiner. Eine Autostunde entfernt von Reno liegt Virginia City. Bonanza-Fans kennen das beschauliche Cowboy- und Minenarbeiter-Städtchen als Schauplatz wilder Schießereien. Wenn die Cartwrights auf ihrer Ponderosa Ranch vom Hafer gestochen wurden, ritten sie rüber nach Virginia City, um dort ihre Vorräte aufzufrischen oder um einen Showdown zu inszenieren. Anschließend blieben Ben und Hoss und Adam und Little Joe schon mal ein bisschen länger und genossen jene städtischen Freuden, über die in jugendfreien TV-Serien bloß andeutungsweise gesprochen werden kann.

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In der Mine war Silber

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Haus in Virginia City

1859 wurde hier eine Erzader entdeckt, aus der in den folgenden 20 Jahren jede Menge Silber und sogar einiges Gold gefördert wurde im Wert von 400 Millionen Dollar – für heutige Verhältnisse eine Milliarden-Summe. Virginia City war damit einer der reichsten Orte Amerikas und wuchs innerhalb kürzester Zeit sich selbst über den Kopf. Von den schätzungsweise 30000 Einwohnern, die während dieses Booms hier lebten, verdienten mehrere hundert ihr Geld in drei Hotels und 40 Saloons mit verschwiegenen Hinterzimmern.

Die heutigen – gerade mal eintausend – Bewohner der einstigen Boom-Town erzählen, dass die Vergnügungsindustrie-Nachtarbeiterinnen von Virginia City nicht nur ein großes Herz und ein offenes Ohr für ihre zahlende Kundschaft hatten. Die Barmaids in der einstigen Goldgräber-Siedlung werden heute verehrt als das soziale Gewissen des plötzlich zu Reichtum gekommenen Städtchens. Sie kümmerten sich tagsüber um die Opfer von Arbeitsunfällen und um die Witwen und Waisen der Minen-Arbeiter. Die damals prominenteste Backroom-Madam in Virginia City wurde sogar zum Ehrenmitglied des örtlichen Feuerwehr-Vereins ernannt.

 

Highlife und Hochkultur

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Mark-Twain-Puppe

Und auch diesen Aspekt haben die Bonanza-Drehbuchautoren, als sie das Städtchen zur Arena für schießwütige Cowboys degradierten, völlig ausgeblendet: Die Hochkultur hatte in Virginia City eine repräsentative Heimstätte, 1885 wurde hier ein Opernhaus eröffnet. Heute wartet Piper’s Opera House darauf, dass es wie zu seinen besten Zeiten wieder von europäischen Bühnenmusik-Stars bespielt wird.

Für die Nachwelt aufgezeichnet wurden die Ereignisse dieser Blütejahre von Samuel Langhorne Clemens. Er war eigentlich hierhergekommen, um sein Glück als Goldgräber zu suchen. Zum Glück hörte er früh damit auf und arbeitete stattdessen als Klatsch-Reporter für den Territorial Enterprise, die örtliche Zeitung von Virginia City. Um sich vor den Opfern seiner spöttischen Kritik zu schützen, unterzeichnete Clemens diese Beiträge mit: Mark Twain – und schrieb unter diesem Pseudonym später auch Tom Sawyers Abenteuer und andere Klassiker.

 

Cowboy-Poesie

In Virginia City hatte Mark Twain jene Erfahrungen und Inspirationen gesammelt, mit denen er den Grundstein legte für unsere heutigen Vorstellungen vom Cowboy-Alltag. Literarisch fortgeschrieben werden diese Geschichten rund um den Kuhhirten-Job jedes Jahr im Januar beim Cowboy Poetry Gathering in Elko/Nevada. Während Nashville am anderen Ende der USA ein Mekka des Country-Pop ist, treffen sich in Elko die Schöpfer der Country-’n’-Western-Zwischentöne.

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Cowboylieder-Workshop beim Elko Cowboy Poetry Gathering

Ein gern gesehener Gast bei diesem Familientreffen der Cowboykultur-Schaffenden ist Ramblin’ Jack Elliot, geboren 1931. Zu seinen Verehrern gehörten Johnny Cash und andere Folk- oder Country-Stars. Bob Dylan hatte dem Ramblin’ Jack jene Gitarren-Zupftechnik abgelauscht, die Elliott als Weggefährte des Folk-Paten Woody Guthrie kennen gelernt hatte. Im Gegenzug gehörte Ramblin’ Jack zu den ersten Interpreten von Dylan-Songs. Wenn er heute „Don’t Think Twice It’s Alright“ singt, bezeichnet der Cowboy-Traditionspfleger den Songwriter immer noch gerne augenzwinkernd als seinen „Sohn“.

 

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Ramblin’ Jack Elliot

Cowboys mit roter Haut

Das weitere Pogramm-Angebot dieses Kultur-Festivals reicht von der wildwest-romantischen Dichterlesung und dem Storyteller-Workshop hin zum Cowboyhut-Nähkurs. Ein Festival-Höhepunkt ist der Westernswing-Tanzabend. Dieser Prärie-Jazz wird in Europa noch überhört. In Elko wird er genossen als eine jener Blüten, deren Wurzeln in der Cowboy-Feierabendmusik liegen. Und noch eine Überraschung liefert das Elko Festival für europäische Besucher: Viele junge Cowboy-Poeten sind Indianer.

Die Bilder in den Ausstellungsräumen vom Western Folklife Center im Historic Pioneer Hotel an der Railroad Street in Elko erinnern daran, wie gerne die Ranchers im 19. Jahrhundert die Erfahrung der amerikanischen Ureinwohner nutzten. In den Tierzucht-Betrieben waren oft mehr als die Hälfte der Cowboys indigener Abstammung. Wildwestfilm-Drehbuchautoren rückten diese Verhältnisse später in ein schiefes Licht. Weiße Leinwand-Cowboys waren die Guten. Hollywood-Rothäute konnten zwar gut reiten und schießen, aber sie durften sich vor der Kamera nur unverständlich artikulieren und wurden als Feinde des weißen Mannes präsentiert. Ähnlich erging es den Latino-Cowboys, deren Kultur ebenfalls im Western Folklife Center gewürdigt wird.

Sag niemals „Cowgirl“ zu ihr

NevadaDas Berufsbild hat sich gewandelt vom raubeinigen Rancher zum nachhaltig planenden Umwelt-Manager. Cowboys kämpfen heute – ähnlich wie verantwortungsbewusste Fischer und Jäger – an der Naturschutz-Front. Ein Ranch-Manager, der auf keinen Fall als „Cowboy“ betitelt werden möchte, nennt als seine größte Sorge, „dass dieses herrliche Weideland zu einem Golfplatz umfunktioniert werden könnte.“ Denn Golfplatz bedeutet: Gras-Monokultur, Düngemittel, Wasserverschwendung. Zum Glück braucht sich der Wilde Westen aber um den Nachwuchs keine Sorgen zu machen, obwohl der Cowboy – pardon, Manager – wehmütig schmunzelt: „Mein Sohn will was Ordentliches studieren, irgendwas mit Wirtschaft oder so.“ Aber seine Tochter versichert: „Ich werde ein Cowboy.“ Und sie betont ausdrücklich: „Kein Cowgirl. Sondern Cowboy.“

 

Reisetipps Nevada

Deutschsprachige Reise-Informationen

für den Bundesstaat Nevada: www.travelnevada.de

für Las Vegas: www.visitlasvegas.de

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Englischsprachige Reise-Informationen

für die Stadt Elko: www.exploreelko.com

für Reno und Umgebung: www.visitrenotahoe.com

für Virginia City: www.visitvirginiacitynv.com 

für Cowboy Poetry Gathering: www.westernfolklife.org

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 7 (3/2013)

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