Pure Desmond – When Lights Are Low

Verbeugung vor dem Underground

Pure Desmond When Lights Are Low

Pure Desmond – When Lights Are Low
CD, Minor Music

Hätte man Paul Desmond (1924–1977) erzählt, eine Jazzband aus Deutschland benenne sich nach ihm, der ja eigentlich Emil Breitenbach hieß, er hätte wohl leise gekichert und einen kleinen sarkastischen Witz gemacht. Hommagen an Ellington, Davis oder Coltrane sind an der Tagesordnung, aber an Desmond? „Ich war schon aus der Mode, bevor man mich überhaupt kannte“, meinte der Altsaxophonist einmal und bezeichnete sich als den „wahren Underground“ der Jazzgeschichte. Er hätte ein Star sein können, doch ihm fehlte der Ehrgeiz dafür und jeglicher Sinn für „Bedeutungsvolles“ in der Kunst. So schaffte es der schräge Einzelgänger nur zum berühmtesten Sideman des Jazz, zum Saxophonisten des Dave-Brubeck-Quartetts, und wurde von den Kritikern oft genug ignoriert. Zu Unrecht: Paul Desmonds so unscheinbar leicht daherkommendes Saxophonspiel gehört zu den faszinierenden Extremen der Jazzkunst – unerreicht und unerreichbar. Der Altsaxophonist Lorenz Hargassner hat Desmond dennoch früh zu seinem Idol erkoren und zum Titelhelden seiner Formation Pure Desmond. Deren Instrumentierung ist dem Desmond-Quartett mit Jim Hall verpflichtet: Altsax, Gitarre, Bass, Drums. Natürlich kann Desmond nicht die Messlatte dieser Musik sein, aber er bildet den allgegenwärtigen Orientierungspunkt – das verraten auch die Titel bandeigener Stücke („Unbearable Lightness“, „Perils Of Paul“). Sanft und elegant wie das Vorbild klingt die Musik, eine kompetente Verbeugung vor dem Cool Jazz, sparsam durchsetzt mit neueren, poppigen Rhythmen. In ihrem Original „Dynamic Double“ verstecken Hargassner und Gitarrist Johann Weiß sogar Desmonds Welthit „Take Five“. Und auch „Good Bye, Pork Pie Hat“, Charles Mingus’ Nachruf auf Lester Young, den „Erfinder“ des „weichen“ Saxophons, passt gut ins Konzept. When Lights Are Low ist das sechste Album der Band, wenn auch ihr erstes offizielles. Dennoch muss Paul Desmond nicht befürchten, dass seine „kleine Ecke im Garten niedergetrampelt“ würde. Hargassner, Weiß & Co. treten ganz vorsichtig auf. Liebevoll und mit Stil.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

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