Katzenjammer und Zigarrenkiste – Bluesfrauen

Soul Sisters, Blues Ladies, Gospel Queens und ihre neuen CDs – Blues Brother Winfried Dulisch macht einen auf Frauenversteher

Die Arbeitsgruppe für Sprachberatung und Lexikografie der Universität Essen präsentierte 1996 als Forschungsergebnis: „Der Blues ist ein traurig klingendes Volkslied von Nordamerikanern afrikanischer Herkunft.“ – Wie bitte? Der Blues klingt traurig? Was veranlasste die Sprachberater und Lexikografen zu diesem Fehlurteil?

Die Essener Linguisten könnten sich damit entschuldigen, dass es damals noch keine Blues Caravan gab. Jedes Jahr aufs Neue zieht sie im Frühling von Thüringen aus durch Deutschland, dann durch Europa und ab dem Spätsommer nach Übersee. Seit 2005 stellt der Plattenproduzent Thomas Ruf die Karawane alljährlich aus VertragspartnerInnen seines Labels Ruf Records zusammen. Und diese Blues-NachwuchskünstlerInnen sind nun wirklich keine Kinder von Traurigkeit!

Während die Blues Caravan sich bislang vor allem als Nachwuchs-Catwalk für E-Gitarre spielende Minirock-Trägerinnen profilierte, soll die Karawane 2016 von drei gestandenen Rhythm-and-Blues-Sisters angeführt werden. Allen voran US-Sängerin Tasha Taylor, die nach dieser Tour wohl nie mehr wiederholen muss: „Ja, ich bin die Tochter des Memphis-Soul-Wegbereiters Johnnie Taylor.“ Daneben komplettieren die kanadische Bluesrock-Sirene Layla Zoe und ihre beinahe schon sophisticated jazzig singende Kollegin Ina Forsman aus Finnland die diesjährige R&B-Revue.

Blues Harp Women

Blues Harp Women (Compilation)
CD, Ruf/in-akustik

Thomas Ruf hörte von weiblichen Blues-Fans oft genug, dass er mit seinem Sisters-Konzept eine male-chauvinistische Klientel bedient. Diesen Vorwurf widerlegte Ruf Records spätestens mit der Doppel-CD Blues Harp Women. Zu den 31 Bluesmundharmonika-Spielerinnen gehören prominente Sängerinnen wie Big Mama Thornton, die nur so nebenbei das „Mississippi-Saxofon“ benutzten, aber auch virtuose Harp-Spezialistinnen. Eine stilistisch ähnlich abwechslungsreiche Anthologie von männlichen Blues-Harpisten liegt nicht vor. Allerdings können nur wenige Harmonika-Frauen hier wirklich glänzen. Dafür setzen sich aber einige ihrer Begleitgitarristen toll in Szene.

Feline Groovy – Purrfect Tracks For Kool Kats

Feline Groovy – Purrfect Tracks For Kool Kats (Compilation)
CD, Ace/Soulfood

Ace Records überrascht vor allem die Blues- und Soul-Klientel ständig mit pfiffigen Compilations von altbekannten und bislang unveröffentlichten Aufnahmen. Beinahe jeder Mitarbeiter des Londoner Labels hat schon mal eine Oldie-CD zusammengestellt. Der Ace-Bestseller Feline Groovy – Purrfect Tracks For Kool Kats wurde von der Hausgrafikerin Vicki Fox kompiliert. Die Katzenfreundin durchstöberte dafür ihre Plattensammlung nach Katzenjammer-Blues und Country- oder Jazz-Geschnurre.

All Aboard! Train Tracks Calling At All Musical Stations

All Aboard! Train Tracks Calling At All Musical Stations (Compilation)
CD, Ace/Soulfood

Da Vicki Fox mit Feline Groovy bereits eine angenehm durchhörbare CD gelungen war, bat Ace-Chef Roger Armstrong sie um eine Zugabe. Mit der gleichen Sorgfalt wie zuvor widmete sie sich nun dem Thema Eisenbahn. Ihre Compilation All Aboard! Train Tracks Calling At All Musical Stations offenbart, welchen Einfluss der Rhythmus der Dampflokomotive auf die Entwicklung des Blues und Boogie – und damit auch des Rock ’n’ Roll – hatte. So nebenbei zeigt Vicki Fox mit dieser Arbeit eindrucksvoll, dass eine Oldie-CD mehr sein kann als nur das Wiederkäuen von abgetingelten Hits.

Groovin’ The Blues

Groovin’ The Blues (Compilation)
CD, Bear Family

Die Compilation Groovin’ The Blues rehabilitiert die BluessängerInnen von Groove Records, jenem Sublabel der weißen Major-Company RCA, das sich am Geschmack der afroamerikanischen Plattenkäufer orientierte. Die Bear-Familiy-CD zeigt die Repertoirespannweite zwischen Folkblues, Boogie-Woogie-Piano und souliger Ballade. Allein schon für Track 10 hat sich das Stöbern in den Groove-Archiven gelohnt: Der Bluesschnulzensänger Little Tommy Brown schluchzt dermaßen ergreifend „Don’t Leave Me, Baby“, dass seine Angeschmachtete garantiert wieder zurückkehrte.

Rockin' The Groove

Rockin’ The Groove (Compilation)
CD/Bear Family

Kommerziell hatten die Groove-KünstlerInnen allerdings keine Chance gegen ihren weißen RCA-Kollegen Elvis Presley – 1957 hatte es sich ausgegrooved. Bear-Family-Gründer Richard Weize und sein Diskografen-Team stellten auch die CD Rockin’ The Groove zusammen. Die 35 Tracks zeigen, dass die Einstellung des Groove-Betriebs für weiße Rock-’n’-Roll-Fans ebenfalls einen Verlust bedeutete, der heute erst offensichtlich wird.

Pops Staples – Don’t Lose This

Pops Staples – Don’t Lose This
CD/Epit, Anti

„Don’t lose this“, bat der Gospel-Sänger Pops Staples (1915–2000) vor seinem Tod Tochter Mavis und gab ihr zehn Demotapes. Zusammen mit Jeff Tweedy, dem Frontmann der Alternative-Country-Band Wilco, vervollständigte Mavis Staples 2014 die hinterlassenen Song-Fragmente. Die Bedeutung ihres Vaters für Gospel-Pop und Soul Music ist vergleichbar mit der eines Muddy Waters für den Rhythm ’n’ Blues. Als Bandleader der Staple Singers und als Bürgerrechtler war Pops Staples für weiße wie schwarze Amerikaner eine Leitfigur.

Mavis Staples – Livin’ On A High Note

Mavis Staples – Livin’ On A High Note
CD, Anti/Indigo

Im Spannungsfeld zwischen Blues und Gospel, zwischen Americana-Sound und Trash-Pop spielte Mavis Staples nun Livin’ On A High Note ein. Diese Frau versprüht immer noch mehr Aufbruchstimmung und heiligen Zorn als viele ihrer halb so alten Blues- und Soul-Kolleginnen, obwohl sie sich als Gospel-Queen oder altersweise Protestsängerin auf ihren Lorbeeren ausruhen könnte. Stattdessen ließ sich Mavis Staples hier von Post-Punk-Poet Nick Cave ein Gebet auf den Leib schreiben. Betont schnoddrig zitiert sie an einer anderen Stelle der CD ihren ermordeten Freund Martin Luther King. Für musikalisches Reizklima sorgt mit schepperndem Country-Sound Gitarrist Matt Ward. Als Produzent lässt Ward mit bewusst erzeugter Low Fidelity die Sängerin künstlich altern, damit wenigstens der Hörer dieser CD erkennt: Mavis Staples hat das 76. Lebensjahr vollendet.

Bonnie Raitt – Dig In Deep

Bonnie Raitt – Dig In Deep
CD, Redwing/ADA

Die weiße Bluesgitarristin und -sängerin Bonnie Raitt nutzt ihre Altersweisheit, um endlich ein Stück vom großen Pop-Rock-Kuchen abzubekommen. Dafür zahlt sie allerdings einen hohen Preis: Ihr zwanzigstes Studioalbum trägt zwar den viel versprechenden Titel Dig In Deep, plätschert aber klanglich an der Oberfläche, weil es für die dynamisch beschränkten Hörgewohnheiten der Car-Stereo-Klientel abgemischt wurde.

Fiona Boyes – Box & Dice

Fiona Boyes – Box & Dice
CD, Reference Recordings/Fenn

Keine Kompromisse macht Fiona Boyes. Die Australierin wurde von US-Musikjournalisten zu „Bonnie Raitts böser Zwillingsschwester“ hochgejubelt – ein schwacher Vergleich, den sie auf Box & Dice mit jedem einzelnen Track widerlegt. Denn was diese Bluessängerin aus einer elektrischen Zigarrenkiste mit Fender-Gitarrenhals rausholt, klingt dreister und ungehobelter als Keith Richards. Dank der piekfeinen Aufnahmequalität kann sie gleichzeitig beweisen, dass auch eine Reibeisenstimme durchaus elegant klingen kann. Fiona Boyes bringt alle Voraussetzungen mit für eine Grande Dame des weißen Rhythm ’n’ Blues.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 25 (3/2016)

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