Telemann 2.0 – Crowdfunding in der Klassik

Crowdfunding – noch so ein postmoderner Wirtschaftsbegriff, an dem auch die doch eher zopfige Klassikszene nicht vorbeikommt.

Längst sind die Mittel der Labels und der Konzertveranstalter knapp; vor allem die visuellen Medien ziehen den Kulturhungrigen das sauer verdiente Geld aus den Taschen. Da wird für Musiker, vor allem aus dem klassischen Bereich, die Frage nach der Finanzierung der eigenen Projekte immer wichtiger. Gewitzte Ensembles, Solisten oder Komponisten besinnen sich dabei auf ein altes Prinzip der Finanzierung, das bereits im 18. Jahrhundert ganz wesentlich zum Aufstieg des bürgerlichen Konzertwesens beigetragen hat, nämlich das Prinzip der Subskription. So fasste der in finanziellen Dingen stets umtriebige Georg Philipp Telemann keinen Federkiel zum Notenschreiben an, bevor nicht eine Schar reicher Hamburger Bürger vorab einen Betrag x für den Erhalt der späteren Komposition eingezahlt hatte. Im Internet-Zeitalter gibt es für ein solches Subskriptionsverfahren freilich diverse Plattformen, auf denen man Geldgeber für eine CD-Produktion, eine Tournee, einen Kompositionsauftrag etc. suchen kann, gewissermaßen Telemann 2.0.

Als Gegenleistung folgt aber nicht eine dauerhafte Beteiligung an etwaigen Gewinnen, also kein Dividendenmodell wie etwa bei der Vorfinanzierung von Windparkanlagen, sondern die Auszahlung erfolgt in Naturalien, sprich CDs, Downloads, Tickets, Gadgets und natürlich in ehrenwerter Nennung des Unterstützernamens bei Veröffentlichung des Projekts. Die Vorfinanzierung wird in der Regel stufenweise angeboten, sodass man etwa bei 10 oder 15 Euro Unterstützungsbetrag bei Gelingen des Projekts in den Genuss der veröffentlichten CD kommt und es so bei einem 1:1-Geschäft bleibt, während größere Beträge dann eher den Habitus einer großzügigen Spende bekommen.

Catalyst Quartet Bach Gould Project

The Catalyst Quartet – Bach/Gould Project
CD, DL/Azica Records

Eine solche Plattform etwa ist kickstarter.com, auf der sich erstaunlich viele Klassikprojekte tummeln. So auch vor einiger Zeit das Vorhaben des Catalyst Quartets, ein Bach/Gould-Projekt zu starten, das die Goldberg-Variationen in einer eigenen Bearbeitung für Streichquartett präsentieren sollte und zudem Glenn Goulds Streichquartett op.1, von dem es bislang nur eine knappe Handvoll Aufnahmen gibt. Innerhalb eines Zeitraumes von gut acht Wochen ließen sich 168 Unterstützer so sehr von der Produktionsidee und den Qualitäten des Quartetts begeistern, dass 13550 US-Dollar zusammenkamen. CD und (HiRes-)Download sind mittlerweile in den gängigen Shops erhältlich und überzeugen sowohl in interpretatorischer als auch in klanglicher Hinsicht so sehr, dass man voller Begeisterung die Kickstarter-Plattform nach weiteren Projekten absucht.

Doch bleiben wir zunächst bei der Aufnahme des Catalyst Quartets. Bachs Goldberg-Variationen sind als Streicherfassung in erster Linie in der Transkription für Streichtrio bekannt. Die Quartettfassung zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Notenraum breiter auffächert und damit der Transkription zu mehr Transparenz gegenüber der Triofassung verhilft, die wiederum kompakter und dynamischer erscheint. Dennoch würde ich jederzeit der vorliegenden Quartettaufnahme den Vorzug geben, so klar legt sie die Strukturen offen, während sie dabei doch immer mit Verve nach vorne drängt.

Catalyst Quartet

The Catalyst Quartet: Paul Laraia, Jessie Montgomery, Karla Donehew-Perez, Karlos Rodriguez (v.l.n.r.)

Glenn Goulds Streichquartett ist ein skurriles Unikum wie sein Schöpfer selbst. Stilistisch orientiert sich Gould in dem durchweg polyphon komponierten Werk an der freien Tonalität der frühen Schönberg-Schule und lässt dabei immer wieder seinen Fixstern Johann Sebastian Bach durchscheinen. Die vier Musiker spielen die mehr oder minder unbekannte Komposition so, als wäre sie eigens für dieses Ensemble geschrieben worden.

Wollen auch Sie Geburtshelfer einer solchen Meisterleistung werden? Nur Mut, stöbern Sie bei kickstarter.com im Bereich „Klassische Musik“ und fühlen Sie sich ein bisschen dabei, als würden Sie dem Altmeister Telemann bei der Organisation einer neuen Tafelmusik auf die Sprünge helfen.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 20 (4/2015)

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