Jazzidelity: JC Sanford Orchestra – Views From The Inside

Bigband ist schon lange nicht mehr Bigband. Das bewährte Konzept von Satz, Riff & Solo, das die Jazzwelt jahrzehntelang erfreut hat, ist heute etwa so überholt wie der Kalte Krieg, der Game Boy und die VHS-Kassette. Bigbands heißen auch nicht mehr Bigbands, sondern vorzugsweise Ensemble, Orchester oder einfach „Irgendwas 15“ oder „XY 19“, je nach Besetzungsgröße.

jc sanford views from the inside

JC Sanford Orchestra – Views From The Inside
CD / Whirlwind

Begonnen hat die Mutation des großformatigen Jazz schon in den 60er und 70er Jahren. Seitdem wurden die Formen immer offener, die Harmonien impressionistischer, die Klangmischungen experimenteller, die Abläufe epischer oder lyrischer. Die Satzgruppen sind längst aufgebrochen – und neben Saxofon und Trompete solieren heute im Jazzorchester auch Akkordeon und Violine. Ganz oben auf dem Wellenkamm dieser Entwicklung surft das JC Sanford Orchestra aus New York. Der Bandleader, der alle Stücke des Albums schrieb, ist Posaunist, kommt aus Minnesota und hat am New England Conservatory bei Bob Brookmeyer (1929–2011) promoviert – nicht zufällig einem der wichtigsten Katalysatoren der jazzorchestralen Mutation. Sanfords Stücke auf Views From The Inside variieren in der Länge zwischen 56 Sekunden und 15 Minuten. Ebenso unberechenbar sind die stilistischen Abzweigungen, die sie nehmen: Swingende Passagen münden in Neue Musik, Folk-Episoden in Free Jazz, herbe Klanghärten in neoromantische Momente. Das sind spannende, flackernde Klangfilm-Geschichten – und dennoch bleibt immer noch Platz für sensationelle Soli. Willkommen im New Yorker Bigband-Gefühl von heute!

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

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