CD-Player AcousticPlan Vadi – Blaue Stunden

Zum Abschluss schöner Tage beglückt uns die Natur mit dem Phänomen der blauen Stunde, einer optischen Täuschung aus der Trickkiste mit magischen Effekten. Ich kenne einen CD-Player, der das ebenfalls kann – ganz ohne Tricks, und wann Sie wollen.

Prolog

Die bei Fotografen so beliebte blaue Stunde entsteht aus der Überlagerung der tagsüber für den blauen Himmel verantwortlichen Rayleigh-Streuung durch die sogenannte Chappuis-Absorption, die in der Dämmerung Oberhand gewinnt. Im hellen Tageslicht hingegen nimmt man sie nicht wahr, sie ist nur eine minimale Koloration im breiten Spektrum. Es ist nicht mehr als ein kleiner Farbtupfer, der die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit magisch anreichert. Bildlich gesprochen ist die Chappuis-Absorption die Hundert-Euro-Note in einem Meer von Blüten – erst im rechten (UV-)Licht erkennt man ihren wahren Wert.

Datenblatt-Querlesern fällt der Vadi von AcousticPlan gar nicht auf, sogar auf den zweiten Blick über die Spezifikationen geht er regelrecht unter im Meer der CD-Player oder Multifunktions-Silberscheibenverwerter. Sein Philips-Laufwerk CD Pro-2M liest nur CDs, und der Multibit-Wandler AD 1865-K verarbeitet maximal 18 Bit, was die optionalen digitalen Eingänge a priori für hochauflösendes Material disqualifiziert. Darüber hinaus folgt der USB-Eingang dem technisch veralteten adaptiven Modus und akzeptiert lediglich den Redbook-Standard der CD. Das zweiteilige Display zeigt die Titelnummer oder den gewählten Eingang; die Länge eines Stücks steht meist im CD-Booklet, Spiel- bzw. Restspielzeit kann man schätzen, und wenn die Musik aufhört, ist die CD zu Ende. Meistens steht man dann auf und legt eine neue ein – zumindest nach meiner Erfahrung.
Die Hochspannung für die analoge Ausgangsstufe wird mit vier Röhren stabilisiert und das Signal mittels Ausgangsübertrager an die Cinch- oder XLR-Buchsen gekoppelt. Zu allem Überfluss gibt es davor nicht einmal digitale Filter. Nicht eines! Außerdem ist der Vadi mit mickrigen 1,3 Volt Ausgangsspannung in einem Umfeld aus CD-Plärrern viel zu leise, um vorlaut werden zu können. Inklusive des externen Netzteils, das aus drei Trafos neun Versorgungsspannungen für diskrete Parallelregler im Player-Chassis generiert, also fast 20 Kilo obsoleter Technik. Warum so ein Dinosaurier wie der Vadi in ABSOLUTE FIDELITY zu finden ist und warum es sich trotzdem lohnen könnte, in veraltete Technik zu investieren, lege ich dar, sobald sich alle wieder beruhigt haben.

Mit Philips’ Pro-Serie – das 2M wurde 2006 vor dem Hintergrund strengerer RoHS-Vorschriften durch das mittlerweile ebenfalls eingestellte Pro-2LF ersetzt – verschwanden die letzten reinen CD-Laufwerke vom freien Markt. Die meisten High-End-Hersteller setzten in ihren Spitzenprodukten darauf. Seither greift die Mehrheit bis auf einige wenige Firmen, die sich aus exklusiven Quellen bedienen oder selbst ein Laufwerk bauen, auf kombinierte Laufwerke zurück. Egal, was die Prospekte erzählen, das ist ein Startnachteil. Die Preise für Pro-Laufwerke und Ersatzteile ziehen an. Glückliche Besitzer eines Vadis jedoch sind abgesichert: Konstrukteur und Erbauer Claus Jäckle hält für jeden produzierten Player ein Ersatzlaufwerk vorrätig.
Und wenn Sie mir einen persönlichen Einschub erlauben: In meinem Revox C211 läuft zuverlässig seit über 20 Jahren ein CDM12 von Philips.
Der R-2R-Chip 1865 von Analog Devices befindet sich ebenfalls nicht mehr in Produktion, ein oberflächlicher Blick auf die Homepage des amerikanischen Herstellers zeigt, dass nun überwiegend Delta-Sigma-Wandler hergestellt werden. Moderne Wandlerbausteine können zwar viel mehr, haben aber meist nicht die Jitterresistenz von auf Audioanwendungen spezialisierten Chips, die wiederum fast gänzlich vom Markt verschwunden sind. Ein Glück, dass sich Claus Jäckle auch hiervon einen ausreichenden Vorrat angelegt hat. Ein weiterer Grund, weshalb Jäckle den Vadi nur sehr limitiert baut, liegt in der raren und damit immer teurer werdenden Spanngittertriode E288CC, um die die Ausgangsstufe aufgebaut ist. Jene ist übrigens vollständig und vom Meister persönlich in Handarbeit freiverdrahtet.

Bis zum Wandlerchip bleibt der Datenstrom unangetastet, das I2S-Signal wird lediglich, wiederum in diskreter Schaltungstechnik, darauf vorbereitet, vom Wandler gelesen zu werden. Die Trennung von Laufwerk und DAC hält Jäckle aufgrund der überflüssigen Transformation in ein S/PDIF-Format für klanglich nachteilig, erst im Anschluss kommen Filter zum Einsatz. Allerdings keine digitalen Noise-Shaping-Filter, sondern diskret aufgebaute passive. Das kann man nicht in Form eines ICs kaufen, man muss es selbst aus Präzisionskondensatoren und Spulen konstruieren. Wo durch fehlendes Resampling keine hochfrequenten Störungen entstehen, gibt es auch keine Notwendigkeit, sie steilflankig herauszufiltern, erklärt Jäckle lapidar. Oder anders ausgedrückt: Wenn man sich schon mit CD-Auflösung begnügen muss, kann man sich wenigstens auf das Wesentliche konzentrieren. Für Claus Jäckle ist das vor Bedienkomfort und umfassender Kompatibilität der gute Klang. Als er den Vadi 2007 konstruierte, setzte er sich die besten Analoglaufwerke zum Maßstab. Das Ziel allein gab damals die Richtung vor, und er entwickelte den Vadi von Grund auf autodidaktisch neu. Deshalb ist er auch heute noch ein außergewöhnlicher CD-Player. Einer, wie es ihn so – mit dieser Bauteilqualität und -verfügbarkeit – wohl zukünftig nicht mehr geben wird.
Na, konnte ich schon die ersten Musikliebhaber in Versuchung führen? Nicht bevor wir etwas gehört haben? Aber sicher, unverzüglich.

Anfangs stand der Vadi auf seinem eigenen Flightcase, bis ich eine Ebene meines Racks freigeräumt und entfernt hatte – so hoch bauende Toplader waren bei der Aufteilung nicht vorgesehen. Klanglich machte dies keinen großen Unterschied, sein angeblich besonders resonanzarmes Gehäuse scheint den kubistischen Player gut zu isolieren. Das Laufwerk hängt ohnehin bombensicher zwischen Deckplatte und einem weiteren massiven Aluprofil. Nach oben liegt es offen, die CD findet bündig in einer Mulde Platz und wird magnetisch von einem Puck fixiert, der geformt ist wie die beiden Knöpfe auf der Front. Fast schade, dass er nicht auch ihre blaue Farbe bekommen hat. Dieses tiefe, je nach Lichteinfall zwischen hell und dunkel changierende Blau ist wahnsinnig schön, es macht den Vadi schon ohne Funktion zum Kunstwerk. Wer möchte ihn da silbern oder schwarz haben? Trotzdem bietet AcousticPlan es an. Wenn er unbedingt zum Rest der Anlage passen muss, verchromt ihn Claus Jäckle auch gegen Aufpreis. Ich kann nur davon abraten.

Johnny Griffin war ein Meister der gefühlvollen Ballade, aber in die Annalen des Jazz ging er als schnellster Saxofonist des Hardbob ein. Durch einen glücklichen Zufall konnte er 1957 John Coltrane für die Aufnahmen zu A Blowin’ Session gewinnen. Kongenialer dritter Tenorsaxofonist im Bunde war Hank Mobley, der im Wechsel mit Griffin „Smoke Stack“ eröffnet. Griffin phrasiert hart am Rande des Möglichen, feurig, hektisch, rasend, bis zur Hyperventilation, bis sein Instrument vor Extase quiekt und atemlos die Klappen spreizt. Als Coltrane dazustößt, verändert er das Stück, holt das Luftschiff wieder auf die Erde und verwandelt es in eine Lokomotive. Es gelingt ihm, die aufgebaute Energie zu erhalten. Obwohl seine Noten wie in Zeitlupe gezogen scheinen, treffen sie aus einer mächtigen inneren Kraft heraus ebenso unvermittelt. Eine Sternstunde des Bebop mit historisch einmaligem Line-up inklusive Art Blakey an den Drums.
Und der Vadi setzt mich mitten hinein. Seine Fähigkeit, einen ohne Umwege in die Musik zu ziehen, ist anfangs überwältigend. Bis ich mich überhaupt zwingen kann, kritisch hinzuhören, vergehen ein paar Tage. Davor schüttle ich nur hin und wieder fußwippend den Kopf und sage ungläubig zu mir selbst: Das ist nur ein CD-Player!


Er zeigt während der Jazz-Session durchaus den nötigen Biss in hohen, überblasenen Lagen, wirkt aber nie schneidend. Auch nach längerer Zeit ermüdet es nicht, ihm zuzuhören, was nach meiner Erfahrung darauf hindeutet, dass man als Hörer nicht über Gebühr abstrahieren muss, dass die Darbietung in sich schon schlüssig und natürlich ist. Dazu gehört immer mehr als Spitzenleistungen in Einzeldisziplinen. Das macht es andererseits aber auch schwierig, singuläre Aspekte des Vadi herauszustellen: Er spielt weder betont aus der Mitte noch fulminant breitbandig, sondern einfach authentisch. Dabei aber nie einschläfernd neutral, sondern engagiert, lebhaft und quirlig. Auch wenn er sich vordergründig nicht einmischt, ist er eher empathischer Beobachter denn unbeteiligter Vermittler.

Nach meinen Erkenntnissen sind die beiden analogen Ausgänge gleichwertig. Das Signal wird erst kurz vor den XLR-Buchsen an den Ausgangsübertragern symmetriert. Mit Musical-Wire-Kabeln aus einer Serie ist kein reproduzierbarer Unterschied hörbar. Was dagegen sehr wohl eine Rolle spielt, ist der Datenlieferant. Erst kürzlich konnte ich an dem C.E.C.-Laufwerk aus der letzten Ausgabe wieder einmal feststellen, wie signifikant sich der Transportmechanismus auswirkt. Dass es über ein Koaxialkabel, ebenfalls von Musical Wire, von meinem Revox-Player nicht mehr ganz so spritzig, nicht mehr so einzigartig farbig klang, mag aber auch an der von Claus Jäckle verbannten S/PDIF-Transmission liegen.
Nebenbei: Ein paar Worte zur Anwahl der Digitaleingänge stünden der Bedienungsanleitung gut zu Gesicht. Darauf, dass eine mitgelieferte Textilmatte in die CD-Mulde gehört, damit man überhaupt die Eingänge durchschalten kann, muss man erstmal kommen. Auch darauf, dass der untere Bedienknopf, der sonst mit einem Drehmechanismus durch die CD-Titel springt (schneller Vor- und Rücklauf findet sich ausschließlich auf der massiven Fernbedienung), ein paar Sekunden gedrückt zu halten ist, um ins entsprechende Menü zu gelangen. Bedienungsanleitungen schreiben sei nicht seine bevorzugte Beschäftigung, gesteht Claus Jäckle am Telefon, nachdem er mir verraten hat, wie ich den USB-Eingang finde. Der für mich ein echter Wermutstropfen im so positiven Gesamtbild ist: Da hortet man über Jahre hochauflösende Musik in riesigen Datensätzen, um dann Foobar eine rigorose 16-Bit-Ausgabe zu befehlen, nur weil der D/A-Wandler sonst die Annahme verweigert.
Andererseits ist mir bewusst, dass ein großer Teil der Leserschaft immer noch täglich mit CDs hantiert und diese liebgewonnene Marotte auch gar nicht aufgeben möchte. Für diese konservative Klientel kann ich mir keinen besseren CD-Player vorstellen. Er ist von Claus Jäckle so konstruiert, dass er mit CDs aus dem eigenen Laufwerk absolut betrachtet überragend klingt. Da geht es nicht um Welten, eine gerippte CD vom Rechner fällt nicht ab ins Bodenlose, aber ihr fehlt das entscheidende Quäntchen, die winzige Lichtbrechung, die einen Sonnenuntergang zur blauen Stunde werden lässt.

Epilog

CD-Player können ins Archiv. Ich gebe zu: Letztlich denke ich das. Es ist in der Zeitspanne, in der aus der telegrafischen Depesche die SMS wurde, nicht gelungen, einen idealen Tonträger zu erfinden. Jetzt ist es zu spät, die Zeit dafür ist abgelaufen. Aber CDs sind milliardenfach im Umlauf, sie werden nicht über Nacht verschwinden, vielleicht können sie sich sogar länger behaupten, als ich heute annehme. Die Schallplatte hat mit ihrer Hartnäckigkeit auch alle überrascht. Werfen Sie nur mal einen Blick auf Ihre Anlage: Plattenspieler, Tuner, Röhrenverstärker, vielleicht sogar ein Tonbandgerät – alles elektromechanische Dampfmaschinen ohne Prozessorkern und DSP. Der Vadi könnte sich in so einem HiFi-Museum noch lange Zeit nützlich machen – und eine verdammt gute Figur.

AcousticPlan Vadi CD-Player Navigator

 

CD-Player AcousticPlan Vadi

Abspielbare Formate: CD, CD-R, CD-RW
Eingänge digital: 2 x S/PDIF (Cinch, Toslink), 1 x USB (adaptiv), 1 x AES/EBU (XLR), alle optional
Ausgänge digital: 1 x S/PDIF (Cinch), 1 x AES/EBU (XLR)
Ausgänge analog: 1 x unsymmetrisch (Cinch), 1 x symmetrisch (XLR)
Ausgangsimpedanz: 200 Ω
Frequenzgang: 20 Hz–20 kHz
Besonderheiten: Fernbedienung, Röhrenausgangsstufe, externes Netzteil,offenes Laufwerk
Ausführungen: bicolor (blau-silbern, schwarz-silbern), Alu, verchromte Front (770 €)
Maße (B/H/T): 26/17/35 cm
Gewicht: 19 kg inkl. Netzteil
Garantiezeit: 5 Jahre (Röhren 6 Monate)
Preis: 11 800 € (optionale Digitaleingänge: 920 €)

 

www.acousticplan.de

 

Mitspieler:
Plattenspieler: Feickert-Analogue Firebird
Tonarme: Brinkmann 12.1, Mørch DP-8
Tonabnehmer: Clearaudio da Vinci, Ortofon MC Quintet Bronze und 2M Black, Audio-Technica 50ANV und 33PTG I
Phono-Vorverstärker: Lehmann Audio Black Cube Decade, MFE Tube One SE (integriert)
CD-Player: Revox C 221
D/A-Wandler: Canever ZeroUno, PS Audio Digital Link III
Vorverstärker: MFE Tube One SE
Endverstärker: DNM PA3S
Vollverstärker: Genuin Straight
Lautsprecher: Steinmusic Masterclass SP 1.1
Kabel: Musical Wire, Audiophil
Zubehör: Steinmusic, Audiophil, Feickert-Analogue

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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