Buchprüfung: Peter Rüedi – Stolen Moments. 1522 Jazzkolumnen

Qualität durch Zeitdruck

Peter Rüedi – Stolen Moments. 1522 Jazzkolumnen

Peter Rüedi – Stolen Moments. 1522 Jazzkolumnen

So sollte man über Jazzplatten schreiben: anfallartig, assoziativ, aus dem Moment heraus. Das Improvisatorische der Musik in die Sprache bringend, aber auch die eigene unzensierte Persönlichkeit. „Meist frühmorgens vor Beginn des Arbeitstags“ habe er seine Kolumnen verfasst, sagt Peter Rüedi, „im letzten Moment vor Redaktionsschluss“, „unter Zeitdruck“, „mit heißer Nadel“ – ohne Perfektionismus, ohne Abschlusskontrolle, im Eiltempo. Da konnte die Einleitung schon mal über Gebühr ausladend geraten, weil so viele Gedanken den Weg kreuzten. Da rutschte schon auch mal eine Menge gediegenes Bildungswissen hinein, Goethe und Brecht und Französisches und was nicht alles. Aber diese Unbeherrschtheit, diese Spontaneität, diese Kulturbeflissenheit, sie machten ja die Frische der Texte aus. Man spürte, dass da einer gepackt war vom Jazz. Gepackt auch von der Philosophie hinterm Jazz, die er intellektuell zu verorten wusste. Man las diese Texte immer gerne, auch wenn man ganz anderes im Kopf hatte.

Zum 70. Geburtstag des Schweizer Kulturjournalisten und Theaterdramaturgen Peter Rüedi erschien jetzt dieses Buch: Stolen Moments. Eine Sammlung von 1522 seiner Jazzkolumnen aus 30 Jahren, geschrieben in wöchentlichem Abstand, meist für die „Weltwoche“. In der Regel ist ein aktuelles Jazzalbum das Thema jeder Kolumne – oder zumindest ihr Anstoß oder Ziel. Manchmal sind es auch mehrere Alben auf einmal, die in einem Kontext stehen, oder es sind Wiederveröffentlichungen, Wiederentdeckungen, Jazzklassiker. Natürlich hat Rüedi seine Lieblinge, häufig kommen sie aus der Schweiz. Und hin und wieder passiert es auch, dass der Autor aus der Jazzspur ausschert, einen Tom Waits bedenkt oder hinübergreift in die Klassik.

Peter Rüedi

Peter Rüedi

 

Rüedi ist ein wunderbarer Kolumnen-Plauderer, weil ihm so vieles durch den Kopf geht. Er ist unberechenbar, eine wandelnde Enzyklopädie. So ernst nämlich nimmt er den Jazz, kulturell und intellektuell, dass er ihm einen geistesgeschichtlichen Horizont verleiht. Sein Urteil über die Qualität der Musik ist dann oft gar nicht mehr so wichtig, aber man kann sich ziemlich gut darauf verlassen. Was wiederum beweist: Nur wer von vielem etwas versteht, versteht auch eine einzelne Sache richtig.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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