Buchprüfung: Gabriele Sander (Hrsg.) – Die Welt hebt an zu singen

Hörbare Landschaften

Beim Stöbern in Marburger Buchläden stieß ich letztes Jahr auf diesen kleinen Band. Nichts Besonderes, eine Lyrik-Anthologie zum Thema Musik, 2011 erschienen, bildungsbürgerlich gefärbt (schon der Titel!), konventionell gemacht.

gabriele sander die welt hebt an zu singen

Gabriele Sander (Hrsg.) – Die Welt hebt an zu singen
Musikgedichte/ Reclam

Und doch: Die Überschriften der einzelnen Abschnitte verraten eine besondere Liebe zum Thema. Da gibt es fünf Gedichte zu Orpheus, fünf zu Pan, fünf zum Vogelgesang, einen Abschnitt nur mit Gedichten zu Komponisten, einen zu klassischen Musikstücken, einen zu Jazz und Pop. Die Textauswahl reicht vom Barock bis heute, seriöse Literaturklassiker sind darunter, aber auch Humoristen wie Wilhelm Busch („Ein gutes Tier ist das Klavier“) und Heinz Erhardt („Alle Noten dieses Werkes werden schonungslos entlarvt“). Es ist nichts Übersetztes dabei, alle Texte sind auf Deutsch verfasst, viele lyrische Perspektiven darunter zu finden.

Ziemlich am Anfang steht mein Lieblingsgedicht zum Thema: Rilkes An die Musik. „Der Gefühle Wandlung in hörbare Landschaft“: Bei dieser Stelle habe ich immer das Gefühl, dass einer dem Mysterium ganz nahe gekommen ist, dem Geheimnis der Musik. Warum wir uns in Musik finden und verlieren – die Klangwelt als tönende Filiale unseres Menschseins, ein „uns entwachsener Herzraum“, der sich entfernt, eigenes Leben behauptet, fremde Schönheit entwickelt. Ein Innenland, das in Tönen nach außen drängt, „nicht mehr bewohnbar“, und zu etwas ganz anderem wird, das wir kaum mehr begreifen. Ein Spiegel, in dem wir uns gerne erkennen würden, aber etwas Größeres erblicken, eine andere Wirklichkeit, als käme die Musik gar nicht aus den Menschen, sondern aus dem Kosmos.

Auch fehlt nicht mein Lieblingsgedicht zum Jazz. Volker Braun schrieb es zu DDR-Zeiten: Da war ihm der Jazz eine „Musik der Zukunft“, nämlich eine gesellschaftliche Utopie jenseits des real existierenden Sozialismus. Marx’ Vision – „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ – wird hier zur Botschaft des Jazz: „Wozu ich fähig bin und wessen ich bedarf: ich selbst zu sein – Hier will ich es sein.“ Nur in der Aufmüpfigkeit, in der Selbstverwirklichung des Einzelnen, gedeiht die Jazzband als ganze: „Jeder spielt sein Bestes aus zum gemeinsamen Thema“. Ein echt schöner Gedanke.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 9 (5/2013)

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