Hans-Jürgen Schaals Musiklexikon: R wie Ragtime

Weltausstellung und Olympische Spiele: Im Jahr 1904 blickte die Welt auf St. Louis, damals die drittgrößte Stadt der USA. Auch der Musiktrend des Jahres kam aus St. Louis: der Ragtime, dessen neuartige Rhythmen in kürzester Zeit den Globus eroberten. Die beharrlichen Achtelnoten im Bass – mit Betonung der zweiten und vierten – und die mutwilligen Sechzehntelnoten-Läufe in der Melodie – mit rhythmisch versetzten Akzenten („ragged time“) – brachten das motorische Moment und die synkopische Verwirrung in die Musik des 20. Jahrhunderts. Auch Satie, Debussy, Strawinsky oder Hindemith ließen sich anstecken. Ragtime wurde zum Soundtrack des technischen Aufbruchs, zur musikalischen Umsetzung der verrückten modernen Welt der Maschinen und Automaten.

 

Die afroamerikanische Sichtweise ist eine ganz andere. Für Scott Joplin (1867–1917) war Ragtime ein gemütlicher Marsch, ein stilisiertes Flanieren. Seine Wurzeln sah er im „Cakewalk“ der schwarzen Plantagen-Arbeiter, mit dem sie die ollen Quadrille-Schreittänze der einstigen französischen Kolonialherren veralberten. Dass Joplin die wildwüchsige Klaviermusik der Bars in und um St. Louis überhaupt in „richtige“ Kompositionen übersetzen konnte, verdankte sich aber einem deutschen Juden aus Sachsen. Julius Weiss hatte kostenlos den begabten Jungen unterrichtet, der bei einer „Putzstelle“ seiner Mutter erstmals ein Klavier sah. Die Notenausgabe von Joplins erstem großen Erfolg, dem „Maple Leaf Rag“, verkaufte sich bis 1909 bereits rund 500 000 Mal. In New Orleans, Chicago und New York entwickelte sich der Ragtime bald weiter zum Stomp, Stride oder Boogie – und natürlich zum Jazz. Viele frühe Jazzbands nannten sich tatsächlich noch „Ragtime-Orchester“, der „Twelfth Street Rag“ und der „Tiger Rag“ waren erste Jazzhits. „Alles, was synkopiert ist, ist grundsätzlich Ragtime“, erklärte der Jazzpianist Eubie Blake.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 6 (2/2013)

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