Winfried Dulisch schlendert durch Quebec City & Montreal

Quebec City ist die Hauptstadt der größten kanadischen Provinz. Montreal gilt als die pulsierende Metropole der Provinz Quebec

Englisch ist Amtssprache für 28 Millionen Kanadier. Für die acht Millionen Bewohner der Provinz Quebec ist es Französisch. Jeder fünfte Québécois lebt in Montreal, das sich hinter Paris zur zweitgrößten frankophonen Stadt der Welt entwickelt hat. Das 200 Kilometer weiter nördlich davon liegende Quebec begnügt sich mit einer halben Million Einwohnern.

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Quebec City kann sich rühmen, weltweit eine der schönsten Städte mit guter alter französischer Lebensart zu sein. Vor allem US-Touristen begeistern sich für den europäisch anmutenden Kopfstein-Straßenbelag – kein gutes Pflaster für Highheels, eher ein idealer Startplatz für Wandertouren.

Tanzen mit Energie

Ein beliebtes Wanderziel ist jene Île d’Orléans, die in Sichtweite von Quebec City im Sankt-Lorenz-Strom liegt. Eine kulinarische Spezialität der Insel ist Maple Syrup. Der Ahornsirup-Macher Adrien Boulanger ist stolz darauf, dass sein Produkt nicht mehr allein für Süßspeisen, sondern von den Köchen der Nouvelle Cuisine Québécoise auch zur Verfeinerung von Geflügel- und Schweinefleisch verwendet wird. „Danach hast du viel Energie und musst tanzen.“

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Putumayo Presents Quebec
CD/ Exil, Indigo

Geeignete Tänze präsentierte 2008 das Weltmusik-Label Putumayo zum 400. Geburtstag der Stadt. Die Compilation-CD Putumayo Presents Quebec dokumentiert musikalische Viefalt: Zigeuner-Swing à la Django Reinhard, Musette-Walzer, Countrymusic-Lässigkeit, große Chanson-Pose, Celtic Folk-Gitarre und jiddische Klezmer-Klarinette.

 

Irrtum des Kolumbus

Am Rande streifte die Putumayo-CD auch den kulturellen Reichtum jener Amerikaner, die immer schon zwischen Hudson Bay im Norden und den Niagara-Fällen an der Grenze zur USA auf dem Gebiet der heutigen Provinz Quebec lebten. 1500 davon wohnen im Indianer-Reservat Wendake – obwohl: Sag niemals „Indianer“ zu einem Nachkommen der First Nations (französisch: Premières nations). Kolumbus hatte sie für „Inder“ gehalten, als er ihnen auf seinem Weg nach Indien begegnete. Die Huronen sind eine First Nation, die im 17. Jahrhundert mit den Franzosen Handel trieb, bis die englische Krone das Gebiet am Sankt-Lorenz-Strom eroberte.

„Wir Huronen waren die amerikanischen Venezianer“, sagt Tourismus-Manager Jason Picard. „Lange vor Kolumbus handelten wir mit unseren Nachbarn, zum Beispiel tauschten wir Felle gegen Nahrungsmittel.“ Im Gegensatz zu anderen First Nations betreiben die Huronen keine Glücksspiel-Kasinos. Das „Hôtel-Musée Premières Nations“ in Wendake setzt auf Nachhaltigkeit statt auf den schnellen Dollar. Jason Picard: „Unsere Gäste können hier den Lebensrhythmus des alten Amerikas spüren.“

Keine Märchentante

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Joanne Papineau in ihrem Garten auf dem Dach des Queen Elizabeth Hotel

Weder das Hotel noch das Museum bedienen Hollywood-Klischees. Für deutsche Besucher korrigiert die Geschichten-Sammlerin und Erzählerin Yolande-Okia Picard sogar die Lügenmärchen eines Karl May. Yolande-Okia ist keine Indianer-Märchentante, als Huronen-Sprachrohr spürt sie ähnlich wie ihre afrikanischen, asiatischen und europäischen Storyteller-Kollegen der Wahrheit hinter den alten Überlieferungen nach.

Quebec City und seine Umgebung verführt zum Blick in die Vergangenheit – die Wolkenkratzer in Montréal zwingen die Augen des Besuchers nach oben. Auf dem Dach des Queen Elizabeth Hotel arbeitet Joanne Papineau in ihrem Gemüsegarten. „Ich ernte hier 160 unterschiedliche Pflanzen im Laufe des Jahres. 15 Arten von Tomaten, diverse Pfefferminze, Paprika, Pfeffer, rote Bohnen, Gurken, Fenchel und andere Kräuter.“

 

Give Bees A Chance

Außerdem stehen hier oben Bienenkörbe. „Deren Honig haben Sie heute zum Frühstück gegessen.“ Das nächste Thema will Joanne Papineau schnell abhandeln: „Besucher fragen mich immer nach Strawberries. Aber Sie sehen ja selbst, Erdbeeren gedeihen hier oben nicht gut.“ Macht nix. Die Beatles-Fans erwarten hier keine „Strawberry Fields Forever“, sie kommen wegen „Give Peace A Chance“.

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Bitte nicht stören!
John und Yoko demonstrierten hinter dieser Tür für den Frieden

Es geschah 1969. John Lennon und Yoko Ono nutzten das Interesse an ihrer Heirat für politische Aufklärungsarbeit. Mit Schlafzimmer-Pressekonferenzen protestieren sie gegen den US-Militäreinsatz in Vietnam. Weil dem drogenkranken Beatle die Einreise nach New York verweigert wurde, flogen sie nach Montreal. Das Paar hatte nicht einmal Nachtwäsche. Joanne: „Die Pyjamas, in denen sie sich fotografieren ließen, gehörten dem Hotel. Auf Wunsch stellen wir heute die gleichen Modelle unseren Gästen zur Verfügung.“

 

Not amused

Gäste im Queen Elizabeth Hotel reagierten überhaupt not amused, als die Flitterwöchner mit ihrem Tross ankamen. Vor allem der Revoluzzer-Rauschebart von Allan Ginsberg weckte Furcht; niemand wusste, dass dieser Literatur-Papst der Beatniks ein buddhistischer Pazifist war und keiner Fliege etwas antun konnte. Beim ewig freundlichen LSD-Guru Timothy Leary oder dem inzwischen wegen Totschlags verurteilten Phil Spector wäre Misstrauen begründeter gewesen. Ansonsten zeigten die Lennons keine Auffälligkeiten, ihre Wünsche waren leicht zu erfüllen: Fisch, Reispudding, „Lots of tea“, ein Käfig für die weiße Maus und ein extra großer Kamm. Als der Beatle einen Tontechniker kommen ließ, wurde niemand misstrauisch. Heute können wir die im Rapportbuch des Hotels eingetragenen Anrufe von Gästen, die sich wegen der Lärmbelästigung beschwerten, musikhistorisch adäquat würdigen: Am 1. Juni 1969 nahmen John Lennon und die Plastic Ono Band in der Suite 1738/44 vom Queen Elizabeth Hotel in Montreal ihren ersten Hit auf.

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Irrtum – diese Metro-Station steht nicht in Paris, sondern in Montreal

 

Es hat geklappt

Sechs Wochen später war diese Lärmbelästigung die Nummer 14 der US-Charts. Bald darauf singen 500 000 Kriegsgegner vor dem Weißen Haus: „All we are saying is give peace a chance!“ Die Hotelsuite, in der diese Friedensbotschaft verkündet wurde, ist heute eine Kultstätte. Joanne Papineau: „Oft lassen Musiker sich hier inspirieren.“ – Aber nicht jeder Gast spielt ein Musikinstrument? – „Es kamen auch schon Paare mit der Absicht, ein Kind in diesem Bett zu zeugen. Neun Monate später teilten sie uns mit: Es hat geklappt.“

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Die Skyline von Montreal. Unter den Wolkenkratzern verzweigt sich im Untergrund die “Ville intérieure”

 

Alt-Hippies feiern Silber- und Gold-Hochzeiten im Honeymoon-Gemach der Lennons. Andere Paare wollen Schwung in ihr Eheleben bringen. Joanne Papineau kennt aber auch „Gäste, die mitten in der Nacht das Zimmer wechseln mussten, weil ihnen der Geist von John Lennon erschienen war“. Für Ton-Aufnahmen ist die Suite 1738/44 nicht zu empfehlen. Der Soundcheck mit einer Mundharmonika offenbart: Das plüschige Ambiente sorgt für akustisch angenehmes Raumklima – also ungeeignet für Plattenproduktionen, aber ideal für Plauderstündchen.

Turteltauben

Vermutlich deswegen hatten John und Yoko das Doppelbett in den Wohnbereich geschoben. Laut Hotel-Annalen blieb dem Hauspersonal „nur eine Stunde Zeit, um die Suite für die nachfolgenden Gäste herzurichten“. Die Turteltäubchen wurden mehrmals aufgefordert, das Bett zu verlassen. Dabei hat Montreal doch genügend andere Attraktionen zu bieten.

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Radtour über die F1-Rennstrecke in Montreal: Pole-Position auch in der letzten Startreihe

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Das Chateau Frontenac überragt die City of Quebec

Zum Beispiel eine Radwanderung. Wo auf der Welt bekommt der Biker innerhalb von einer Stunde dermaßen viel Abwechslung geboten? Eine Tour mit dem Bike-Guide Martin Coutu beginnt in den Wolkenkratzer-Schluchten, führt vorbei an viktorianischer Architektur des 19. Jahrhunderts, durch den Industriehafen mit seinen dicken Pötten, hinein in ein stilles Naturschutzgebiet – das sich entpuppt als jene Rennstrecke, auf der einmal im Jahr die Formel-1-Boliden dröhnen.

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 5 (1/2013)

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