Goto Hornsystem der Superlative- Holzbasteleien für Fortgeschrittene

Was macht ein Kopfarbeiter in seiner Freizeit? Bretter sägen!

Nun sitze ich hier in meinem Elend, weil sich der Klang dieser außergewöhnlichen Lautsprecherskulpturen in mein Hirn geätzt hat. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Denn der Blog-Eintrag, der mir den Weg zu Klaus S. wies, ließ keine Zweifel an der Qualität seiner Audioinstallation aufkommen. Die dort eingestellten Bilder waren es auch, die den Herrn Chefredakteur zu mehreren hundert Kilometer Anreise nötigten. Das wollte sich sogar der mit allen Wassern gewaschene alte Highend-Hase nicht entgehen lassen. So wartete ich also voller Vorfreude ungeduldig auf eine Lücke im prall gefülltenTerminkalender des Herrn Brockmann. (Moment, ich hatte sowieso ein paar Termine in der Gegend vereinbart – okay, nach der Zusage von Herrn S. wohl nicht ganz zufällig … Anm. CB)

Beim telefonischen Vorgespräch wurde klar, dass es sich bei Klaus S. nicht um einen abgehobenen Highender handelt, sondern um einen bodenständigen Rheinländer, der auf Rockmusik von Cream steht und nach eigener Aussage “ganz gut mit der Kreissäge kann”. Hoffentlich, so dachte ich, ist ihm durch die Überbewertung des Selbstgeschaffenen der Bezug zur Realität nicht abhanden gekommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr ich mich irrte. Wenn Ohren lächeln könnten …
Klaus S. hatte immer eine klare Vorstellung davon, was das Ziel seiner Obsession ist. Dieses Ziel verfolgt er zielstrebig seit 40 Jahren, unterbrochen nur durch eine mehrjährige musikalischen Babypause. Erst als die Kinder ins Basshorn krabbeln konnten, ging damals die audiophile Reise weiter. Und wie! Auf kleine Hörner folgten “richtige” Hörner, die die Mietwohnung verdunkelten. Materialrecycling wurde bei dieser Wahnsinnsmaterialschlacht zur Notwendigkeit, ebenso wie Textilbespannungen vor den Basstreibern gegen Insektenbefall. Nach dem Umzug ins Eigenheim folgte dann der Sprung in die berufliche Selbständigkeit. Die dafür benötigten ca. 100 Quadratmeter Bürofläche wurden kurzerhand angebaut und auch gleich als zukünftiger Hörsaal geplant. Wenn schon, denn schon!

Um die Akustik zu optimieren, besitzt der Raum keine parallelen Wände; bei einer Grundbreite von gut über acht Metern ist die rechte Seitenwand etwa zehn Meter, die linke jedoch zwölf Meter lang. Die Decke des Spitzdaches besteht zudem aus hohlen Terrakotta-Elementen, die mit stolzen 50 Kilogramm pro Quadratmeter zu Buche schlagen. Um das enorme Gesamtgewicht plus eventueller Schneelast locker zu stemmen, war der ursprüngliche Plan des (unaudiophilen) Architekten, das Dach vergleichsweise simpel mit vier tragenden Säulen im Raum abzustützen. Klaus S. verwarf diese Idee kurz und trocken: “Was soll ich denn damit?“, also ist der tragende Längsdachbalken nun ungefähr einen Meter hoch und 40 Zentimeter breit – eine ziemlich fette Pfette, sozusagen.

Klaus S. ist Baujahr 1952 und hat noch nie Fertigboxen besessen. Sein Verlangen nach besserem Klang wurde im Alter von 15 Jahren geweckt, als er das erste Mal Disraeli Gears von Cream hörte. Er befand: „Das ist meine Musik! Die will ich vernünftig hören!“ – und baute sich sein erstes Paar Lautsprecher. Anleitungen und Bauteile boten Lautsprecherselbstbauläden damals ja zuhauf. Ein paar Boxenpärchen später war der Cream- und Coca-Cola-Fan bereits ins Fanlager der Hornlautsprecher gewechselt und hatte sich im Bassbereich zum JBL LD15a, dem Tieftöner der berühmten Paragon “hochgearbeitet“. Da entdeckte er in einem dieser Läden ein Datenblatt der Edeltreiber von Goto aus Japan. Er staunte nicht schlecht und beschloss, dass von nun an das Allerbeste für seine Kreationen gerade gut genug sei. Also ging er zur Post und überwies in mehreren Teilbeträgen einige Tausend D-Mark nach Japan – in der vagen Hoffnung, von dort in naher Zukunft ein Paar Tieftöner geliefert zu bekommen. Und? Das passierte tatsächlich! Um seine Leidenszeit nicht noch unnötig zu verlängern, holte er die Chassis dann persönlich im Hamburger Hafen ab. Viele weitere Lieferungen aus Japan sollten in den nächsten Jahrzehnten folgen, sodass heute die gesamte Lautsprecherinstallation mit Goto-Treibern arbeitet – ein Ausdruck seiner Überzeugung, dass alle Wege eines Lautsprechers in gleicher Qualität bestückt sein müssen. Das klangliche Ergebnis bestätigt diese Ansicht, die „Klamüsterei oberster Kajüte“ (Zitat CB) hat sich gelohnt: Jede Art von Musik wird hier fast schon erschreckend real zum Leben erweckt.
Der Bau der gigantischen Hörner bedurfte einer gewissen Meisterschaft an der Kreissäge. Die einzelnen MDF-Elemente sind auf ihrer Rückseite in definierter Tiefe eingesägt, um sie auf diese Weise biegsam zu machen. Nach dem Zusägen werden die Einzelteile miteinander verleimt und verspannt. Fehler sind eigentlich nicht erlaubt, führen sie doch meistens zum Totalverlust des Bauobjektes. Anfangs passierten sie ab und an, doch seit einiger Zeit hat Klaus S. den Bogen raus und benötigt für die Fertigung eines komplettes Horns „nur“ noch rund eine Woche.

Wir erleben die vierte Version der Kugelwellenhörner: ein aktives Fünfwegesystem mit analoger Frequenzweiche, das der Hausherr mit großem Können und jahrzehntelanger Erfahrung abgeschmeckt hat und uns sofort echte Hochachtung abnötigt. Jeder, der auch nur ansatzweise etwas Ähnliches einmal versucht hat weiß, wie schnell man sich in der Unmenge an Abstimmungsparametern verirren kann. Experimente mit digitalen Frequenzweichen beispielsweise, so Klaus S., verschlechterten die Performanz und wurden daher wieder verworfen. Und um nicht vollends zur Immobilie zu verkommen (und wenigstens im Notfall auch bis in die hintersten Ecken gelangen zu können), sind die vier Tiefbass- und Oberbasshorn-Module auf rollbaren Gestellen montiert. Aufgrund der enormen Länge von über vier Metern und entsprechendem Gewicht sind allerdings trotzdem mehrere gestandene Männer zu motivieren, um die Frequenzkellergiganten von der Stelle zu bewegen. Die restlichen Elektronik-Komponenten der Anlage sind eher unspektakulär, highendiges Feintuning findet kaum statt, es regiert audiophiler Pragmatismus. So dienen etwa modifizierte Transistor-Endstufen von Hitachi und Kenwood, aber immerhin auch ein Omtec-Exemplar als Antrieb. (Und ein bildhübscher Transrotor-Plattenspieler steht als Prospektablage ungenutzt im Nebenregal, tss, tss! Anm. von CB)
„Die Boxen machen den Sound” lautet die Maxime von Klaus S., und das Endergebnis gibt ihm zweifellos recht. Gleichwohl ist für die Zukunft eine gewisse Aufrüstung von Kabeln und Geräten geplant. Vorher müssen jedoch die Horngehäuse noch äußerlich geteert (mit Bitumen), aber glücklicherweise nicht gefedert werden.


Klaus S. liebt es, Freunden Musik in allerhöchster Aufnahmequalität vom Computer vorzuspielen, um deren Freude daran zu erleben. Er berichtet, dass solche Aufführungen bereits mit Beifall seitens der Zuhörer bedacht wurden. Aber auch ganz normale CD-Aufnahmen sollen schon zu Begeisterungsstürmen geführt haben. Eine vom Autor hinterrücks ins Spiel gebrachte Live-CD von Ricky Lee Jones, eigentlich dafür gedacht, den Hörnern “mal so richtig auf den Zahn zu fühlen”, wurde jedenfalls perfekt und absolut hinreißend reproduziert.

Offenbar hat es in Deutschland bisher wenig Interesse an diesen Hörnern gegeben. Die Besucher kommen, so Klaus S., größtenteils aus Japan, Australien, den USA, den Niederlanden und aus Frankreich. Jean Hiraga beispielsweise, der große Mann der audiophilen Szene, war nicht nur der erste „professionelle Besucher“ dieses Systems, Monsieur Hiraga war sogar schon mehrfach privat zu Besuch, da ihm diese “Lautsprecher” außergewöhnlich gut gefallen. Wie zum Ausgleich gab auch schon ein paar Gegenbesuche bei anderen Audioextremisten innerhalb Europas. Bei denen durften Klaus S. und seine Frau Monika – die uns später am Abend mit einer königlichen Hühnersuppe verwöhnte – feststellen, dass es bei Ihnen daheim immer noch ein wenig besser tönt als bei praktisch allen anderen dieser Zunft. Wie sollte ich da widersprechen wollen, bei diesem Klangerlebnis! Und bei diesem feinen Süppchen …
Wie weit man mit der absoluten Fokussierung auf das Wesentliche, das Lautsprechersystem, unter Verzicht auf das allseits beliebte Tuningzubehör in unserem Hobby kommt, darf jeden Highender nachdenklich stimmen. Es klingt im Hause S. schlicht so, wie es sich die allermeisten von uns wohl immer erträumt haben! Musik entsteht vollkommen ansatz- und mühelos aus absoluter Stille, alles ist unmittelbar „da”, und zwar unabhängig von der gewählten Lautstärke. Die Größenrelationen sind trotz der riesigen Lautsprecher intakt. Aus meiner Sicht bleibt da kein Auge trocken und kein Wunsch mehr offen. Oder auch kurz: Ist das geil!

Lediglich zwei Dinge wären jetzt noch zu klären: Woher bekomme ich den Zweitschlüssel dieses Hörtempels? Und wieso habe ich den Topf mit der Hühnersuppe nicht mitgenommen?

 

Die Anlage von Klaus S. aus L.
5-Wege-Hornlautsprechersystem, aktiv

CD-Laufwerk: Sony XA50ES
Computer/PC: ca. 5 Jahre alt (Soundkarte wird nicht benutzt, derzeit bevorzugt: foobar2000, FLAC-Dateien etc. – wird sich noch ändern)
DAC für PC-Daten und CD-Laufwerk: Doede DDDAC 1794 mit einem Turm (ohne Oversampling)
Vorverstärker: Eigenbau
Aktive Frequenzweiche: 24 dB/Oct., analog, Eckfrequenzen 90/300/1200/6600 Hz
Endverstärker: Transistor-„Youngtimer“ von Hitachi (modifiziert),
Kenwood (modifiziert) und Omtec
Bass: 2 x Goto SG38 W (15“), Horntrichter ca. 400 cm lang, 11-eckig, ø Hornmund ca. 187 cm (20-90 Hz), auf fahrbarem Gestell
Grundton: Goto SG 146 LD, Horntrichter ca. 230 cm lang, 11-eckig, ø Hornmund ca. 162 cm (90-300 Hz) auf fahrbahrem Gestell
Mittelton: Goto SG505 DX mit 75cm-hyperbolisch-Horn S150 (300-1200 Hz)
Hochton: Goto SG370 DX (1200-6600 Hz) Horn S600
Superhochton: Goto SG160 (ab 6600 Hz)

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