Buchprüfung: Thomas Mann – Doktor Faustus

Fiktive Musik

Man mag Thomas Mann oder man mag ihn nicht. Aber sollten Sie Musik nicht nur hören wollen, sondern sich mit ihr auch auseinandersetzen, kommen Sie an Thomas Mann kaum vorbei. Ob bei Fragen zu Richard Wagner, der Romantik oder Theodor W. Adorno: Plötzlich läuft einem Thomas Mann über den Weg. Zum Beispiel sein Doktor Faustus, dieser Roman über einen fiktiven Komponisten. Mann schrieb ihn zwischen 1943 und 1947 im amerikanischen Exil, erschüttert von den Vorgängen in Deutschland und Europa. Verzweifelt suchte er nach einer Erklärung dafür, wozu die Deutschen in der NS-Zeit fähig waren, wie es mit Deutschland überhaupt so weit kommen konnte, warum es sich – wie einst der Doktor Faust aus der Sage – dem Bösen verschrieben hatte.

Thomas Mann Doktor Faustus

Thomas Mann – Doktor Faustus
Roman/Fischer

Mann plante einen Roman über Deutschland zu schreiben, am Beispiel eines deutschen Künstlers, am besten eines Musikers, denn er hielt die Musik für die deutscheste der Künste. Und gerade da fiel ihm ein Manuskript des fast 30 Jahre jüngeren Theodor W. Adorno in die Hände, das die fast unlösbare Problematik zeitgenössischen Komponierens beschreibt, die zu lösen geradezu übermenschliche Kräfte verlange. So entstand Thomas Manns Figur des Adrian Leverkühn, der als Komponist das Unbedingte wollte, um jeden Preis, auch um den Preis des Teufelspakts. Ein faustischer Musiker als Symbol des Besten und des Schlimmsten, das aus Deutschland kommt.

Weil Thomas Mann den Musikphilosophen Adorno zur Mitarbeit bewegen konnte, wurde aus der literarischen Gegenwartsbewältigung ein echter Musikroman. Die Analyse von Beethovens Opus 111, die Theorie der Zwölftonmusik, selbst die Beschreibung fiktiver Musikstücke: Der Musikfan liest sie mit Gewinn und Begeisterung. Dass das Buch gleichzeitig ein spannender Epochenroman ist, sogar mit Boulevard-Elementen, und viele verschiedene Assoziationsebenen bedient, macht die Sache nur noch besser. Nur die Musikwelt reagierte einst etwas verwirrt auf diesen vieldeutigen Roman – denn Adornos Manuskript, aus dem Thomas Mann sich bediente, erschien erst zwei Jahre später. Am meisten aufgebracht war der Komponist Arnold Schönberg, aber das ist eine andere Geschichte. Man mag Thomas Mann oder man mag ihn nicht. Nach Doktor Faustus mag man ihn auf jeden Fall ein großes (oder ein kleines) bisschen mehr.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 8 (4/2013)

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