Raidho Acoustics – Diamantenfieber

In Dänemark, so heißt es, sind Klarheit und Wahrheit zu Hause. Im äußersten Norden des Landes entstehen besonders klar gestaltete und besonders wahrheitstreue Lautsprecher. Und Juwelen glitzern hier mattgrau.

Was mir spontan zu Aalborg einfällt? Als trinkfester Norddeutscher sollte das normalerweise hochprozentiger Aalborg Akvavit sein. Als linientreuer Highender jedoch sind das natürlich die hochkarätigen Lautsprecher von Raidho. Während der Kümmelschnaps aber gar nicht mehr in Aalborg, sondern irgendwo in Norwegen gebrannt wird, fertigt Raidho seine Schallwandler noch immer in Pandrup, einem Nachbarörtchen von Aalborg, nur einen Katzensprung vom befahrbaren Nordseestrand in Blokhus entfernt. Daran wird sich so bald auch nichts ändern: Erst kürzlich wurde ein zusätzlicher Flachbau auf der Straßenseite gegenüber dem Firmensitz hinzugekauft – weitere 600 Quadratmeter für Fertigung und Lager, trotz schlanker Logistik des 15-köpfigen Unternehmens. Fast alle wichtigen Zulieferer befinden sich in der näheren Umgebung, der Warenfluss funktioniert beinahe auf Zuruf. Nur die eleganten Gehäuse der Lautsprecher werden – ausgerechnet im Land des gediegenen Möbelbaus – aus Fernost zugeliefert, weil sie, so Raidho, aufgrund der Gesamtkonstruktion für das Klangergebnis „nicht sooo wichtig sind“. Und das schmetterlingsgespiegelte (zweifach „aufgeklappte“) Hochglanz-Walnussfurnier kommt aus Italien.
Die elaboriertesten Bauteile – diejenigen nämlich, die niemand sonst auf der Welt für den High-End-Lautsprecherbau einsetzt – sind made in Denmark: Die einzigartigen Bändchenhochtöner, die alle Raidho-Modelle krönen und überhaupt den Anstoß zur Gründung des Unternehmens gaben, werden hier in Pandrup handgefertigt. Die Aufsehen erregenden Tieftonmembranen der Topmodelle wiederum entstehen im Dansk Teknologisk Institut (DTI) der Universität in Aarhus.
Nicht zuletzt mit solchen Exklusivitäten hat sich Raidho Acoustics innerhalb von nur einem Jahrzehnt im absoluten High-End-Markt etabliert. Was auch die Muttergesellschaft Dantax erfreut. Das börsennotierte Unternehmen, das in Skandinaviens Audio-Landschaft eine gewichtige Rolle spielt (und hierzulande praktisch unbekannt ist), hat Raidho als audiophile Speerspitze ins Firmengeflecht integriert und federt auch kostenintensive Sonderwünsche der Manufaktur mit einem satten Finanzpolster ab. Noch schöner finden es die Investoren, dass die exklusive Marke trotzdem Gewinne einfährt.


Für den Erfolg von Raidho zeichnen Michael Børresen und Lars Kristensen verantwortlich, die hier ihre Kräfte und Talente bündeln. Michael ist der querdenkende Techniktüftler und kreative Entwickler, Lars der Lenker („Aufpasser“) und Markenbotschafter. Eine symbiotische, energetische Beziehung. Die beiden waren sich schon in den Neunzigern, weit vor der Firmengründung begegnet – in den Rollen als „High-End-Ladenbesitzer“ und „schwieriger Kunde“. Lars Kristensen, der als Sohn des ersten High-End-Händlers Dänemarks zwischen McIntosh und Marantz aufwuchs („I was born into this business!“), musste sich vom perfektionistischen Kunden Michael ständig anhören, das dessen selbst entworfener Bändchenhochtöner viel besser als alles auf dem High-End-Markt zu Findende sei.
Zwischendurch verloren sich die beiden aus den Augen. Kristensen machte Karriere als Frontmann des US-Kabelherstellers Nordost, Børresen konstruierte Flughafen-Trolleys (Kopenhagen, Amsterdam) und Hightech-Fahrradteile und war außerdem im Olympiakader der dänischen Segler an Bord. 2003 liefen sich Michael und Lars zufällig wieder über den Weg – an einem Hotdog-Stand in Aalborg. Sofort war man wieder beim Thema Bändchenhochtöner, und nach einer persönlichen Demonstration des „tatsächlich sensationell guten Hochtöners“ (Lars) beschlossen sie, eine gemeinsame Firma zu gründen: „Raidho“ ist ein Buchstabe des Runen-Alphabets, der dem „R“ ähnelt und im weiteren Sinne „Fortschritt“ bedeutet, also nicht nur physisch, sondern auch geistig. Wer will, darf daraus auch gerne „work in progress“ ableiten.
Genau diesen Eindruck vermittelt die Manufaktur bei unserem Besuch. Im ruhigsten Eck der Firma (aber doch nahe genug am Betriebskühlschrank mit den Frem-Cola-Vorräten) entstehen besagte Bändchenhochtöner in konzentrierter Handarbeit. Die bewegte Masse beträgt 0,02 Gramm. Michael zieht zur Verdeutlichung eine der hauchdünnen, feingliedrig geprägten Aluflächen von der Trägerfolie und reicht sie herum – jede Mücke ist dagegen ein Elefant. Die Membranfolie liefert übrigens ein nachbarschaftlicher Spezialbetrieb zu, der einst Mobiltelefone und Mikroantennen baute und auf reichlich Erfahrung mit anspruchsvoller Feinmechanik zurückgreifen kann.
Dem sensationellen Hochtöner müssen natürlich möglichst adäquate, sprich schnelle und verwindungssteife Tieftöner zur Seite stehen. Raidho setzt dazu auf extrastarke Antriebe mit Stabmagneten, belüftete Titan-Schwingspulen und zahlreiche andere Details, alle selbst entworfen und hier montiert. Als absoluter Trumpf für Technophile setzt Raidho auf exklusive Membranmaterialien, die in den Topmodellen zum Einsatz kommen. Zur Verdeutlichung reicht Michael drei identisch große Konusmembranen herum, die sich auf den ersten Blick nur durch die Farbstufen Lichtgrau, Mittelgrau und Anthrazit voneinander zu unterscheiden scheinen. Doch schon eine leichte Berührung mit der Fingerkuppe lässt akustisch auf unterschiedliche Materialien schließen. Tatsächlich besteht die erste Membran aus der ursprünglichen Keramikmixtur, die zweite wurde mit Titan beschichtet, die dritte mit einer hauchdünnen Schicht aus Diamant. Wobei die „Beschichtungen“ eigentlich gar keine sind, wie wir noch lernen werden, sondern eine echte Umwandlung des Ausgangsmaterials.


Auf welche Weise sich diese „Hightech-Alchemie“ klanglich manifestiert, werden wir jetzt im Demostudio erleben. Nicht ganz zufällig gibt es hier drei vollkommen identische Pärchen des Kompaktmodells 1.1, die sich ausschließlich im Membranmaterial der Tiefmitteltöner unterscheiden. Und schon die Basisversion gefällt mit erstaunlicher Souveränität und exzellenter Raumausleuchtung. Ein Upgrade zur Titan-Version bringt eine hörbare Ausdehnung des Frequenzspektrums und ein nochmals besser verzahntes Zusammenspiel der beiden Treiber, ganz offenbar ein Verdienst der deutlich steiferen Konusmembran. Der Hammer aber ist, wie vollkommen locker sich die Diamantvariante davon noch abzusetzen weiß. Nicht einmal der kleinste Ansatz einer klanglichen Signatur des Membranmaterials ist mehr festzustellen, die beiden Ausnahmetreiber verschmelzen akustisch perfekt. Der Winzling strahlt dadurch eine solitäre Selbstverständlichkeit und Souveränität aus, dass es uns kurzzeitig glatt den Atem verschlägt. Eigentlich wäre jetzt ein Akvavit angebracht.
Lars und Michael kennen die klanglichen Meriten der Diamantvariante natürlich nur allzu gut. Sie wissen aber auch ebenso gut um die immensen Kosten, die das extrem aufwendige und zeitraubende Beschichtungsverfahren bei der Herstellung verursacht. Daher bleibt die sensationell (nicht-)klingende und sensationell preistreibende Diamant-Option den größeren Modellen des Hauses vorbehalten.
Um das Veredelungsverfahren mit Titan und Diamant vor Ort kennenzulernen, fahren wir am nächsten Morgen rund 100 Kilometer durch Norddänemark, von Aalborg nach Aarhus. Im „Tribologicentret“ (Zentrum für Reibungslehre) des zur Universität Aarhus gehörenden Teknologisk Institut empfängt uns Bjarke Christensen. Der erfrischend dynamische Jungwissenschaftler ist der Verbindungsmann des Instituts zu Raidho und gehört zu einem 18-köpfigen Team aus Wissenschaftlern, die auch eigentlich Unmögliches realisieren, solange es nur irgendwie mit Metallen und deren Veredlung bzw. Vergütung zu tun hat. Bjarke zeigt uns zunächst ein paar Beispiele aus Makro- und Zahnmedizin, aus Chemie und Werkzeugbau, an deren Entwicklung und Umsetzung das DTI entscheidenden Anteil gehabt hat: winzige intravenös einzusetzende Kameraköpfe, ultraharte Bohrfutter, Halbzeuge zur Insulinspritzenherstellung oder auch Fischkonservenverschlusswerkzeug (Dänemark!). Dann endlich eine vertraute Ansicht: eine Lautsprechermembran mit kunstvollen Mustern drauf – Beispiel für einen Fehlversuch, Raidhos Keramikmembran mit einer materialdurchdringenden und gleichmäßigen Diamantschicht zu veredeln. Ja, sagt Bjarke, für die richtige Dosierung des dafür zuständigen Teilchenbeschleunigers habe man reichlich „try & error“ zu überwinden gehabt. Und tatsächlich: Im DTI sorgt ein „kleiner“ Teilchenbeschleuniger – groß wie eine doppelte Schrankwand – für die nötige Energie, um mittels enormer Hitze und eines ultrastarken Magnetfelds das jeweils montierte Material der auswechselbaren Donatoren („Spender“) anzulösen und dieses auf ca. 80 Prozent Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Dieser Prozess dauert im konkreten Fall 18 Stunden und verändert die im Inneren eingespannten Objekte (hier: Membranen) nicht nur oberflächlich, vielmehr dringen die Teilchen auch in das Ausgangsmaterial ein und verändern dadurch dessen Eigenschaften. Hörbar, wie wir mittlerweile wissen.
Die Materialmutation der Raidho-Membranen mag hauchzart wirken, ist aber keineswegs unerheblich: Pro Konus kommen, abhängig vom Durchmesser, zwischen anderthalb und drei Karat zusammen, also immerhin 0,3 bis 0,6 Gramm. Allerdings glitzert dann rein gar nichts, zumindest nicht optisch. Daher trägt der Highender von Welt seine Hochkaräter auch nicht protzig am Finger spazieren, sondern versteckt sie in einem unauffällig-seriösen Mattgrau in großen, schlanken Lautsprechern aus dem Norden Dänemarks. Wenn Sie uns fragen: eine der besten Wertanlagen überhaupt.

 

www.gaudios.info

www.raidho.dk

 

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