Classidelity: William Thomas Best – Best’s Bach

Bach neu gewandet

Einspielungen von Orgelwerken Johann Sebastian Bachs gibt es wahrlich zuhauf. Die Besonderheit bei dieser Bach-Aufnahme (audite 92.663) liegt in der historisch begründeten Wiedergabe, die sich auf die Einrichtung der Bach’schen Orgelwerke durch den englischen Organisten William Thomas Best (1826–1897) stützt. Während Bach heute meist in gleichbleibenden Registrierungen und einheitlichem Affekt gespielt wird, deutete Best die Werke musikalisch und dramatisch aus, um dem englischen Publikum den Zugang zu der damals eher unbekannten Literatur zu erleichtern und auch dem ungeheuren Einfallsreichtum Bachs gerecht zu werden. Best nutzte als Grundlage für seine Bearbeitung die sogenannte „Alte Bach-Ausgabe“, der er eigene Vorschläge zu Tempo, Dynamik und Registrierung hinzufügte. Gerne streitet man sich bis heute um die einzig wahre und historisch korrekte Interpretation, die es de facto aber nicht geben kann. Bests Ansatz ist seine eigene Sicht auf Bach, die er unter Ausnutzung der klanglichen und technischen Möglichkeiten einer Orgel im 19. Jahrhundert gewissermaßen als Regisseur, wie es Organist Carsten Wiebusch formuliert, weitergab.

William Thomas Best Best's Bach

William Thomas Best – Best’s Bach
Carsten Wiebusch
CD/audite

Zunächst ist der Tonmeister zu loben: Die Orgel wurde präsent und direkt aufgenommen, sodass der Charakter des Instruments und seine Klangstärke ausgezeichnet beim Zuhörer ankommen. Die unvermeidlichen Trakturgeräusche machen die Aufnahme nur authentischer.

Carsten Wiebusch spielt makellos und setzt die ihm zur Verfügung stehenden 86 Register gekonnt ein. Die Klais-Orgel der Karlsruher Christuskirche besitzt eine unglaubliche Zahl an Spielhilfen und Koppeln, derer sich ein Bach sicher auch bedient hätte. Das Album ist ein willkommenes Beispiel dafür, dass Meilensteine der Bach-Rezeption ihre Gültigkeit nicht verlieren. Zwar unterwerfen sich viele Interpreten dem vorherrschenden Zeitgeist und aktuellen Stand der Forschung, aber ein musikalisch durchdachtes Produkt des 19. Jahrhunderts hat auch heute noch seine Berechtigung. Wiebusch erweitert den Katalog von Orgelaufnahmen damit um eine absolut hörenswerte Bach’sche Facette, die sich wohltuend vom üblichen Einheitsbrei abhebt.

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