Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Nun auch noch der Bonaparte des Pop. Am 21. April 2016 wurde Prince Rogers Nelson leblos aufgefunden. Zum momentanen Zeitpunkt, während die Tauben draußen noch zu weinen scheinen, wird über die genaue Todesursache noch spekuliert, aber zum Musiker Prince ist von Kollegen und sonstigen Prominenten schon alles gesagt. Im Zeitalter sozialer Medien ist jeder Anlass willkommen, im Newsfeed gelistet zu werden, dabei können eine Million „RIP!!!“ in den Kommentarspalten nicht eine einzelne Schweigeminute aufwiegen. Vielfach wird schon vom „Todesjahr 2016“ gesprochen, aber – ich will Ihnen wirklich nicht die Stimmung vermiesen – ich fürchte, wir werden uns an Todesanzeigen alter Helden gewöhnen müssen. Der Rock ’n’ Roll ist im Rentenalter und muss sich mit seiner natürlichen Sterblichkeit auseinandersetzen. Stellen Sie sich eine Welt ohne Dylan, Richards, Young, McCartney, Cohen oder Willie Nelson vor, dann bekommen Sie eine Ahnung dessen, was uns bevorsteht.
Die große Zeit von Prince war in den Achtzigern, mit Sign O’ The Times als glorreichem Höhepunkt. Ein Meilenstein und Meisterwerk, das in skizzenhafter Form die gesamte Geschichte der Black Music nachzeichnete, wie es auch deren Zukunft hellseherisch vorwegnahm. Wahrscheinlich das wichtigste schwarze Album der Achtziger. Die Karriere des kleinen Prince aus Minneapolis bis 1992 ist in ihren Auswirkungen kaum zu hoch einzuschätzen. Selten bekam ein Musiker so einhellig und breitenwirksam das Etikett „Genie“ umgehängt. Aber schon zwei Jahre später, als das „mythische“ Black Album von 1987 doch noch veröffentlicht wurde, ließ es die Musikwelt bereits merkwürdig kalt.
Ein Jahr zuvor hatte Prince den zweiten, komplexeren Teil seiner Karriere eingeleitet, indem er seinen Namen ablegte und sich „slave“ auf die Wange schrieb, um sehr zugespitzt auf seine Abhängigkeit als Künstler von Plattenfirmen und anderen kunstfernen Institutionen aufmerksam zu machen. Der schwelende Konflikt zwischen dem egozentrischen Exzentriker mit starkem Gerechtigkeitssinn und der übermächtigen Musikindustrie war ausgebrochen. Was das für die Verkaufszahlen des Pop-Mozarts bedeutete: Zählen Sie mal alle Alben in chronologischer Reihenfolge auf. Kleiner Tipp: Es sind rund vierzig! Die späte Independent-Karriere des Künstlers ist ein Lehrstück über Marketingmacht und Konsumentenführung. Als Don Quichotte verlor er seine tagesaktuelle Relevanz. Da mochte er seine Alben sogar als Zeitungsbeilage verschenken – ohne die Promo-Maschinerie eines Majors erreichte er seine Fans nicht mehr im selben Maße wie früher. Sein tragischer, weil vorzeitiger Tod, zwei Jahre nachdem er sich doch noch mit Warner einigen konnte und einen späten Sieg einholte, sollte Anlass sein, unser Konsumverhalten zu hinterfragen, denn die Moral des Dramas steht uns noch bevor. Offenbaren wird sie sich, sobald es der Musikindustrie gelingt, die Archive des Paisley Parks zu plündern. Sie lautet wenig überraschend: Besser als ein attraktiver Teenie-Star verkauft sich nur eine tote Legende.

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