Kennen Sie John Kander?

Fiktive Jazz-Nostalgie: Berlin, New York, Chicago

Natürlich kennen Sie John Kander: „New York, New York“ war Frank Sinatras Signature Song. Selbst Louis Armstrong sang „Cabaret“. Und „I Move On“ aus dem Film „Chicago“ wurde 2003 für einen Filmsong-Oscar nominiert

Und doch: Kaum jemand kennt John Kander wirklich. Den Komponisten, der zusammen mit dem Texter Fred Ebb (1928–2004) einige der besten Film-Musicals der siebziger Jahre mit umwerfenden, zündenden, jazzigen Songs versorgt hat.

John Kander

Der Komponist John Kander

Broadway-Kenner Thomas S. Hischak nennt Kander und Ebb „das vielversprechendste und faszinierendste Songwriter-Team, das aus den sechziger Jahren hervorging“. Aber er fügt auch gleich hinzu, dass kein Songwriter-Team jemals so im Schatten berühmter Regisseure, Bühnenstars und Choreographen stand: „Nach mehr als 20 Jahren Qualitätsarbeit sind sie noch immer kaum bekannt“ (Hischak 1991). Kander und Ebb gehören unglücklicherweise einer Zwischengeneration an – zwei Jahrzehnte jünger als ein Harold Arlen oder Johnny Mercer, denen wir noch große Jazz-Standards verdanken, und zwei Jahrzehnte älter als Musical-König Andrew Lloyd Webber. Die siebziger Jahre waren eine gute Zeit für kritische Bühnen- und Filmkunst, aber kein Mainstream-Paradies.

Cabaret

Cabaret
Original Sound Track
LP/MCA

Ihr größter Erfolg wurde Cabaret – 1966 als Musical, 1973 als mehrfach oscarprämierter Film mit Liza Minnelli in der Hauptrolle und etlichen deutschen Schauspielern (Helmut Griem, Fritz Wepper, Ralf Wolter u.a.). Die Idee zündete: das Cabaret als Spiegel der Zeitgeschichte, Berlin zwischen den Kriegen, zwischen Wirtschaftskrise und Nazi-Bewegung, tanzend auf dem Vulkan. Kander und Ebb lieferten die Songs, nostalgisches Charleston-Varieté, durchsetzt mit deutschen Wörtern und politischen Anspielungen: „Willkommen“, „Mein Herr“, „Two Ladies“, „Maybe This Time“, „Money, Money“, „If You Could See Her“ und natürlich „Cabaret“, durchweg mitreißend swingender Song-Stoff. In diesem Sujet war Platz für das freie Spiel mit historischen Vorgaben, für zynische Texte und ironische Verfremdungen. Selbst „Tomorrow Belongs To Me“ überzeugt, die Imitation eines apolitischen, politisch missbrauchten deutschen Volkslieds (auf Englisch!). Der Soundtrack bietet außerdem noch eine Kostprobe der legendären Diseuse Greta Keller (auf Deutsch: „Heiraten“) und einen stilecht erfundenen Cabaret-Jazz-Instrumental („Sitting Pretty“).

Cabaret

Berliner Cabaret: Herren und Damen beim Tanz auf dem Vulkan

 

New York, New York

New York, New York
Original Motion Picture Score
LP/EMI

Vier Jahre später: wieder ein Film-Musical, wieder Jazz-Nostalgie, wieder mit Liza Minnelli in der Hauptrolle. New York, New York (1977) beginnt am Tag der japanischen Kapitulation (1945) und erzählt die Geschichte einer Showbiz-Affäre, die nicht gut enden kann. Die Musik auf dem Soundtrack beschwört den jazzigen Klang der Vierziger: Der Swing-Saxophonist Georgie Auld (1919–1990) übernahm im Film nicht nur die Rolle des Bandleaders Frankie Harte, sondern spielt auch all die Saxophonsoli, die Robert De Niro nur mimt. Zwischen die echten Standards sind ein paar großartige Kander-Ebb-Songs gestreut, etwa der Fingerschnipper „There Goes The Ball Game“ und die Ballade „But The World Goes Round“ – brach liegende Songjuwelen, raffiniert eingepasst. Und dann ist da natürlich noch der Titelsong: „Start spreadin’ the news, I’m leaving today, I want to be a part of it: New York, New York“ – John Kanders Welthit. Frank Sinatra sang die Hymne auf Manhattan unzählige Male, ebenso Liza Minnelli, Shirley Bassey oder Sammy Davis Jr. Auf Spanisch beginnt der Song: „Cascada de luz te quiero alcanzar“. Harald Juhnke machte daraus sogar „Berlin, Berlin“.

 

Zwischen den Filmen Cabaret und New York, New York präsentierten Kander und Ebb ein neues Musical: Chicago. Die Idee folgte dem Rezept von Cabaret, doch diesmal wird der Knast zur Bühne. Im Gangster-Chicago der 20er Jahre verschmelzen Jazz und Kriminalität, Mörderinnen steigen zu Showstars auf. Aber das Musical floppte 1975 und der Broadway-Kenner wusste warum: „Alle Figuren waren Lügner und Betrüger, alles versank in Zynismus.“ Merke: Chicago ist nicht Berlin – und nicht bei jedem Thema schluckt das US-Publikum kritische Verfremdung.

Cabaret

Doch 30 Jahre nach dem Film Cabaret war die Zeit endlich auch reif für Chicago: 13 Oscar-Nominierungen gab es für die geniale Verfilmung mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere. Eine größere Ballung an packenden, cleveren, jazzinspirierten Songs als auf dem Soundtrack ist kaum vorstellbar: vom groovenden Moodsetter „And All That Jazz“ bis zur Ragtime-Parodie „We Both Reached For The Gun“, vom Queen-Latifah-Aufreißer „When You’re Good To Mama“ bis zum Mörderinnen-Triumphlied „I Move On“. In der Band: Derek Watkins, Stan Sulzmann, Lou Marini und viele andere Jazz-Virtuosen. Höchstempfehlung – gleichermaßen für Jazz-Aficionados (Musik) wie für desillusionierte Beobachter der menschlichen Gesellschaft (Texte).

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