Winfried Dulisch schlendert durch Dublin

Paris und London haben die heißeren Jazz-Clubs. Renommierte Opernhäuser stehen in Mailand und Wien. Angesagte Deejays locken in Berlin und Barcelona die Schönen der Nacht auf die Dancefloors. Aber die Hauptstadt der Republic of Ireland beweist an jeder Straßenecke: Hier spielt die Musik!

Eine von diesen Straßenecken wurde benannt nach Rory Gallagher. Der 1995 verstorbene Blues-Gitarrist hat eine typisch irische Biographie: Als Kind lebte er mal in der seit 1922 unabhängigen Republik, mal in dem zu Großbritannien gehörenden Norden – und zwar in jenen Zeiten, die heute von den Iren gerne als „Troubles“ verharmlost werden. Die knapp zwei Autostunden nördlich von Dublin verlaufende Grenzlinie ist heute nicht mehr erkennbar. Hinweisschilder fehlen, weil sie von irischen Unabhängigkeits-Fanatikern oder von ausländischen Souvenir-Sammlern sofort wieder abgeschraubt würden. Oder man müsste sie mindestens in der gleichen Höhe platzieren, in der auch die Nachbildung von Rory Gallaghers Fender-Gitarre an der ihm gewidmeten Straßenecke in Dublin hängt.

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Die angemessene Würdigung für einen Musiker mit Ecken und Kanten

 

Spiel ohne Grenzen

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Nächtliche Straßenmusik-Session im Temple Bar District von Dublin

Erst wenn der Tankwart statt Euro plötzlich britische Pfund verlangt, begreift ein Kontinental-Europäer, dass er die Grenze zwischen Irland und Nord-Irland überquert hat. Dann versteht der Tourist auch, warum die Entfernungsangaben nicht mehr stimmten: Die Kilometer sind nach dem unbemerkten Grenzübertritt zu englischen Meilen geworden.

In diesem Spannungsfeld entlang der Grenze liegt Monaghan. Die Stadt gehört zur Provinz Ulster, die zu je einem Teil irisch und britisch ist. In Monaghan findet seit 1990 jeweils Anfang September das „Harvest Time Blues Festival“ statt. Van Morrison und alle anderen irischen Blues-Größen sind hier aufgetreten – nur nicht Rory Gallagher.

Kammermusik-Freaks aus aller Welt pilgern jedes Jahr Ende Juni zum West Cork Chamber Music Festival in der süd-irischen Grafschaft Cork. Storytellers und Singer-Songwriters aus aller Welt erzählen jeweils Ende September ihre Geschichten auf Cape Clear, der südwestlichsten Insel von Irland. Einen Monat später erlebt die Worldmusic-Szene beim „Sligo Live“ an der irischen Atlantik-Küste, wie die Weltmusikanten mit Celtic-Folkies oder Independent-Rockern zusammen arbeiten. Und jeweils Anfang Mai findet das Derry Jazz and Big Band Festival entlang der Stadtmauer Europas im nordirischen Londonderry statt.

 

Mal eben rüber

Irgendwo auf der grünen Insel oder auf irgendeiner der dazu gehörenden Inselchen findet immer irgendein musikalisches Event-Marathon statt. Außer in Dublin. Die Stadt schmückt sich lieber mit dem Titel „UNESCO City of Literature“ und hat eigentlich keine Musik-Festivals nötig. Denn die mehr als eine halbe Million Einwohner von Baile Átha Cliath – so der gälische Name von Dublin – werden musikalisch rund um die Uhr bestens versorgt. Der Kurzurlauber – zwei Stunden von Hamburg, eine halbe Stunde mehr ab München – steigt in den Airport-Bus, lässt sich in das Zentrum von Dublin fahren und landet in Temple Bar. In diesem Stadtviertel harmonieren Subkultur und Entertainment, Nightlife und Traditionspflege bestens miteinander. Bei Tag sind hier alle Katzen grau. Nur die Straßenmusiker und die farbenfroh gestalteten Häuserfronten – ab und zu auch mal ein berittener Polizist – sind die einzigen Touristen-Attraktionen.

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Im Temple Bar District von Dublin

 

Ein Pub ist keine Kneipe

Aber nach Einbruch der Dunkelheit sind in Temple Bar sämtliche Spielarten der irischen Pub-Kultur zu besichtigen. Deutsche Touris, die hier das keltische Pendant zu „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ und „In München steht ein Hofbräuhaus“ suchen, kommen auf ihre Kosten. Ein irischer Pub ist allerdings mehr als nur eine Abfüllstation für Guinness und Whiskey.

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Untertags ist nichts los im Temple Bar District von Dublin

Ein irischer Pub ist eine Institution, in der das gesprochene wie auch das gesungene Wort noch was gilt. Diese Gesänge kennen wir: „Whiskey In The Jar“ und andere Irishfolk-Klassiker werden nach Einbruch der Dunkelheit in den gastronomischen Betrieben des Temple Bar Bezirks gegrölt, als wären wir hier in einem ordinären deutschen Irish Pub. Aber die eigentlichen interessanten Geheimtreffen für Irland-Liebhaber und solche, die es werden wollen, finden woanders statt – und zwar in den Storytelling Clubs. Diese Oasen des andächtigen Lauschens feiern auch im brodelnden Zentrum von Dublin ihr Revival.

Man kann „Storytelling“ übersetzen mit: Geschichten erzählen. Aber Storytelling ist eigentlich eine Personality-Show – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Storytellers sind weder Akrobaten noch Pantomimen, aber sie arbeiten mit vollem Körper- und Seeleneinsatz. Eine Frau oder ein Mann steht allein auf der Bühne. Kein Mikrofon, keine Lautsprecher. Wenn ein Storytelling-Abend als „open mike“ (offenes Mikro) angekündigt ist, bedeutet das eigentlich: Die Bühne steht jedem offen. Das Publikum hört stumm zu und verteilt so gut wie keine Vorschusslorbeeren. Den Applaus und die Lachsalven heben sich die Zuhörer für nach dem Finale auf.

 

Millionen Fans und keine Stars

DublinDie nord-irische Storytellerin Liz Weir gehörte in den 1980er Jahren zu den Avantgardisten der Storytelling-Renaissance. Liz nennt eine Zahl, von der manch ein Pop-Sänger nur träumen kann: „Das irische Storytelling hat weltweit mehr als 10.000.000 Fans.“ Die meisten Mitglieder dieses globalen Fan-Clubs sind Nachfahren von Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts wegen der großen Hungersnot ihre Heimat verließen. Obwohl sie auf allen fünf Kontinenten ihre Stories erzählt, beteuert Liz Weir: „Es gibt keine Storytelling-Stars.“

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Straßenmusikerin in Dublin

Der eigentliche Star ist jeder Pub, wo eine Frau oder ein Mann plötzlich aufsteht und anfängt zu erzählen. In Irland muss kaum jemand einen Wirt lange bitten: Hey, schalt die Musik ab, ich hab da eine neue Story. Und vor allem in Nord-Irland gibt es viele Pubs, in denen nicht einmal Lautsprecher installiert sind. Hier spielt das Leben wirklich noch live.

Zurück nach Temple Bar, wo um Mitternacht zwei E-Gitarristen mit Batterie-betriebenen Amps ihren Blues verstärken. Über ihren Köpfen schwebt als Inspiration Rorys Stratocaster. Wer dieses Openair-Konzert bis zum Ende genießen möchte, sollte ein Hotelzimmer gleich um die Ecke gebucht haben. Die stilvollste Anlaufstelle für Spätheimkehrer ist das Clarence Hotel, keine Minute zu Fuß entfernt von der Gallagher Corner.

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Pub in Killarney im Südwesten von Irland

 

U2 investiert in die Zukunft

Stilvoll war das 1852 erbaute Clarence immer schon. Und die Bar im Erdgeschoss war dank ihrer zentralen Lage ein idealer Meetingpoint für die Reichen und Schönen von Dublin. Bono und seine U2-Kumpels versackten hier regelmäßig, als sie noch schön waren. Als er zu Reichtum kam, investierte Bono in das runtergekommene Hotel und möbelte das Clarence zu einer Viersterne-Adresse auf. Die Zimmer zur Straße sind ruhig und gewähren einen herrlichen Blick auf den River Liffey. Musikfreunde, die sich auf dem Bett räkeln und noch ein wenig das nächtliche Openair-Angebot auf den Straßen von Dublin belauschen möchten, verlangen ein Zimmer nach hinten raus.

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Hier geht’s zum Cafe von Magnetic Music in Doolin an der irischen Atlantik-Küste

Wer nach solch einem Abend lieber zur Ruhe kommen möchte, schläft besser im City North. Dieses Hotel steht vor den Toren von Dublin und ist ein guter Startplatz für einen Trip in die irischen Folkmusic-Metropolen – zum Beispiel nach Doolin. Dort betreibt der Plattenproduzent Petr Pandula einen CD-Shop und das „letzte Musik-Cafe vor Amerika“, wo er den Gästen seine neuesten Produkte vorspielt. Wer lieber selbst musizieren möchte, besucht das Coleman Traditional Irish Music Centre in Gurteen; einer der Lehrer an dieser Musikschule ist der Percussion-Spieler Junior Davey, seine Spezialität ist das rhythmische Arbeiten mit Löffeln.

Junior war mehrfacher irischer Meister auf der Bodhrán-Trommel. Aber inzwischen belegt er nur noch zweite und dritte Plätze. „Ich bin ein viel zu guter Pädagoge. Einige meiner Schüler trommeln mich heute gegen die Wand.“ Es kommt noch schlimmer, seit einigen Jahren dürfen Ausländer an diesen Meisterschaften teilnehmen. Junior Davey befürchtet: „Irgendwann wird garantiert ein deutscher Trommler die Bodhrán-Championship gewinnen.“

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Jenseits vom River Liffey beginnt der Feierabend.
Diesseits erwacht die irische Hauptstadt zum Leben

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

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